Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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... '.'1- »‘.Z. - . .’JtbäS'^aK",-»-#L - 4 .;s^•' , '.s>. fi? ‘ £.J.i*V Sir 13 „Und Ihr", wandte er sich, böse dreinschauend, au Meyer, „bei Euch ist es auch ganz recht, wenn Ihr redet, aber wenn Ihr schweigt, ist es noch besser. Beile hör' nicht auf ihn! Sing nur weiter," sagte er zu dem Mädchen und sein Gesicht bekam plötzlich einen freundlichen Ausdruck und er schloß mit galantem Lächeln seine Augen. „Ihr tätet besser, Euch mehr um Euere Arbeit zu kümmern", sagte Heymanu. „Unterdessen hätte Euch das Nähen mindestens 1 Perzent eingetragen," gab Meyer wieder mit boshaftem Blick zurück, der sich auf des Maschinensteppers Ruf als Geizkragen bezog, er war bekannt dafür, daß er sich jedes Vergnügen versage und vom Anblick seines Sparkassabuches fett werde. .Ein scharfer Wortwechsel folgte, der in dem Vorwurf von Heymans servilem Verhalten gegen den Meister gipfelte. „Ihr allein", sagte Meyer, „habet die Sammlung für den Ankauf eines Geburtstagsgeschenkes für den Meister angeregt. Wir konnten es dann freilich nicht ablehnen. Warum ist David nicht so kriecherisch?" „Habe ich Euch denn gezwungen?“ warf Hkymann ein. „Und bin ich dafür verantwortlich zu machen, daß der Meister auf dieses Geschenk Anspruch erhebt? Im Uebrigen solltet Ihr froh sein, hier ständig Arbeit gefunden zu haben; es herrscht doch im ganzen Viertel Arbeitsmangel", schloß er und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. David, der auch zu singen aufgehört hatte, steckte plötzlich seine Nadel in einen auf des Meisters Tisch liegenden Ballen Zeug und stand auf. Dann fuhr er sich durch sein Haar, wobei er die Finger als Kamm benützte, und schließlich wischte er mit dem Hemdärmel den Schweiß von seinem gebräunten, bartlosen Gesicht fort. Während aller dieser Prozeduren waren seine kleine Augen immerfort sehnsuchtsvoll auf das Mädchen gerichtet. Sie fühlte instinktiv seine Blicke und' hob den Kopf von der Arbeit. Ihr frisches Gesicht, das durch die Hitze und das anstrengende Gebücktsitzen gerötet war, blickte gerade in das Gesicht des jungen Vorarbeiters. Ihre Blicke begegneten sich. David errötete, und um seine Verlegenheit zu verbergen, fragte er: „Nun, hat er Dir den Lohn erhöht?" Beile nickte bejahend Und vertiefte sich wieder in ihre Näherei. „Nun, dann hast Du also jetzt fünf Dollars wöchentlich. Jetzt wirst Du wohl stolz werden?" „Du willst meiner vielleicht spotten? Ich möchte gerne mit Deinem Lohn tauschen. Nimm Du meine fünf Dollars in Empfang und ich will dafür Deine zwölf jede Woche einstreichen." Lipmann hatte ein Stückgeschäft und gemäß der Bedeutung, die diese Bezeichnung in der politischen Oekonomie der Schneiderwelt hat, waren auch seine Arbeiter nur offiziell per Woche, in Wirklichkeit per Stück bezahlt; das Oekonomische der Woche war von der vereinbarten Anzahl der fertig zu stellenden Röcke abhängig und nicht von den Tagen. Der Werkstättentag war nur dann mit den Tagen des Sonnenjahres übereinstimmend, wenn im Verlaufe eines solchen die festgesetzte Anzahl von Röcken angefertigt worden war. Auch der Bügler war nur Stückarbeiter. Zur Erlangung einer klaren Darstellung dieses Stücksystems in der Schneiderbranche müssen wir uns an David wenden, obgleich seine Ausführungen satyrischer Art sind. David war nämlich, wenngleich er zur Schweigsamkeit neigte, ein ausgesprochener Spaßvogel und seine witzigen Bemerkungen riefen immer die stürmische Heiterkeit seiner Kollegen hervor, obgleich er alles mit ruhiger, gleichgültiger Miene hervorbrachte, was mit seinem gewöhnlichen, mürrischen Ausdruck seltsam harmonierte. „Meine zwölf Dollars jede Woche", antwortete David seiner Kollegin. „Oh, Du meinst wohl eine Woche von zwölf Tagen?" Seite 217 „Wie bekommt Ihr das heraus?" fragte Meyer, nur in der Absicht, von dem witzigen jungen Mann an seiner Seite eine spaßige Antwort zu hören. „Natürlich, Ihr wißt es nicht, wie das heransznbekommen ist, aber fraget nur Heymann oder Beile. Wir drei wissen es." „Sag es ihm und er wird es auch wissen," sagte Beile und lachte schon im vorhinein über den Spaß. Die Aufforderung von Beile machte David widerstandslos und er fing gleich zu sprechen an. „Nun ja, ich bekomme ja zwölf Dollars per Woche und Heymann vierzehn. Eine Arbeitswoche hat sechs Tage, mir gilt ein Tag weder als Sonntag noch als Montag, noch als ein anderer, wenn ich nicht zwölf Röcke an jedem gearbeitet habe. Ein Tag hat für mich zwölf Röcke." Beiles frohes Gelächter reizte David zu weiteren Ausführungen und er sagte: „Man liest heute in der Synagoge den Donnerstagpsalm, für mich wäre das Mittwochsgebet weit paffender gewesen." „Wie ist das zu verstehen?" „Nun, Meyers Frau wird bald mit dem Mittagessen dasein und ich habe noch von den gestrigen Röcken zwei unvollendet. So ist es immer. Für mich beginnt der Donnerstag erst um zwei Uhr nachmittags." „Wie viel wirst Du diese Woche zuwege bringen?" fragte ihn Meyer. „Ich erhoffe mir von dieser Woche nur vier Tage und werde also am Freitag nur acht Dollars erhalten und das nur, wenn unsere Frau Meisterin bis dahin nicht ihr ganzes Geld ausgegeben haben wird." „Wenn ich einmal verheiratet bin und meine Alte von mir Geld für die Samstagvorbereituugen verlangen wird, dann werde ich ihr zur Antwort geben, es sei erst Donnerstag und ich habe kein Geld," fügte David hinzu. Dann verfiel er in Stillschweigen; er wunderte sich selbst über seine Einfälle. Als Meyer über seine Arbeit gebeugt dastand, kam es David vor, daß der Bügler wie ein Siebener aussehe. „Was für Unsinn," unterbrach er sich. „Und wie sieht Heymann ans?" überlegte er weiter. Er Prüfte mehrmals.des Maschinsteppers Aussehen und durchflog alle Buchstaben des arabischen Systems und sogar das Hebräische nahm er zuhilfe, eifrig auf der Suche nach einem Gegenstück für den jungen Mann; aber es fiel ihm nichts Passendes ein. „Dieses schneeweiße Gesicht, der elegante Schnurrbart — ja wenn die Nase nickt wäre, wäre ja alles gut," frohlockte er. „Und mir würde es am besten gefallen, wenn Heymann gar keine Nase hätte." fügte cr hinzu und wunderte sich im Stillen, daß Beile ans all das ruhig blieb. „Nun," dachte er weiter, „ihre Nase ist gerade auch nicht die schönste. Sie ist zu gerade und zu eigenartig. Ihre Augen wieder sind, als ob sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen möchten. Aber ihre Lippen und das gütige Lächeln derselben, das wie aus einem Winkel plötzlich herausgeflogen kommt!" Und ein starker, jäher Impuls kam über ihn, sich auf diese Lippen zu stürzen und sie zu küssen, und wenn er es auch nur im Geiste tat. so durchströmte es ihn doch gleichsam, wie ein elektrischer Strom Und Beiles Augen waren ja doch so entzückend und drangen durch sein Herz und ihre Nase schien ihn triumphierend zu beobachten, als ob sie seine Gedanken lesen würde. (Schluß folgt.) Literatur. Weiß Max, Katalog der hebräischen Handschriften und Bücher in der Bibliothek des Professors Dr. David Kaufmann s. A. Frankfurt a. M. 1906. I. Kauffmann. Alle Well weiß es, daß der unvergeßliche David Kaufmann eine reiche Sammlung von wertvollen illustrierten hebräischen Handschriften und seltenen Druckwerken hinterlassen hat. So lange die Dr. Llocd's Mocvenscbrm.