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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sir. 14 Dr. Dlocv's Mlocvenscvrm. Seite 223 an Aerzten, Juristen rc. schon unter den Tschechen eintreten. und welches Los stünde dem Juden bevor, der mit dem Ausgeben der deutschen Bildung sich die Welt verschlossen hat? Anschluß an die Tschechen bedeutet selbstverständlich Auslassung der deutschen Schulen. Nachdem eine vollständige Sonderung des Schulwesens (auch der.Schulbehörden) nach Nationalität eintreten wird, so kann man doch nicht erwarten, daß man im deutschen Landesschulrate deutsche Schulen für Gemeinden errichten wird, die sich selbst als tschechisch erklärt haben! Würden es dann die Tschechen dulden, daß deutsche Bildungsstätten, die ihnen überall ein Dorn im Auge sind, in ihrer Mitte erhalten bleiben? Also es handelt sich um die deutsche Bildung der Juden, um das Fortkommen derselben in der Welt, somit um eine wahre Existenzfrage. Darum, hochverehrte Glaubensgenossen, können wir eure gewiß recht gut gemeinten Ratschläge nicht befolgen. Die mährischen Deutschen wurden von den Alldeutschen, Ostdeutschen, Teutonen usw. angegriffen, weil sie mit den Tschechen die genannte Auseinandersetzung im Landtage votierten. Und was erwiderten sie? Verehrte Freunde, ihr kennt unsere Verhältnisse nicht, seid überzeugt, daß wir nicht aufs Hirn gefallen find und ganz gut wissen, warum wir so verfahren. Ganz dieselbe Antwort müssen wir mährische Juden unseren böhmischen Glaubensbrüdern geben. Heute haben wir ein blühendes Schulwesen, das die deutsche Sektion erhalten .wird. Sollen wir vielleicht unsere öffentlichen Schulen, die ziemlich kostspielig sind, auflassen und uns Privatschulen aus eigenen Mitteln errichten? Haben wir denn die Mittel, derlei auch nur annähernd zu versuchen. Und wozu das alles? Um im Frieden mit der Bevölkerung zu leben? Wir leben heute in tiefstem Frieden, aber jeder Teil hübsch für sich. Wir haben unsere Vertreter in der städtischen Gemeindevertretung, die offen, ehrlich vorgeht und deshalb geachtet ist. Als vor zwei Jahren hier das neue jüdische Schulhaus eingeweiht wurde, richtete der sel. Bürgermeister Dr. Weber, päpstlicher D r d e n s r i t t e r, ein Schreiben an die Judengemeinde und eine Deputation, bestehend aus lauter Tschechen, nahm Anteil an der Feier. Ist dies kein friedliches Zusammenleben? Lassen wir die nationalen Parteien nur untereinander ihre Angelegenheiten selber ordnen, handeln wir nur wie alle politischen Parteien: Förderung unserer Interessen, keine Gefühlspolitik, kein Chauvinismus, aber auch keine Furcht. Bange machen gilt auch bei uns nicht. Der „Huugrrpastor" und der Jude. Ein Beitrag zu dem Kapitel: Der Jude in der deutschen Roman- , literatur. Von Dr. Max G r ii n f e l d. In der Literatur eines Volkes spiegelt sich sein ganzes geistiges und kulturelles Leben. Dieser Satz ist so alt, wie die Literatur selbst. Was ein Volk bewegt, seinen Geist am meisten beschäftigt und was sein Herz fühlt, davon soll uns seine Literatur Zeugnis geben, wenn sie den Anspruch erheben will, für vollgiltig genommen zu werden. Heben wir nun aus der Literatur den Roman heraus. Mit Recht hat man ihn als das Epos der Gegenwart bezeichnet. Er soll das Volk, nach einem Worte Gustav Freytags, bei seiner Arbeit aufsuchen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Juden in der Geistesgeschichte der Völker und insbesondere des deutschen Volkes eine . große, eine bedeutende Rolle spielten. Und, wenn der Roman das Epos der Gegenwart ist, so wird in ihm dem Juden, den wir aber nicht schlechtweg mit dem Judentum gleichstellen wollen, ein ihm gebührender Platz eingeräumt werden müffen. Nun kann in diesem anspruchslosen Aufsatze natürlich nicht eine ganze Geschichte der Juden in Deutschland vorgeführt werden, das ist nicht sein Zweck. Möge nur darauf hingewiesen sein, wie die Juden seit den Römerzeiten am Rhein und der Donau ansässig waren, wie hier mit den Kreuzzügen für sie schreckliche Zeiten anbrachen, wie jedes Jahrhundert des Mittelalters förmlich erfinderisch war in der Erdichtung und Erhebung neuer, furchtbarer Anklagen gegen sie, möge nur erwähnt werden, wie selbst die geistige Befreiung der Nation, Reformation genannt, für sie kein glücklicheres Los brachte, da der große Reformator mit Hoog- ' sträten im Jtt^enhaffe wetteiferte. Die Jahrhunderte fliehen, aber. was sie an Feindseligkeit gegen die Juden aufgehäuft hatten, bleibt. Das 17. Jahrhundert hatte seinen „neuen Haman", genannt Vinzenz Fettmilch in der protestantischen freien Reichsstadt Frankfurt am Main und seinen Wagenseil, der zwar allen Christen empfahl, Jüdisch- Deutsch zu lernen, aber auch seine feurigen Satansgeschoffe („tela ignea Satanae") gegen die Juden schleuderte. Diese giftigen Pfeile wurden bald nach der Thronbesteigung Friedrichs I. von Preußen von Eisenmenger in seinem berüchtigten Buche: „Das entdeckte Judentum" von neuem geschärft, und ich muß wohl dem gegenwärtigen Geschlechts nicht erzählen, wie dieses Gift noch heute nichts von seiner unheilvollen Wirkung verloren hat. Kein Mendelssohn und kein Lessing, aber auch kein Voltaire konnten es verhindern, daß Friedrichs des Großen ..Judenreglement" die Zahl der Juden in jeder Weise beschräukre. Und wenn auch die Juden in den deutschen Freiheitskriegen 1813 bis 1815 tapfer an der Seite ihrer Brüder kämpften, so haben sich doch deutsche Regierungen auf dem Wiener Kongresse sehr unbrüderlich, oder sagen wir besser, sehr wenig landesväterlich gegen sie benommen. Nicht Rothschild, nicht die hochherzige Baronin Arnstein, aber auch nicht die Minister Metternich und Hardenberg vermochten den Juden ihre Rechte zu sichern, ihre Anstrengungen scheiterten an dem Widerstande Bayerns und Sachsens. Mühsam mußten die Juden ihre Gleichstellung erkämpfen, wenn auch an ihrer Spitze Vorkämpfer wie Gabriel Rießer. Bernhard Beer, Johann Jacobi, Eduard Lasker standen. Auch seit 1871 fand die Judenfrage in Deutschland noch nicht ihre völlige Lösung. In dem geeinigten Deutschland tritt um die Mitte der Siebziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts eine tiefgehende Wendung ein, die uns den Antisemitismus und seinen Häuptling Stöcker bescherte. Professor von Treitschke und ein ganzes Gefolge judenfeindlicher Skribenten sorgten dafür, daß der Judenhaß sich in allen Gauen des Deutschen Reiches wie eine pestartige Krankheit verbreitete. In demselben Stettin, in welchem vor wenigen Tagen eine wohlorganisierte Hetze gegen einen Professor aus Breslau, der von Juden abstammt, unternommen wurde, kam es schon damals zu tätlichen Ausschreitungen. Von Deutschland aus verbreitete sich die häßliche Bewegung nach Oesterreich und Frankreich, und welche Gestalten sie hier annahm, das muß wohl nicht erzählt werden. Wir haben es alle schaudernd miterlebt. Wenn wir uns nach dieser kurzen Uebersicht der judenfeindlichen Bewegung in Deutschland unserem eigentlichen Thema zuwenden und in Betrachtung ziehen, wie die neuere deutsche Romanliteratur den Juden darstellt, so wollen wir nur auf drei große Namen hind uten, die gewiß als die Hauptvertreter dieser Literatur anerkannt werden, auf den dahingeschiedenen Gustav Freytag, Friedrich Spielhagen und Paul Heyse. Der erste der Genannten, dessen Gattin übrigens eine Jüdin war, hat allerdings lange bevor er diese zur Gemahlin sich erkor, schon im Jahre 1855, in seinem Roman „Soll und Haben", der im Jahre 1885 die 30. Auflage erlebte, mit der Darstellung seines Juden Jtzig Veite! wohl nicht wenig zur Popularisierung des Judenhasses, wenn ich so sagen darf, beigetragen, freilich hat er diesem Jtzig eine ideale Gestalt gegenübergestellt, aber die Menge verträgt doch das Dunkle besser als das Glänzende. Friedrich Spielhagen hat in seinem Roman „Hammer und Amboß" den Vater der Sozialdemokratie, den unglücklichen Ferdinand Lassalle, dichterisch verkörpert. Mit dem Juden Laffalle hat dieser Roman wenig zu tun; dies lag auch nicht in der Absicht des Verfassers. Wo er aber in anderen Romanen, man vergleiche^ „Sturmflut", „Die von Hohenstein", von Juden spricht, da treten sie uns als Wucherer und betrügerische Trödler entgegen. Der Lübbener in „Sturmflut", eine Börsenjobbergestalt, wird zwar nicht als Jude bezeichnet. man geht aber nicht fehl, wenn man annimmt, Spielhagen habe sich ihn als solchen gedacht. Wir haben nicht die Gedanken, sondern die Worte zu beurteilen. Und da finden sich nun solche genug, welche die Gesinnung des Dichters in deutlichem Lichte zeigen. Paul Heyse, der mütterlicherseits von Juden abstammt, kommt diesen auch nicht gerade mit der größten Liebe entgegen. Wir verweisen nur auf seinen Roman „Im Paradies", auf die Gestalt des Malers mit dem jüdischen Namen, der sich dagegen entschieden verwahrt, für einen Juden gehalten zu werden. Manch ein hartes Wort wird hier gegen die Juden gesprochen. Es ist uns wohlbekannt, daß es unter den Juden nicht allein Jdealgestalten gibt; der Dichter aber soll uns das Leben darstellen wie es ist in seinem Ernste und seiner Wahrheit. Warum aber, so fragen wir mit Recht, haben sich diese großen Dichter d i e Frage nicht aufgeworfen: Wo ist die Wurzel dafür zu suche», daß viele Juden so abstoßend geworden sind, wie sie geschildert werdend In dem Vaterlande Lessings wäre es wohl für Dichter . nötig, den Ursachen und Gründen des Vorurteils gegen die Juden nachzugehen und diese zu erspüren. Vielleicht hätten sie die Juden beffer verstanden, wenn sie zu dem großen Shakespeare in die Lehre gegangen wären, der, wie man behauptet, obwohl nichts törichter ist als diese Behauptung, ein Drama des Judenhaffes schrieb und »Der Kaufmann von Venedig" benannte. Mögen hier angeführt werden die Worte Shylocks, durch welche die oft wirklich nicht liebenswürdigen Züge zu erklären sind, die manche Juden verunzieren: „Signor Antonio, manchmal und oft Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht. Stets trug ich's mit geduldigem Achselzucken, Denn Dulden ist das Erbteil meines Stamms.

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