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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-30 · 13 (30.3.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 216 M.-B«dwitz. Samstaq den 24. Mär^; wurde anläßlich des 70. Geburtstages unseres geschätzten Vorstehers Herrn Moritz Pächter in der hiesigen festlich geschmückten Synagoge eine solenne Feier abgehalten. Der Jubilar und dessen Söhne, die zur Thora gerufen wurden, spendeten namhafte. Beträge für alle hiesigen Wohltätigkeitsanstalten. Dem Kaisergebete anschließend, hielt Herr Kantor A. Kohn auch für den Herrn Jubilar ein inniges Gebet, welches auf alle Anwesenden erhebend wirkte. Am darauffolgenden Sonntag erschienen in der Wohnung des Jubilars Deputationen vom Kultus- und Frauenhilfsvercine, die ihm eine kunstvoll ausgestattcte Adresse vom Vorstande nebst zwei Akrostichonen hebräisch und deutsch von Herrn Kantor A. Kohn überreichten. Der Jubilar, sowie dessen Gattin, die hochverdiente Präsidentin des hiesigen Frauenhilfsvereincs, dankten tiefgerübrt für die dargebrachte Ovation. Agram. Am 18. d. M. hielt im hiesigen, israelitischen, literarischen Verein Herr Josef G r ü n h u t einen Vortrag über dre Pesach-Haggada. Der Vortragende erläuterte auf Grund zahlreicher biblischer Belege die Bedeutung der Erlösung aus der egyptischen Knechtschaft, diesen Grundgedanken der Haggada und der Sederfeier, beleuchtete dann den pädagogisch-religiö'en Charakter der letzteren, wie auch ihren Einfluß auf die Verinnerlichung des Familienlebens. Hernach erklärte er die einzelnen Gebräuche des Sederabends und fügte zu dem Inhalte der Haggada vortreffliche, geist¬ und lehrreiche Bemerkungen hinzu, die stellenweise eine gelungene Kritik mancher heutigen Uebelsiände im Judentume darboten. Mit besonderer Wärme und glühender Begeisterung setzte er sich für eine größere Pflege der hebräischen Sprache seitens der jüdischen Gemeinden ein. Reicher Beifall lohnte die Ausführungen des Vortragenden. Herr Josef Grünhut ist kein Zunftgelehrtcr, sondern ein Kaufmann, darum muß es ihm als besonderes Verdienst angerechnet werden, daß er keine Mühe gescheut, einen Vortrag auszuarbeiten, der sowohl seinem kernigen Inhalte, seinem populär-wissenschaftlichen Charakter, wie auch seinem schönen Style nach jedem Fachmanne zur Ehre gereichen würde. Prof. Dr. H. Schwarz. Neunzigster Geburtstag eines österreichischen Gelehrten. Der in Berlin wohnende bekannte Orientalist und Bibliograph Professor Dr. Moritz Steinschneider, zu Proßnitz in Mähren geboren, vollendet am 30. d. sein neunzigstes Lebensjahr. Steinschneider oblag seinen Studien in Wien, Prag und Leipzig. Im Jahre 1848 schon war Steinschneider Berichterstatter der „National-Zeitung" und der „Prager Zeitung" über die Sitzungen der Nationalversammlung. Um die gleiche Zett erhielt er auch den Auftrag zur Anfertigung eines Katalogs der Orientalika der berühmten Bodleianischen Bibliothek in Oxford, anschließend daran auch zur Herausgabe von Katalogen der Bibliotheken in München, Frankfurt, Berlin u. s. w. 1850 erteilte ihm die Leipziger Universität wegen seiner hervorragenden literarischen Arbeiten die philosophische Dottorwürde. Steinschneider ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaft in Wien, Berlin, München und ist derzeit körperlich noch rüstig. Zu seinem neunzigsten Wiegenfeste wird eine von Verehrern des Jubilars herausgegebene Sammlung der nicht in Buchform erschienenen literarischen Arbeiten desselben erscheinen. Der in Wien bestehende Verein der Proßnitzer wird dem Jubilar eine kunstvoll ausgestattete Adresse widmen. Audrychau. Der Kultusvorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde Herr Stamberger ist bei der jüngst stattgefundenen Wahl in der politischen Gemeinde zum Bürgermeister- Stellvertreter gewählt worden. Es ist dies ein Beweis, daß sich Herr Stamberger durch gemeinnütziges Wirken das Vertrauen der hiesigen Bürgerschaft ohne Unterschied der Konfession erworben hat. Es stünde um die jüdischen Verhältnisse in Galizien viel besser, wenn wir viele solcher uneigennütziger, tüchtiger Männer besäßen. Amsterdam. Unser ehemal. Ministerpräsident Dr. Kuiper besuchte vor Kurzem den Orient. In Tiberias besuchte er die Schule der Alliance. Daraufhin machten ihm der Oberrabbiner und die Vertreter der Gemeinde ihre Aufwartung. Herr Kuiper versicherte die Besucher seiner Achtung für die Israeliten und seiner Vorliebe für das Hebräische. Er trug einige Stellen aus der Bibel auf hebräisch vor. Ferner erzählte er, daß die Königin Wilhelmine ebenfalls hebräisch lerne, daß ihr der Oberrabbiner dreimal wöchentlich Stunden erteile, und fügte hinzu, daß sie ihn jedesmal zu Tische bitte und ihm eine rituelle Mahlzeit bereiten lasse. Nr. 13 Feuilleton. Romantik in der Schneiderwerkstatt. Aus dem Englischen. Leiser Lipmann war Stückmeister. Er beschäftigte vier Leute in seiner Werkstatt: einen Vorarbeiter, einen Bügler, einen Maschineustepper und ein Mädchen, die Ausfertigerin. Die Werkstätte war in einem zur Wohnung Lipmauus gehörigen Zimmer untergebracht, die im dritten Stockwerk eines sehr alten zerfallenen Hauses der Essexstreet gelegen war, und diente gleichzeitig als Familien-Wohnzimmer und Küche. Dieser Raum hatte die Fenster in einen geräuschvollen, kleinen Hof hinaus. Anstoßend daran lag ein finsteres Schlafzimmer, das die Verbindung mit dem Besuchszimmer bildete und dessen Aussicht auf den jüdischen Markt ging. Im Besuchszimmer lagen auf sämtlichen Siffelu, am Tisch, aus dem Boden ganze Stöße von zugeschnittenen Stoffen herum; auch bildeten diese ein improvisiertes Lager für Lipmauus Erben, einen etwa zweijährigen Jungen, der gerne hier sein Nachmittagsschläfchen hielt. In der Nähe der Tür und zwischen den Stoffen lagen Kochgeschirre, Fetzen, Lipmanns Sanimtkäppchen, Hüte, Schuhe, Scheren, Zwirnspulen und diverse Gebrauchs gegenstände. Es herrschte Arbeitsnot im ganzen Viertel, aber Lipmanns Frau hatte einen Vetter, der im größten Kleidergeschäft auf der Broadway als Zeichner angestellt war und dieser sorgte dafür, daß sein Verwandter genügend beschäftigt werde. Diesem Umstande war es zuzuschreiben, daß die Arbeit in Lipmanns Werkstatt in vollem Gang war. Hcymaun, der Maschineustepper schob mit seinen nackten, fleischigen Axmen einen unfertigen Rock unter die Nadel und-..beugte sich mit seinen gelockten, schwarzen Haaren über die Arbeit, wie ein Adler über seine Beute. Er wiegte sich im Rhythmus der Maschine, deren Musik, getragen von den energischen Schlägen von Mayers Bügeleisen, eine orchestrale Begleitung zu dem ernsten und klagenden Duett, das von Beile, der Ausfertigerin, und David, dem Vorarbeiter, gesungen wurde, bildete. Leiser war in das Geschäft auf die Broadway gegangen, während seine Frau, Zlate, sich eben am Markt befand. Die Abwesenheit des Meisters und der Meisterin erlöste die Arbeitenden von dem Zwang, der ihnen sonst auferlegt war, und sie benützten diesen Umstand zu allerlei Kurzweil und täuschten sich so über die Einförmigkeit und Mühseligkeit der Arbeit hinweg. Manche spöttische Bemerkung fiel auf Kosten des Arbeitsgebers und der Meisterin, aber sie schonten auch einander nicht. „Nun, ich denke, Ihr könntet doch einen Augenblick innehalten", sagte Meyer, ein dickköpfiger, rothaariger Bursche von etwa zwanzig Jahren, und verlieh diesen Worten durch geräuschvolles Hantieren mit dem Bügeleisen mehr Nachdruck. „Ich habe dieses Lied nun schon mindestens fünfzigmal gehört, endlich könntet Ihr doch aufhören. Ihr langweilt uns bereits." „Wenn es Euch nicht gefällt, so stopft Euch die Ohren zu", war Beiles rasche Antwort darauf, ohne daß sie ihren Kopf von der Arbeit dabei erhob. „Warum, es gefällt mir ja, aber wenn Ihr nicht singt, gefällt es mir noch besser." Der helle Klang von Beiles Stimme hatte Heymann mit köstlicher Melancholie erfüllt, ihn mit neuem Arbeitseifer belebt; nun da sie, durch des Büglers Zuruf geärgert, aufgehört hatte zu singen, unterbrach er sein Maschintreten mit dem unangenehmen Gefühl, wie es Tänzer empfinden, wenn sie durch ein plötzliches Abbrechen der Musik zum Stillstehen gezwungen sind. Dr. Dlocb's Mocbenscbrln.

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