Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021669--15279-3040036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 196 Dr. Llocv's Mocvenscvrirr. »tr. 12 Ansprache des Reichsratsabgeordneten Dr. Benno Straucher. Sehr verehrte Versammlung! Es ist mir als einem hier nicht Einheimischen die seltene Gelegenheit geboten, in einer, sei es öffentlichen, sei es intimen Versammlung meiner Stammes- und Volksgenossen anwesend zu sein. Durch das Votum meines Wahlbezirkes auf einen Posten gestellt, den ich recht und schlecht ausfülle, habe ich die hohe Pflicht übernommen, nicht nur die Interessen einer gemischtsprachigen Stadt im Reichsrate zu vertreten, nicht nur die Bedürfnisse einer Bevölkerung wahrzunehmen, welche verschiedenen Religionsbekenntnissen angehört, sondern auch die vielleicht noch schwierigere Aufgabe, die Interessen meines eigenen so sehr geliebten Volkes zu wahren. Wie jeder Vater sein krankes Kind umsomehr liebt als das gesunde, so muß auch jeder ehrliche Volksmann sein Volk lieben, wenn es in Not und Unglück kommt und verfolgt wird. (Beifall.) Ich danke zunächst dem geehrten Vorstand der „Chewra- Kadischa" für die liebenswürdige Einladung, die es mir ermöglicht hat, in solch illustrer Gesellschaft zu erscheinen und einmal auch im Kreise meiner Stammesgenossen und Glaubensbrüder zu weilen, wo sich mir das Herz auftut, da ich sonst immer in einer Versammlung mich bewegen — oder sagen wir: amtieren — muß, in der man überzeugt ist, von allen Seiten mit giftigen Blicken angesehen zu werden. (Zustimmung.) Es ist nun ein eigentümlicher Zufall, daß ich an einem sogenannten Brudermahl teilgenommen habe und dieser Zufall führt mich darauf, daß es geradezu ein Glück ist; denn ich bin da zwischen Brüdern, und wenn ich im Verlaufe des heutigen Abends so treffliche Reden vernommen habe, welche immer an die allgemeine Menschen- und Nächstenliebe angeknüpft haben, so bitte ich Sie, verehrte Anwesende, um Entschuldigung, wenn ich sagen muß, daß mich nur ein Ausdruck hier wundersam angemutet hat, der in der Zuschrift des gewesenen Gemeinderates Herrn Ziffer,er enthalten ist. Er war der einzige, welcher den Ausdruck gebraucht hat: „mein Volk". Viele, viele der Unserigen, welche vielleicht sonst gute Juden find, schämen sich ihres Volkes, der Juden. (Bravo!) Sie anerkennen nicht das Volk, sondern nur eine Religionsgenossenschaft; aber das Volk mit dieser Vergangenheit, wie wir Juden sie haben, ein Volk, welches eine staatliche Selbständigkett gehabt hat, ein Volk, welches in seiner Mitte Gelehrte, Krieger und Helden, Feldherrn und Künstler, Dichter und Historiker aufzuweisen hatte, ist noch nicht untergegangen, weil es in der Zerstreuung lebt. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, so leben wir, meiner Ansicht nach, in einer Zeit der Wiedergeburt unseres Volkes. Ich weiß, daß diese meine — wie soll ich sagen, um nicht anzustoßen? —; Lehre vorläufig noch wenige Gläubige hat, aber die Zeit wird kommen, wo sich Jude an Jude, Bruder an Bruder, Stammesgenosse an Stammesgenosse reihen wird. (Beifall.) Wir leben in einer sehr ernsten Zeit, in schweren Tagen, wir haben — seien wir aufrichtig — nirgends Freunde, überall nur Gegner, und darum sollen wir uns eng zusammenschließen; und wenn der verehrte Herr Präsident der Chewra-Kadischa einleitend die Zusammengehörigkeit betont hat, so meine ich, daß dieser Appell niemals notwendiger und attueller war als jetzt. Leben Sie doch, verehrte Stammesbrüder, in einer Stadt, deren Oberhaupt solche aufreizende Reden gegen die Judenschaft hält! Und wenn Sie da nicht begreifen, daß der Zusammenschluß vonnöten ist, dann verzeihen Sie — weiß ich nicht, wann Sie diese Notwendigkeit gekommen sehen werden. Laden Sie deshalb nicht die schwere Verantwortung auf sich. Es gibt nicht nur für Todesfälle eine Chewra-Kadischa, sondern auch für das Leben. (Beifall.) Das Leben hat Pflichten, der Tod fordert Pflichten, aber das Leben erheischt von uns Organisation und jene jüdische Vereinigung, die sich bilden wird zu dem Zwecke, um alle Juden möglichst zusammenzuscharen, eine solche Vereinigung wird auch eine Chewra-Kadischa sein und diese möchte ich kommen sehen. Ich will Sie, geehrte Versammlung, nicht weiter ermüden, stoßen wir an auf eine bessere Zukunft, die für uns kommen soll, und daß sie anbreche, ist nur dadurch möglich, wenn wir uns eng zusammenschließen und eine Chewra-Kadischa bilden werden, eine Organisation zur Einigung unseres sehr bedrängten und schwer bedrückten, verfolgten und verhöhnten Volkes. Auf das Wohl unseres Volkes und auf die gedeihliche Zukunft meiner Brüder mein Hoch! (Beifall und Hoch-Ruse.) Präsident der Chewra-Kadischa Herr Salo Kohn: Geehrte Versammlung! Ich glaube in Ihrem Sinne zu sprechen, wenn ich dem geschätzten Herrn Abgeordneten Dr. Straucher für seine temperamentvolle Rede unfern verbindlichsten Dank bekunde. Es war der Geist und der Feuereifer der Makkabäer, der hier zu vernehmen war, die Worte kamen vom Herzen und gingen uns zu Herzen. Dem wackeren Kämpfer unsere Verehrung. Er lebe hoch! (Stürmische Hoch-Rufe.) Beim Vortrag des Tischgebetes brachte Herr Oberkantor Bela Guttmanu seine prächtigen Stimmittel und seine unvergleichliche Gesangskunst zur Geltung. Die Anwesenden schieden hierauf in bester Stimmung mit Glückwünschen an das Präsidium und den Vorstand.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.