Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 222 Nr. 14 Dr. Blocb's MocbenscbrM. Jahresbudget der „Jca", das zum größte» Teil für Auswanderung verbraucht wird, beträgt allein elf Millionen Kronen jährlich. Rechnen wir dazu-die Ausgaben anderer großer Gesellschaften und die unzähligen Posten der großen und kleinen Wohlfahrtskomitees, so werden wir wahrscheinlich als Endergebnis erhalten, daß wir Juden hauptsächlich für Auswanderung fast das Jähresbudget eines Balkanstaates verbrauchen, ganz abgesehen von den gewöhnlichen Steuern au unseren Wohnorten. Das ist ganz unfruchtbares, verlorenes Geld, das zum größten Teile Transportunternehmungen zufällt. Außerdem ist der Zweck der Ausgabe in seiner Güte zweifelhaft. Es steht fest, daß die Auswauderungsgesetze der Bereinigten Staaten und Englands nur durch die Jud.en hervorgerufen wurden. Es steht also fest, daß drüben Abneigung gegen uns besteht und wir. haben allen Grund, das Wachsen dieser Mißstimmung zu fürchten und ihr auszuweichen. Diese Erkenntnis nun hat den Wunsch reifen lasse», die Auswanderer einfür allemal der Gnade oder Ungnade ihrer jeweiligen Machthaber zu entrücken, für das aufgeweudete Geld einen dauernden Besitz zu erwerben und die Hilfstätigkeit so einzurichten, daß die Geretteten in absehbarer Zeit die Zurückgebliebenen unterstützen können. Die Zeit ist vorüber, wo man über diese vernünftigen Grundsätze erst noch hätte debattieren müssen und wo Zweifel darüber bestanden, daß man den jüdischen Ausiedlungsrayon am besten in irgend einen Winkel der Erde versetzen solle, wo auch die langgehetzten Juden ihr bescheidenes Glück, ihr normales Leben in all seinen Gestaltungen finden könnten. Das sieht nur so aus wie ein Titanenwerk, das über unsere Kraft geht. Gebirge sind ebenso gut aus Sandkörnern wie aus Felsen entstanden. Und wenn wir, des ungleichen, ewigen Kampfes überdrüssig, angewidert und empört an eine große und gute Arbeit gehen wollen, so haben wir Kraft und Gelegenheit zur Ausführung genug. Nach mannigfachen Versuchen und vielem Suchen haben wir knapp vor den Toren Europas die beste Möglichkeit gefunden. In die Nüchternheit volkswirtschaftlicher Bestrebungen mischt sich da etwas wie die Romantik eines geschichtlichen Wunders ein. Als hätte das Schicksal die Weltgeschichte dazu überredet, hat sie uns als Zuflucht der Not die historische Stätte unseres Ruhmes aufgehoben. In unseren letzten Nummern haben wir Aufsätze eines Fachmannes darüber gebracht, welche üppigen Gebiete zu beiden Seiten der Bagdadbahn noch des neuen Erschließers harren. Eine Sammlung von Ansichten der besten Fachgelehrten Europas, die leider nicht veröffentlicht wurde, hat sich einstimmig glänzend über die Aussichten des Landbaues in Palästina, Syrien, Mesopotamien und Anatolien ausgesprochen. Dieser Ansicht wurde nach einschlägigen Referaten aus der Brüsseler Konferenz beigepflichtet. Wir haben also einen Schauplatz für den Kampf, welchen wir mit unserem Schicksal führen wollen, und brauchen nur mehr die drei Mittel für den Krieg: Geld, Geld und Geld. Aber kein so großes Kapital wie das, von dessen Zinsen jetzt die Kosten unseres Wanderlebens bestritten werden müssen. Und auch nicht so viel, daß unsere Aeugstlichkeit versagen müßte. Franz Oppenheimer hat in glänzenden Referaten an Beispielen nachgewiesen, daß die landwirtschaftliche Genossenschaft billig und eine lohnende Arbeitsgelegenheit für ganze Massen ist. Unsere jüdischen Kolonisten aber haben bewiesen, daß sie im Handumdrehen zu tüchtigen Ackerbauern wurden. Man mußte also nur unseren Gelehrten und unseren Arbeitern ein Feld schaffen, um ein Werk zu vollbringen, welches unter allen Gesichtspunkten der Kntik vollstes Lob verdient, der Nützlichkeit gleichwie der Schönheit vollkommen Rechnung trägt. Im Vorstehenden ist das Programm eines jüdischen Kolouisatiousvereiucs in Wien enthalten, welcher den Schritt von der Erknntnis zur Tatsache machen will und seinen Teil an einer großartigen Aufgabe zu leisten gedenkt. Sein Gründnngspräses war das Oberhaupt der Wiener, Judenheit, Präsident der Kultusgemeinde Dr.' Alfred Stern, jetzt leitet ihn der für das Judentum unermüdliche Baurat Stiaßny, sein eifriger Mitarbeiter ist Herr Oberrabbiner Güdemanu und eine Reihe verdienter Männer aus allen Parteien des Judentums haben sich in seinem Rahmen vereinigt. Das gibt eine Gewähr dafür, daß es gute und echt jüdische Ziele sind, die sich der Verein gesteckt hat, und das legt der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit die Pflicht auf, aufmerksam zu werden und mit politischer Reife ernst mitzuarbeiten an einem glänzenden Werk, das ein lebendig blühendes Denkmal werden soll von jüdischer Bruderliebe, jüdischer Arbeit und jüdischer Ehre. I. Uprim ny. Die Anden nnd dev mährische Mahlkalastev. Von Oberlehrer L. Riesenfeld in Ung. Brod. Im mährischen Landtage erfolgte im Herbste v. I. eine friedliche Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen. Es wurde eine Art nationaler Besitzstand anerkannt, jeder Nation eine bestimmte Anzahl Mandate für den Landtag eingeräumt, das Schulwesen gesondert usw. Jeder wahlberechtigte Mährer hat sich somit zu entscheiden, ob. er , dem deutschen oder dem tschechischen Wahlkataster angehöre. Selbstverständlich tritt man von beiden Seiten an die Juden heran, um dieselben entweder zu behalten oder zu erobern. Die Tschechen erhalten Unterstützung durch eine große Reihe hervorragender Glaubensgenossen aus allen Teilen Böhmens, welche schon vor einigen Wochen einen Ausruf an ihre mährischen Glaubensbrüder gerichtet haben, um dieselben für die tschechische Sache zu gewinnen. Ob derselbe Erfolg haben wird? Ich glaube Nicht, weil es sich hier nicht um Gefühlspolitik, sondern um sehr praktische Dinge, um Geldfragen handelt. In Mähren liegen die Verhältnisse ganz anders als in Böhmen. Was die Deutschen in Böhmen seit Jahren vergeblich anstreben, nämlich Sonderung nach Nationen in Verwaltung und Gerichtsbarkeit, um die Reibungsflächen zu vermindern, das ist in Mähren für die Juden seit einem halben Jahrhundert in Kraft. Die jüdisch-politischen Gemeinden Mährens sind eigenartige Gebilde, kostspielige Institutionen, aber sie haben den Juden Selbständigkeit, Unabhängigkeit gebracht, ein friedliches Leben mit der tschechischen Bevölkerung faktisch herbeigeführt, weil eben in den Gemeinden gar keine Reibungsfläche vorhanden ist. Ungarisch-Brod liegt mitten in der Slovakei, eine wahre deutsch-jüdische Sprachinsel. Würden wir keine selbständige politische Gemeinde bilden, so gäbe es Zank in Hülle und Fülle. Jeder Kreuzer, den die (christliche) Stadtverwaltung für uns zahlen müßte, gäbe Anlaß zu Hetzereien. Unter den gegebenen Verhältnissen läßt es die Bevölkerung ganz gleichgiltig, ob wir für uns ein Cheder oder eine Universität erhalten. Natürlich aufs Germanisieren dürften wir uns nicht einlassen. Das fällt uns auch nicht im Traume ein. Uns klingt das „Saujud" genau so harmonisch wie das „prasive zid“. Agitatoren halten wir uns schon vom Leibe. Wir bekennen uns einfach als Juden, lassen in unseren Schulen deutsch und böhmisch gründlich unterrichten, dulden aber nicht, daß man uns für unser Geld Vorschriften macht, ob die Unterrichtssprache deutsch oder tschechisch zu sein habe. Natürlich gehört Rückgrat dazu, um eine solche Position zu behaupten. Die Einsichtigen unter den Tschechen verkennen nicht, daß wir deutsche Bildung aus praktischen Gründen der tschechischen vorziehen. Wohin sollen wir mit unseren Kindern gehen, wenn dieselben der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind und der - tschechischen. Intelligenz in Böhmen, Mähren und Schlesien Konkurrenz bieten müssen? Kommt eine zweite tschechische Universität zustande, so wird eine Ueberproduktion