Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 206 Nr. 13 Dr. Mocb's MocoenscbrM. bare und vernichtende Anklage vor der Oeffentlichkeit nicht mit einer Anklage vor Gericht geantwortet hat. An Doktor Klein ist es, festzustellen, daß solche Vorgänge unter seiner Leitung sich nicht abspickeu dürfen. Er muß erklären, wo und warum Sünden geschehen sind. Es ist nicht angenehm, eine Wunde mit einem glühenden Eisen auszubrennen. Aber kein Mensch, sollte er noch so mächtig und wertvoll sein, darf als mächtiger und wertvoller gelten, als das Ansehen der Justiz, als das Vertrauen auf die Gerechtigkeit. Der Leiter des Justizministeriums wird Farbe bekennen uiüssen. Denn die Schweigsamkeit kann seinem eigenen Rufe schaden. Schon steht der Fall unter der Beleuchtung der Auslaudspresse, und von Deutschland bis nach Belgien nuhreu sich fortwährend die Stimmen gerade der angesehensten Blätter, welche für die österreichische Strafrechtslehre nicht gerade schmeichelhaft sind. Judenmache natürlich, „jüdische Solidarität", werden die Antisemiten sagen, die um eine Verdächtigung niemals verlegen sind. Aber es steht fest, daß die führenden deutschen Blätter es ihrem Range nie vergeben werden, eine ungerechte Sache zu vert idigen, und daß es überall gerade christliche, unabhängige Rechtsgelchrte sind, welche den Fall besprechen. Ueberall im gesitteten Europa schreit eben das Entsetzen über die krassen Rechtsverletzungen, der Zorn der Gebildeten über die Tatsache auf, daß im zwanzigsten Jahrhundert ein Hexenprozeß stattfiuden durfte, in welchem von Lumpen genährte Vorurteile, sorglich gehütete Finsternis der Massen, gewissenlose Verhetzungen von mittelbaren Mördern Einfluß auf das Urteil nehmen konnten. Es ist möglich, daß Dr. Klein den zweiten Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofes endlich einmal von dem wahnwitzig anmutenden Vorwurf des Mechanikers Schneiders irgendwie reinwaschen kann. Er kann vielleicht beweisen, daß Dr. Ruber in guten; Glauben und ohne Einflußnahme vorgegangen ist!! Nie und nimmer aber wird er dessen Vorgehen vom prozessualen Staudpuukre aus erklären köuueu. Diese Spottgeburt von Gerichtsverhandlung wurde vom ehemaligen Landesgerichtspräsidenteu Ritter von Krallenberg bereits erschlagen und begraben. und die Justizfunktiouäre, die es angeht, sind trauernde Hinterbliebene. Nun wären es bald genug Worte der Parteien gewesen, die gewechselt wurden, es fehlen nur noch die des Leiters des Justizministeriums, mit denen er den Willen zu energischen Taten kuvdgibt. Welche Taten? Niemals hat es noch für einen gebildeten, mutigen Manu, für den ersten Hüter des Gesetzes eine enger vorgeschriebene Marschroute gegeben als in diesem Falle. Man hat den Hilsner-Prozeß mit der Dreyfus-Affäre nur fälschlich verglichen. In Rennes wußten die Verleumder ihre Lügen wenigstens geschickt zu drapieren, sie hatten ein gutes Gedächtnis, sie waren geschickt in ihrer Unverschämtheit. Aber im Hilsner-Prozeß ist in den Zeugenaussagen fast nichts als lediger Wahnsinn enthalten, ekelerregend in ihrem Blödsinn sind die Aeußerungeu der geistigen Seuche, die als Ritualmordglauben im Polnaer Bezirke ausgebrocheu war. Mag der Herr Leiter des Justizministeriums die Art des Vorsitzenden, des Staatsanwaltes, die Reden Baxas, das Treiben der Justizkommission entschuldigen, wenn er kann und mag. Wir siud es nicht, die sich vor dem Augenblick fürchten, in welchem Herr Dr. Klein die Interpellationen über den Hilsner-Prozeß beantwortet. I. U p r i m n y. Walisischer Hilfsverei«. Am 25. März l. I., 10 Uhr vormittags, fand in den Räumlichkeiten des Israelitischen Humanitätsvereines „Wien" B'nai B'rith, IX., Univerfitätsstaße 4, die diesjährige ordentliche Generalversammlung des „Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung" statt. Den Vorsitz führte der Vizepräsident des Vereines Herr Gottlieb Lederer. Bon der Vereinsleitung waren anwesend die Herren: Dr. Emil Byk, Reichsratsabgeordneter (Lemberg), Professor Dr. S. Ehrmann (Wien), Max Frank (Wien), Dr. Edmund Kohn (Wien), Dr. Edmund Kornfeld (Wien), kaiserl. Rat Paul Lemberger (Wien), Dr. Wilhelm Pappenheim (Wien), Baurat Wilhelm Stiaßny (Wien), Richard Teweles (Wien), Hugo Tugendhat (Wien). Der Vorsitzende begrüßte wärmstens die Herren k. k. Baurat Theoder Ritter v. Goldschmidt, Reichsratsabgeordneten Dr. Emil Byk und Lyzealdirektor Alois Schwarz als Vertreter der israelitischen Kultusgemeinden in Wien, Lemberg und Mährisch-Ostrau, die Herren Prof. Dr. Josef Pollak und Dr. Isidor Samuely als Vertreter der B'nai B'rith-Vereinigungen „Wien" und „Eintracht" in Wien, die Herren Dr. Leopold Kahn, Johann Kremenezky und Oskar Marmorek als Vertreter des Zionistischen Aktionskomitees in Wien, die Herren Dr. Arnold Ascher und Theodor Cohn als Vertreter der Baron Hirsch-Stiftung, den Herrn Dr. Richard Reis als Vertreter des Vereines zur Beförderung der Handwerke untere den inländischen Israeliten in Wien, dann die Mitglieder des Aufsichtsrates die Herren Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Julius Granichstädten, Ferdinand Löwy, das Mitglied des Schiedsgerichtes Herrn Notar Dr. Julius Bermann, ferner die Herren Josef Freudenberg, Dr. Albert Kuh, Gustav Stiaßny, Dr. Bela Taussig, Hermann Schreiber, Jaques Karpeles, Siegfried Lemberger, Jakob S. Straßberg, sämtliche aus Wien; Hugo Abeles (Brünn), Dr. Hermann Baneth (Gablonz), Doktor Moriz Körbel (Neusandez), Viktor Kulka (Troppau), Vertreter der Ortsgruppen Wien, Brünn, Lemberg, Linz, Mährisch-Ostrau, Neusandez und Troppau und teilte mit, daß Begrüßungs- und Entschuldigungsschreiben einlangten: Von der Großloge für Deutschland U. O. B. B. in Berlin, vom Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M., von der Jewish Colonisation Assoziation in Paris, von der Israelitischen Allianz zu Wien, von Baron Albert von Rothschild in Wien. Hierauf wurde in die Tagesordnung eingegangen und vom Sekretär des Vereines Herrn Dr. Wilhelm Löwy über die Tätigkeit des Vereines während des Jahres 1905 ffölMöer Bericht erstattet: Ueber unsere im Jahre 1905 entwickelte Tätigkeit, die statutengemäß darauf gerichtet ist, die materielle Lage der Juden in Galizien zu verbessern und auf diese Weise deren Kulturniveau zu heben, erlauben wir uns, folgenden Bericht zu erstatten: Haarnetzerei. In Ausführung des von unserem Ausschüsse im Vorjahre gefaßten Beschlusses, künftighin neuerdings in einer Reihe von Orten Galiziens den Unterricht in der Haarnetzerei neu oder wieder erteilen zu lassen, haben wir mit einem Unternehmer, der an uns mit dem Anerbieten herangetreten war, in Westgalizien die Haarnetzerei einzuführen, ein Uebereinkommen getroffen, worin wir uns verpflichten, bie Kosten für die Besoldung und die Fahrspesen der Lehrerinnen und, wo es nötig ist, auch für das Unterrichtslokal und dessen Einrichtung bis zu einem bestimmten Höchstbetrage für jeden Ort zu tragen. Der Unternehmer übernahm dagegen die Verpflichtung, die Arbeiterinnen ständig zu beschäftigen und ihnen vertragsmäßig gebundene Mindestlöhne zu zahlen. In Ausführung dieses Uebereinkommens wurde bereits an einigen Orten Westgaliziens der Unterricht in der Haarnetzerei erteilt. Kleiderkonfektion. Der Vertrag, den wir zu Ende des Jahres 1904 mit einem galizischen Unternehmer abschlossen und über dessen Inhalt und Zweck wir in unserem vorjährigen Berichte Auskunft gaben, war nur bis Ende Mai 1905 in Wirksamkeit, da der Unternehmer um diese Zeit die Zahlungen einstellte. Der Schaden, den wir durch dieses Ereignis erlitten, war deswegen nicht von großem Belang, weil wir an den von uns dem Unternehmer beigestellten Maschinen nebst Motor unser Eigentumsrecht Vorbehalten hatten. Unser Ziel, die Kleiderkonfektion in Tarnow in bessere Bahnen zu lenken, behielten wir aber unverrückt im Auge und es gelang uns, einen neuen Unternehmer zu finden, der die Fabrik weiter betreibt. Der mit diesem abgeschlossene Vertrag