Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Vlocv's MocvenscbrM. Seite 193 Geschlechtern verkündet werden, daß das Heiligtum nur dann nicht wanken und allen Stürmen trotzen werde, wenn dasselbe aus der gleichen Mitwirkung Aller entstanden und Jeder einen gleichen Anteil an demselben hat. (Lebhafter Beifall.) Der siebente Tag des Monats, der Geburts- und Todestag Moses, ist geweiht dem Andenken dieses größten Propheten Israels, dessen Eintritt in die Geschichte uns mit schlichten Worten erzählt wird. Als Moses, erzogen an dem prunkvollen Pharaonenhofe, groß geworden, da ging er hinaus zu den unter dem harten Frohndienste Egyptens seufzenden Sklaven „Wajeze el Echow“, die seine Brüder genannt werden, versenkte sein geistiges Auge in deren Elend und Drangsal, und da dürfte wohl jener Funke sich entzündet haben, welcher zur Feuersäule heranwuchs, auf der Wanderung in das Land der Freiheit voranleuchtend. Als das reich gesegnete welthistorische Dasein des göttlichen Mannes sich seinem Ende zuneigte, ertönten von seinen Lippen an das um ihn zum Abschiede versammelte Volk die ehernen Worte: „Ihr steht alle heute vor eurem Gotte, euere Häupter, Aeltesten, Führer, alle Männer Israels, auch jene, deren Tage unter Mühsal und Pein, umdüstert von bangen, quälenden Sorgen dahinfließen, ihr alle ohne Unterschied des Ranges und Standes sollet eingehen in den mit dem Ewigen geschlossenen Bund". Der vierzehnte Tag des Monats, das Purimfest, welches wir vor einigen Tagen feierten, ist eine laute eindringliche Mahnung, fest und unerschütterlich zusammen zu stehen in Leid und Freud, in Krieg und Frieden, ist aber auch ein flammender Weckruf an unsere Großen, die ein gütiges Geschick auf die Höhen der Gesellschaft geführt hat, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mit ihrem Volke immer wach zu erhalten, sich von demselben nie loszulösen, ihres Ursprunges stets eingedenk zu sein (Lebhafter Beifall), mit Bewunderung empor zu blicken zu jener Fürstin, welche sich dem Throne nähert, um ihre Stimme für die Rettung ihres vom Hasse d.es Feindes verfolgten Stammes zu erheben, die ewig denkwürdigen Worte sprechend „Nafschi bischeluszi“ all mein Flehen, Bitten und Verlangen ist der Aufschrei aus meinem tiefbekümmerten Gemüte, aus meiner vom Schmerze durchwühlten Seele, ein Weckruf, mit Verehrung aufzuschauen zu dem Manne, welcher die höchste Würde im Staate erklommen, seine Gesinnungen nicht änderte, in Liebe und Treue seinen Brüdern verbunden blieb „godaul leechaw“ für deren Wohl und Gedeihen sorgend und wirkend. Nur aus einer solch erhabenen Weltanschauung, deren Flügelschlag erst unsere Zeit zu vernehmen beginnt, nur aus einer Volksseele, erfüllt von derartigen Gedanken und Empfindungen, Strömungen und Stimmungen, konnte sich eine heilige Bruderschaft emporringen, welche mit allen Fasern im fruchtbaren Boden der Gleichheit wurzelt, deren höchstes Ideal es ist, die Schranken zwischen Hoch und Niedrig, Reich und Arm niederzureißen, in jüdisch-traditionellem Geiste mit Würde, Herzlichkeit und Innigkeit Pietät gegen die Toten zu üben, welche zur Liebe und Wohlwollen gegenüber den Lebenden leitet und emporführt, die unversiegbaren, klaren, lebenspendenden Quellen des „Gemilut Chassudim" voll und ganz erschließt. (Lebhafter Beifall.) „Gemilut Chassudim" inhaltsschwere Worte, wie sie nur der Genius der hebräischen Sprache prägen konnte, welche die reiche Fülle von Güte, Liebe, Milde, Barmherzigkeit und Menschenfteundlichkeit, alles Edle und Schöne, das der denkende Verstand, das warmfühlende Heiz, die dichterische Phantasie auf dem weiten Gebiete der Humanität zu erdenken, zu erhoffen und zu ersehnen vermag. in ungeahnter Vollkommenheit in sich fassen. „Gemilut Chassudim", welche nach dem Ausspruche unserer Alten die gesamte Lehre aufwiegt, nicht nur gegen Tote, sondern auch gegen Lebende, nicht nur gegen Arme, sondern auch gegen Reiche, nicht nur mit dem Gelde, sondern auch mit dem geistigen Besitze, mit Tatkraft, Talent und Fähigkeiten geübt werden kann. (Lebhafter Beifall.) So ist die Chewra-Kadischa eines der hellleuchtendsten Gestirne am Himmel -des Judentums, dessen Glanz einen verklärenden Schimmer über unser heutiges Fest breitet, das durch die Erweckung der Brüderlichkeit, der glühenden Begeisterung für unsere herrliche Institution seinen wahren Inhalt, sein eigentümliches Gepräge empfangen soll. (Lebhafter Beifall.) Und darum erfüllt es mich mit aufrichtiger Freude, daß es mir gegönnt ist, im Namen des Vorstandes den innigen Brudergruß zu entbieten unseren altbewährten Mitgliedern, die so oft ihre seelische Ueb?reinstimmung mit den hehren Zielen unseres Vereines bekundeten, unseren wackeren Delegierten, welche in bewunderungswürdiger Opferwilligkeit sich in den Dienst der heiligen Sache stellen, den neueingetretenen Mitgliedern, die, bewegt von ihrem inneren Herzenstriebe zur willkommenen Mitarbeiterschaft in unseren Kreis getreten, herzlichen Dank auszusprechen jenen ausgezeichneten Männern, die durch die Presse unsere Zwecke und Bestrebungen wirksamst und erfylgreich förderten. (Lebhafter Beifall.) Mit unserem Lehrer Moses, dessen Geist jede Chewra-Sude umschwebt, möchte ich ausrufen Linnrena ubiskenenu nelech, mit unseren Jungen und unseren Alten wollen wir gehen und Gott gefällige Opfer am Altäre der Menschenliebe und Barmherzigkeit darbringen. Möge vom heutigen Feste ein tiefer nachhaltiger Eindruck ausgehen, mögen die Worte, die hier gesprochen, noch lange in uns nachklingen, auf daß unser Fest nicht gleiche jener seltsamen Pflanze des Propheten, welche in der Nacht entstanden und in der Nacht spurlos verschwunden, nur wenige Stunden der Erholung und des Labsals gewährend, vielmehr dem Baume des Psalmisten, dessen Blätter nicht welken und der köstliche Früchte zeitigt. (Lebhafter Beifall.) Mögen wir auch draußen im Leben als wahre Söhne der Chewra-Kadischa im Geiste derselben, im Geiste der Brüderlichkeit, der allgemeinen Menschenliebe, der Gleichheit wirken und schaffen zum Heile des Judentums, zum Heile unserer Gemeinde, zum Heile unserer Chewra-Kadischa. In diesem Sinne lade ich Sie ein, Ihr Glas zu leeren auf die alten und neuen Mitglieder der Chewra-Kadischa, fie leben Hoch, Hoch, Hoch. (Lebhafter Beifall.) Toast auf die Rabbiner und Männer der Wissenschaft, gesprochen von Herrn Banrat Theodor Ritter von Goldschmidt. Redner erwähnt einleitend, daß, wenn nicht schon amtlich auf der vorliegenden blauen Rednerliste sein Name enthalten wäre, er mit Rücksicht aus die hervorragenden Redner, die eben gehört wurden, es nicht gewagt haben würde, sich als solcher zu melden, aber dem Dekrete des Präsidiums Folge leistend, will er an die schwierige, wenn auch dankbare Aufgabe herantreten, der ausgezeichneten Personen zu gedenken, welche Wissenschaft und Gotteslehre hier vertreten. „Der heutige Tag gehört der Chewra-Kadischa." Mit Recht wurde die Chewra-Kadischa vielfach bejubelt und gefeiert. Es wurde zunächst der Wiener israelitischen Kultusgemeinde gedacht, als Hauptförderin dieses ehrwürdigen Vereines. Es wurden der Vorstand und die Mitglieder der Chewra- Kadischa begrüßt und aus dem Munde des letzten Redners wurde den Jüngsten ein Willkommengruß gebracht. Ich darf nun einer Gemeinschaft von Personen gedenken, welche zu den wesentlichsten Pfeilern der Chewra-Kadischa gezählt werden müssen. Man kann sich wohl ftagen: „Woher kommt es, daß dieser ganz außergewöhnliche Verein ein so hohes Alter aufzuweisen hat und noch gar keine Anzeichen von Altersschwäche bei ihm zu bemerken find? Die Antwort ist vielleicht nicht schwer. Das Motiv liegt gewiß zunächst in dem Gedanken, welcher der Entstehung dieses Vereines zu Grunde gelegen: Der Begriff des reinen Judentums. So wie der lange Riegel in der Stiftshütte berufen war, dieses Gebilde fest zusammenzuhalten, so kann man die Chewra- Kadischa als Band um die gesamte Judengemeinschast betrachten. Dieser ewig wahrbleibende Grundsatz ist entschieden die Basis des Bestandes der Chewra-Kadischa. Aber mit diesen statutarischen Grundsätzen allein wäre es kaum gelungen, diesen Verein bis zum heutigen Tage zu erhalten, wenn nicht unaus-