Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021671--15309-3040068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 224 Dr. Biocb s Mocbens drltt. Nr. 14 Ihr schaltet mich ungläubig, emen Bluthund, Und speit auf mein jüdisch Feierkleid . . . Soll ich mich bücken, und in eines Schuldners Ton Demütig wispernd, mir verhaltnem Odem So sprechen: Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet Ihr mich an, Ihr tratet mich den Tag; Für diese Höflichkeiten will ich Euch Die und die Gelder leih'n?" Wer noch mehr über die Shylocks unter den Juden erfahren will, lese die Abhandlung „Jessika" in Heines „Shakespeares Mädchen und Frauen", geschrieben 1838. Und nun wenden wir uns einem deutschen Romanschriftsteller, Humoristen und Phantastiker zugleich, zu, der scheinbar die Quelle zeigt, aus der die häßliche Judengestalt hervorgegangen ist, der eine Erklärung für diese in einem, wie wir ohne Vorurteil sagen wollen, vortrefflichen Romane geben will, es ist Wilhelm R a a b e (Jakob Corvinus), und sein Romam mit dem wir uns näher beschäftigen wollen, heißt „Der H u n g e r p a st o r". Es ist kein neues oder wenn man will, modernes Werk, von dem wir hier sprechen. Geschrieben wurde es im Jahre 1865, erlebte seine 4. Auflage 18^6 und im Jahre 1»05 die 23. *) In der Tat bedeutet dies für ein deutsches Dichtungswerk eine stattliche Zahl und zeigt, daß gerade dieser humoristisch ernste Roman viel gelesen wird. Er weist auch alle Vorzüge des Dichters auf, seinen wahrhaft erfrischenden Humor und dann wieder seine satyrisch-elegische Nuffaffung des Lebens. Echter, kerniger Realismus paart sich in ihm mit einer gewiffen Phantastik, die eine Eigenart Raabes bildet. Sieht man von manchen altertümlichen oder verzopften stilistischen Wendungen ab, so wird man sich noch heute an den Prachtgestalten des Werkes, an den lebendigen Charakteren, an dem anschaulich geschilderten Milieu umsomehr erfreuen, als die neueste Literatur wahrlich keinen Ueberstuß an klassisch zu nennenden Werken der Romanliteratur darbietet. Wir zweifeln auch nicht daran, daß es der Dichter ehrlich mit seinem Berufe meint und von den gewöhnlichen Vorurteilen des Tages frei ist. Räabe führt ein stilles Dichterleben. Geboren am 8 September 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig, lebt er, nach langem Aufenthalt in Stuttgart, jetzt in Braunschweig. Manche seiner Erzählungen und Romane haben mit Recht eine Berühmtheit erlangt; ich verweise nur ans „die Chronik der Sperlingsgasse" und auf die Prachterzählung „Unseres Herrgotts Kanzlei", -862 erschienen, die eine hinreißende Schilderung der Belagerung Magdeburgs während des „Interims-Kampfes" im Jahre 1548 gibt.**) Im „Hungerpastor" führt uns nun der Dichter zwei Hauptpersonen vor, die in derselbe» Stunde geboren werden, den Schusterssohn HausUnwirrsch und denTröblerssohn Moses Freudenstein. Sie ziehen Beide aus, um ihr Glück zu finden, freilich jeder auf andere Art; der Eine, der Schusterssohn, ist ein, fast hätten wir gesagt, unverbefferlicher Idealist, der Andere, der Trödlerssohn. ein Materialist von einer Rohheit der Gesinnung und Handlungsweise, die abstoßend, ja widerlich wirkt. Und bei diesem Punkte angelangt, möchten wir vorerst unsere begründeten Zweifel aussprechen, ob denn unser Dichter ganz nach der Wahrheit seinen Charakter zeichnete, und fragen, ob nicht das eingewurzelt- Vorurteil gegen die Juden mitgesprochen habe. Raabe selbst schildert sehr realistisch, welchen frechen Verhöhnungen schon der Knabe Moses, Sohn des Trödlers Freudenstein — die Mutter ist bei der Geburt des Knaben gestorben — von Seiten seiner Schulkameraden ausgesetzt ist; freilich einmal nimmt sich der Schusterssohn Hans seiner in menschlicher Weise an. Es muß jedes Menschenherz ergreifen, wenn man liest, wie sich die hoffnungsvolle Jugend von Neustadt — so heißt der Geburtsort unserer Helden und in der Gröppelstraße spielt sich ihre Kindheit ab — das Vergnügen bereitet, den kleinen Moses in die Hand zu spucken, ähnlich machte es Antonio mit Shylock. Und man verzeihe, wenn ich zur Erklärung der Shylock, Jtzig Beitel und Moses Freudenstein wieder Shakespeare zitiere; wie sagt doch Shylock? (man lese sich die erste Szene des 3. Aktes des „Kaufmann von Venedig" nach). Er sagt: „Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jud' Augen? Hat nicht ein Jud' Hände, Organe, Gliedermaffen, Sinne, Empfindungen, Leidenschaften? . Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht? . . Wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? . . Und wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? . . Die Bosheit, die Ihr mich leh-t, will ich ausüben; und übel muß es gehn, verbefferte ich nicht die Lehre." Oh, daß sic doch alle die deutschen und anderen Dichter zu diesem größten Menschenkenner in die Schule gingen, sie würden anders über uns urteilen. Nicht ohne Absicht stellte ich an die Spitze dieser bescheidenen Arbeit einen kurzen Abriß der Geschichte der Juden in Deutschland. Wie mußte nicht eine Stachel im Herzen der Juden gegen ihre Peiniger Zurückbleiben, wenn sie, die mitgebaut an der deutschen „gigantischen" Kultur, doch immer nur das eine Wort hörten: Jude. Gehen wir weiter in der Betrachtung unseres Romans. — Hans, der Schusterssohn, den sein Oheim, der Schuster Grünebaum — eine prächtige Charakterfigur — nach dem Tode des Vaters der Vor¬ *) „Der Hungerpastor", 23. Aufl. Berlin, Otto Zankes Verlag. 1905. **) Vgl. über den Dichter: Adolf Stern: Die deutsche Nationalliteratur vom Tode Goethes bis zur Gegenwart, Marburg, 1901. Desselben: Studien zur Literatur der Gegenwart, Dresden, 1898. wund des Neffen, wieder zum Schuster erziehen will, denn das ganze Geschlecht der Unwirrsche betrieb das edle Handwerk Hans Sachsens und Jakob Boehmes, unser Hans also, fühlt Hunger, aber nicht nach Brod, denn seine arme Mutter erarbeitet dieses im Schweiße ihres Angesichtes, sondern nach den — Idealen. Er -will auf die Lateinschule, wie Moses sein Freund, für den sein Vater Samuel.ein Sümmchen wohl verborgen in seiner Trödlerbude, wie einen geheimen Schatz, hütet. Ein Sümmchen, vielleicht ist es eine Summe. Die beiden Knaben studieren auf dem Gymnasium. Moses ist und bleibt der Primus bis zum Abiturienten-Examen. Aber der Professor der Philologie, der Doktor Fakler, der für Catull und Properz schwärmt, mag die Juden auch nicht, er liebt Hans und — fürchtet den Judenjüngling. Das heißt mit anderen Worten, dieser ist dem wackeren Lehrer geistig überlegen. Moses muß sich den Primat erkämpfen, er fühlt dies und — wird zum Egoisten, heutigen Tages spräche man vom Streber. Jedes edlere Gefühl wird in ihm erstickt, keine liebevolle Mutter ist an seiner Seite, der Vater aber wird wenig geachtet, er, der in seiner Trödlerbude — eine prächtige Milieuschilderung — sein dunkles, armseliges Dasein fristet. Aus dieser Enge will der Judenknabe hinaus, hinaus in die weite Welt. Dieser Moses sagt sich: sein Freund Hans könne das Höchste erreichen, weil er ein Christ ist, er gar nichts, weil er als Jude geboren wurde. Bis hieher entwickelt sich alles ganz naturgemäß, ganz psychologisch, oder, wenn man so will physiologisch richtig. Die beiden Jünglinge gehen in die Welt, sie gehen auf die Universität, Hans mit dem Hunger nach dem Ideal; der bleibt immer der Schusterssohn, dessen Sehnsuchtsziel ein Pastorat bildet Ganz anders Moses. Ohne Liebe zieht er hinaus, er kennt dieses höchste und edelste Gefühl nicht, er will nur groß werden, größer als die, die ihn verachten, die für ihn keine Güte und Liebe besitzen; der Eigennutz, die gemeinste Selbstsucht haben sich seiner bemächtigt, nachdem ihm auch der Vater durch einen rötlichen Schlaganfall entrissen worden, und so wird er eine Kreatur, die nichts kennt als den eigenen Vorteil, eine Kanaille, ein Schuft, ein Epikuräer (von Apikorsim sprachen auch schon unsere Alten), ein Weiberjäger, ein Glücksoernichter, der sich auf den Trümmern fremden Glücks sein eigenes Gebäude äufrichtet. Natürlich läßt er sich taufen, sich aufnehmen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche. Jetzt kümmert uns dieser Moses Freudenstein, aus dem nach großen Mustern ein Dr. Theophile Stein geworden, nichts mehr. Was hat dieser Verworfene, der zuletzt ein Geheimrat wurde, während Hans post multos sudores et cruces eine Hungerpfarre in irgend einem Neste an der Ostsee erhalten hatte, mit uns Juden und dem Judentum gemein? Nicht weil er ein Jude gewesen, sondern weil er kein Jude war, hat er so abscheulich gehandelt, wie dies von Raabe in uugemein r« alistischer Weise dargestellt wird. Was dieser Doktor geworden, das hat die Welt aus ihm gemacht und der Haß. der den Juden verkrüppelte. Ich weiß in der Tat nicht, wie Rabe dazu kam, zu n Motto seines Romanes das große Wort des Heiden Sophokles zu wählen: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da". Freilich viel von Liebe ist in diesem Werke die Rede, aber allen wird sie entgegengebracht, nur dem Juden nicht. Sollte es sich unser Dichter oder ein anderer beifallen lassen, wieder ein ähnliches Werk zu schreiben, in dem wir Juden von dieser häßlichsten Seite geschildert werden, dann möchte ich den bibelfesten Herren — Raabe ist sehr bibelfest — einen Spruch als Motto empfehlen, der sich im Neuen Testamente findet und besagt: „Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet". Und wir Juden besaßen einen Weisen, der hieß Hillel und der sagte: „Richte nicht über einen Menschen, bevor du nicht an seine Stelle kamst". Nur edle Menschen, nur Tugendhelden schildert Raabe, für den Juden hat er nur Worte des Vorurteils und Hasses. Man mißverstehe uns nicht. Wir kennen diese Freudensteins, aus denen die Steins werden, wir entschuldigen sie nicht, denn w i r haben am meisten durch sie zu leiden. Aber welcher vorurteilslose Schriftsteller kann diese Ausnahmen zur Bestätigung der Regel hinstellen? Untere Jünglinge begreifen, Wissen sei Macht, und darum streben sie nach der-Wissenschaft, aber wir können es mit Stolz sagen, sie suchen sich einen Ehrenplatz in der Gesellschaft zu erringen, die sie so gerne ausschließen möchte. Der Doktor Theophile Stein macht es sich leicht. Er kämpft nicht, er duldet nicht. Aus dem Sklaven wird ein Tyrann. Die nichtjüdische Moral hat ihm den Weg gewiesen, der zu leichten Erfolgen, zu billigen Lorbeeren führt. Sein Vater hat in der Trödlerhöhle das Grab gefunden, bei Theophiles Leicheubegängniffe waren sicherlich die bekannten „Honoratioren" vertreten, man hat an seinem Sarge schön „gesungen" und noch schöner „gesagt". Fassen wir nochmals zusammen. Die Doktoren Theophile Stein sind ein Produkt der großen geschichtlichen Entwicklung, die sich in die Worte kleiden läßt: „Wer Wind säet, wird Sturm ernten." Diese Krüppelgestalten, so können wir Juden behaupten, habet Ihr aus uns gemacht. Starke Charaktere sind nur dünn gesäet, wundern wir uns nicht, wenn aus Menschen mit sehr weichem Rückgrat, für welche die Sonne der Liebe nicht scheint, Scheusale werden, gleich Jtzig Beitel und gleich Moses Frei-denstein, reote Dr. Theophile Stein. Wir möchten aber an diese Betrachtungen noch eine knüpfen. Schriftsteller, deren Werke viel gelesen werden,. mögen doch bei der Schilderung solcher Charaktere etwas vorsichtiger sein. Es ist sicherlich Zweck der Dichtnna, uns das Leben vorzuführen, wie es in Wirklichkeit sich entwickelt. Müssen aber solche Krüppelgestalten dargestellt werden, die von der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.