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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 12 Gölte 195 •vc. JöiocD s Mlwcvenscvrr Trinkspruch des Kultnsvorstehers kaiserl. Rates Wilhelm Pollak auf die Damen: Hochverehrte Versammlung! Mir wurde der Auftrag zuteil, hier einen der für den Redner angenehmsten Toaste sprechen zu dürfen. Bevor ich jedoch darauf eingehe, gestatten Sie mir, daß ich mich noch einer anderen ehrenvollen Aufgabe entledige, welche mir jetzt spontan seitens der Vororte-Chewra-Kadischa übertragen wurde: der Verehrung für unseren allverehrten und hochgeschätzten Präsidenten der Chewra-Kadischa von Wien, von allen, ja, man kann sagen, geliebten Freund, welcher denVororte-Gemeinden nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten, mit großen materiellen Unterstützungen und Spenden jederzeit fördernd und stützend beigestanden ist, Ausdruck zu geben. Wenn ich dieser Aufforderung gerne nachgekommen bin, so glaube ich nicht nur im Sinne der Vororte-Vereinigungen, sondern auch im Sinne der Mitglieder der großen Wiener Chewra-Kadischa zu sprechen, wenn ich auf den verehrten Herrn Präsidenten Salo Kohn, diesen unvergleichlichen, auf humanitärem Gebiete unerreichten, von Menschenliebe durchglühten Mann, mein Glas erhebe. (Unter großem Beifall wird der Präsident mit einem dreifachen Hoch bedacht.) Ich gehe nun zu dem eigentlichen Thema über. Sie haben, verehrte Herren, in allen Reden die Anrufe vernommen: „Geehrte Glaubensbrüder!", „Liebwerte Kollegen!", „Teure Freunde!" usw. — fehlte Ihnen da nicht ein Wort, ohne das es auf Erden keine Freude, kein Glück, keine Zufriedenheit gibt, fehlten Ihnen da nicht die Worte: „Meine verehrten Freundinnen!" oder „Meine meine liebwerten Damen!" (Zustimmung). Fürwahr, es mußte einem heute das Herz, von Freude erfüllt, aufgehen, wenn wir gesehen haben, wie die besten Männer unseres Stammes dichtgedrängt an den Tafeln sitzen, wie die hervorragenden Spitzen der Aerztewelt, die hervorragenden Meister der bildenden und darstellenden Kunst, die hervorragendsten Musiker, die hervorragenden Schriftsteller, auf die wir Juden alle stolz sind und stolz sein können, sich zu uns scharten — und doch fehlte die Blume im Kranze: die Frau. Wenden Sie aber den Blick nach oben, auf die Galerien, und Sie sehen, wie die verehrten Damen, die dem Feste anwohnen und in schönem Kranze die Logen dieses festlich geschmückten Saales zieren, unserem Festmahle zusehen und ausharren, aushalten mit jener Geduld, die sie uns Männern entgegenbringen, wenn sie es überhaupt mit uns aushalten. (Heiterkeit.) Wir hörten heute von unserem verehrten Herrn Landesschulrat Dr. K o h n, wie er die Juden unendlich lobte, wir hörten ihn von Moses sprechen, und ich erinnere daher an die Geschichte: Als Moses auf dem Berge Sinai war und die Gebote Gottes entgegennahm, soll er zu Gott gesagt haben: „Du lieber Gott! Werden denn die Juden alle diese Gebote befolgen, die Du ihnen vorschreibst? Ich zweifle daran." Da hat ihm Gott zur Antwort gegeben: „Wenn Du alles durchführen willst, so wende Dich zuerst an die Frauen." Und so ist es auch: Alle großen Werke der Humanität können nur durch die Frauen ausgestaltet werden. Sehen Sie die Frauenvereine der Bezirke Wiens, die mit Macht emporblühen, sie machen unserer Chewra-Kadischa eine ganz gewaltige Konkurrenz, — eine Konkurrenz, die wir uns wohl gefallen lassen können zum Segen der armen jüdischen Genossen und Genossinnen; ich weiß sogar nicht, ob sie uns in der Humanität nicht voranschreiten, denn man muß zu ihrem Lobe betonen, daß sie ihre Aufgabe mit der größten Liebe und Wärme, mit wahrem Pflichteifer und mit Hingebung erfüllen wie die alte, ehrwürdige Chewra-Kadischa. (Zustimmung.) Lassen Sie mich also der hochverehrten Damen gedenken und mein Glas erheben auf die anwesenden und abwesenden Frauen und Mädchen unseres Stammes; hoffentlich finden es auch die hier anwesenden frommen Männer nicht anstößig, wenn ich Sie einlade, bei dieser Gelegenheit hier anzustoßen mit dem Rufe: „Unsere lieben Damen, sie leben hoch! hoch! hoch!" (Lebhafte Hochrufe.) Rede des Herrn Lektor M. Friedmann über die Chewra-Kadischa. Das Wesen der Chewra-Kadischa liegt in dem jüdischen Familiensinn, in der Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes. Wollen wir auf den Ursprung zurückgehen. Bei den alten Semiten hat es zwei Formen der Bestattung von Toten gegeben, die Beerdigung, wie sie bei uns üblich ist, und das Verbrennen, von dem in neuerer Zeit so viel gesprochen wird. Unser Urahne Abraham hat von sich gesagt: „W’onoehi ofor w’efer.“ „Ich bin Erdenstaub oder Asche". Man konnte ihn entweder begraben oder verbrennen. Welche der beiden Bestattungsarten hat er gewählt? Er hat eine Grabstätte angekauft und sie zu einer Familiengruft gemacht, um eine Hermstätte für seine Nachkommen zu haben. Abrahams Enkel, Jakob, sieht fern von seiner Heimat in Egypten sein Ende nahen und beschwört seinen Sohn Josef, ihn zu überführen in die Gruft der Väter, er wollte bestattet sein in der Höhle Machpelah, auf heimatlichem Boden, dort, wo seine Großeltern, seine Eltern und seine eigene Frau Lea begraben liegen: nur sein anderes Weib Rachel starb auf dem Wege zur Heimat und sie mußte an jener Stelle begraben werden. Da ist auch das erstemal von dem Denkstein die Rede, von der „Mazewah", denn es heißt in der Schrift: „Das ist der Grabstein des Grabes Rachels bis auf den heutigen Tag". Und merkwürdig! Die Nachkommen waren Jahrhunderte in Egypten, sie find dann 40 Jahre in der Wüste herumgezogen, bis sie in ihr Vaterland zurückkehren konnten, aber siehe da, sie haben die Gruft ihrer Ahnen und auch das Rachels Grab vorgefunden; zur Zeit Samuels, als Saul zum Könige gesalbt wurde, sagt Samuel zu ihm: „Am Grabe Rachels wirst Du zwei Männer treffen!" Also das Grab war noch vorhanden und kenntlich durch die Mazewah. die Jakob „gestellt" hatte. Und welchen Ausdruck hat das alte Judentum für das Sterben? Es heißt „versammelt werden — d. h. heimgehen — zu seinem Volke". Wir haben keine geweihte Erde, wir haben aber eine Heimat, „Kewer Jisroel“, und wer es nicht verdient, der ist „abgeschnitten von seinem Volke", der wird nicht in dem Grabe der Väter bei seinem Volke beerdigt; das ist der ursprüngliche Sinn des Ausdruckes „kores“. Wie hat sich nun das Beerdigungswesen weiter entwickelt? Ausführliches hierüber gehört in das Gebiet der Altertumskunde. Ich will nur erwähnen, daß beim zweiten Reich Israel die Leichen in eine tiefe Grube versenkt und mit Kalk überschüttet wurden, so daß dabei eigentlich ein chemischer Verbrennungsprozeß vor sich ging, erst dann find die Gebeine in die Gruft der Familie gekommen. Im Hause der Hingeschiedenen find zahlreiche Formalitäten erfüllt worden, haben Lichter gebrannt zur Ehre des Toten, Myrthen — nicht Kränze — bedeckten ihn und zur Desinfektion wurden Gewürze gestreut oder geräuchert. Seitdem vom ersten Grabe die Rede ist, find Jahrtausende vergangen und wir blieben bei dieser Form des Begrabens unserer Toten. Der Tod trennt uns nicht, nur die Ruth, die im Heidentume geboren, sagt zu ihrer Schwiegermutter: ..Nur der Tod wird trennen zwischen mir und Dir." Hingegen sagt der Psalmdichter von Saul und Jonathan: „Durch ihren Tod werden sie nicht getrennt." Wir bleiben im Zusammenhänge mit unseren Vätern und mit unserem Volke. Die gewaltigsten Reiche und Städte der alten Zeit find verschwunden, wo find Affyrien und Egypten, Babylon und Niniveh, Rom usw.? Man gräbt heute ihre Reste aus der Erde, aber die Höhle Machpelah und Rachels Grab stehen „bis auf den heutigen Tag" und diese Gräber find die sprechenden Zeugen für das ewige Leben Israels. Die Chewra-Kadischa bringt den jüdischen Familiensinn zum Ausdruck, sie ist die Wächterin der Heimstätte Israels und das Fest, das sie feiert, ist ein „Brudermahl". Darum erhebe ich mein Glas auf das Gedeihen der Chewra-Kadischa. (Beifall.)

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