Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 14 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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wm/es «Tl '-^5^Lr...- ^j&rxrKtsiSäXi^ dL.r- Ur. 14 Dr. Bloch’s ♦ « ♦ rrrnrni Iahrgav-Xllll Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 6. April 1906. Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mten, IX/I. Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: Vlocb's MlocDenscLrtkt» Mlien. Inhalt: Leitartikel: Der Kolonisationsverein für Palästina in Wien. — Die Juden und der mährische Wahlkataster. — Der „Hungerpastor" und der Jude. — Korrespondenzen: Zwei Anregungen. Tätigkeitsbericht der Baron Hirsch-Stiftung. Tätigkeitsbericht der Baronin Clara v. Hirsch-Kaiser-Jubiläums-Stiftung. Eine Kundgebung russischer Schriftsteller. Rituell oder nichtrituell? Verband „Zion" Landeskomitee für Oesterreich. Aisiinilanten und Zionisten in Galizien. Ter Kampf um einen Toten. Ein Tempel für Soldaten. Max und Johanna Roscnthal'sche Stiftung in Brünn. Berlin. Synagogenweihe in Posen. Jünkerath in Reinpr. Petersburg. Pobjedonoszew rkäivivub. Die Elektrizität in Palästina. Die älteste Judengemeinde der Welt. Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Zum 80. Gedenktage der Einweihung des Wiener Stadttempels. Unsere Künstler auf der Jahresausstellung im Künstlerhause. Oesterreichische Ausstellung in London. Verein zur Hebung der Gewerbe. Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung an jüdische Hochschüler. Wien. Zionistischer Zentralverein. Ein jüdischer Husaren-Zugsführer als Lebensretter. An die befugten Hausierer. Agram. Nemet-Palanka. Prag Eger. Kuttenberg. Mährisch-Schönberg. — Feuilleton: Romantik in der Schneiderwerkstatt. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »-« 3$. k. Postsparkassen-Dml Lleartng-Verkebr Mr. 810.976. DrdakNon und Administration: Wir» IX/I. Kerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. •--* *-* Vrrirgsxrri« für Vrfirrrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Aür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. *-* Der Kolonisationsverein für Palästina in Wie«. In der kommenden Woche feiern wir Juden das Fest der Befreiung. Ein wehmütiges Fest, da seine Vorgeschichte, die Knechtschaft, durch die gegenwärtigen Verhältnisse in uns so lebendig gemacht wird. Es ist nicht die Rede vom jüdischen Westen, wo die außerordentliche Genügsamkeit jüdischer Ansprüche an das Leben sich mit der Erträglichkeit zufrieden gibt. Aber an den Ansiedlungsrayon der breiten jüdischen Massen denken wir als an eine der verstuchten Gegenden der Erde, denken daran wie an die sizilischen Schwefelgruben, wie an die Gebiete der verhungernden irischen Kleinbauern, wie an die eingeborene Bevölkerung in den Kohlenrevieren, wo Geschlecht nach Geschlecht in dumpfer Verzweiflung durch Hunger und Qual von der Wiege zum Sarge taumelt und nur die wenigsten den Ketten eines haßerfüllten Lebens zu entfliehen vermögen. Der Hungertyphus ist eine jüdische Volkskrankheit geworden. Tausende rafft er jährlich dahin. Das soll statt aller Erklärung grausamer Ursachen und fürchterlicher Wirkung beflissenen Gehorsam und Gefolgschaft für den Appell bringen, den unsere Brüder mit ihrem rauchenden Blut au uns geschrieben haben: den Appell, ein neues Fest der Befreiung für diejenigen unserer Brüder zu schaffen, die in der Tiefe des Elends nach Erlösung weinen. Der Kosak sitzt wieder siegesfroh im Sattel, der Tschinownik hat wieder die großrussische Sprache gewonnen, auf unabsehbare Zeit hinaus hat die Hoffnung der Unterdrückten das Land des weißen Schreckens verlassen. Und wenn schon das Unerhörte dort zum Ereignis würde, wenn schon lendenlahme Gesetze den Juden einige Rechte bringen wollten, was täten diese damit innerhalb einer Bevölkerung, die sich mit solcher Begeisterung zu Pogroms versammelt, was nützten die Gesetze von Behöroen, die sich als Geueralstab für Judenhetzen betrachten? Das ist Rußland. Vor dem Donner seiner Ereignisse ist das stille Elend Rumäniens und Galiziens dem Gehör entschwunden, aber auch die Grenzen dieser Länder umschließen grenzenlosen Jammer. Es muß nicht gerade Bruderliebe und Menschlichkeit sein, die uns zum Einschreiten und zur Hilfe veranlassen. Gerade der Egoismus ist es, der am tüchtigsten bei der Abhilfe zugreifen muß, wenn anders er mit Vernunft gepaart ist. Dann muß er erkennen, welches Verhängnis ihm die Flüchtlinge, aus den modernen Pharaoneuländern als Gastgeschenk mitbringen. Niemand wird den Strom der Auswanderer zu hemmen vermögen. Es ist schließlich nicht nur Rußland, das in Betracht kommt; aber nicht einmal die starrenden Reihen der Bajonette an seiner Grenze können die Scharen derjenigen zurückhalten, welche nichts mehr zu verlieren haben als das Leben eines Verdammten. Diese Flut nimmt unaufhaltsam ihren Weg durch Europa, für die Juden nicht ein befruchtender Strom, sondern ein zerstörendes Hochwasser. Was von den Wanderern hier bleibt, wird zum furchtbaren Konkurrenten, der an die niedrigsten Lebensbedingungen gewöhnt ist, dessen Energie vom Hunger aufgepeitscht wird und dessen Verstand die Not geschärft hat. Unser Mittelstand und unsere Arbeiter aber können die Vermehrung des Wettbewerbes nicht vertragen. Eine kaltblütige Betrachtung zwingt uns die Erkenntnis auf, daß die Juden zum großen Teil einen geschlossenen wirtschaftlichen Körper bilden, in welchem Produktion und Verbrauch ausschließlich von ihnen selbst bestritten werden. Den Leuten, welche kaufen und zu verdienen geben, geht es immer schlechter, und jeder, der arbeiten und verdienen kommt, macht das Stückchen Brot der anderen noch kleiner. Es ist richtig, daß der laute und rüde Ton des Antisemitismus nachgelassen hat. Aber sein Werk hat der Judenhaß in der Hauptsache vollendet. Die Bevölkerung handelt wie nach einem stillen Uebereinkommen gegen den jüdischen Erwerb, wie zum Beispiel die Landflucht und der wirtschaftliche Niedergang in den Sudeteuländern beweisen. Unsere Lebensmöglichkeiten werden immer enger, und so kommt es, daß wir gegen jeden neuen jüdischen Teilhaber einen moralisch widernatürlichen, wirtschaftlich natürlichen Widerstand leisten müssen. Wir treffen einen Ausgleich zwischen der Erwägung, den jüdischen Bruder einfach ohne Schererei verkommen zu lassen, welche undenkbare Schande wir auch nicht auf uns laden wollen, und der Notwendigkeit, uns ihn wirtschaftlich vom Halse zu schaffen. Wir unterstützen seine Weiterwanderung in ein besseres Lebensklima. Es sind die Zinsen eines enormen Kapitals, die da verbraucht werden. Das