Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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p IUI. H.I.U J Wi . -Jiayil.-W ■Kdgi««aESMMar.e »ittifa- V<jS I Seite 192 Dr. Dlocv's MocdenscvrtN. Nr. 12 I i I i hohes Maß von Erfahrung. Kenntnis der Verhältnisse und Opferwilligkeit nach jeder Richtung hin voraussetzen. Von dem Amte, das jene Männer bekleiden, welche mit der Leitung des jüdischen Gemeindewesens betraut werden und die ihre Erfahrung, ihre Zeit, ihre Arbeitskraft in den meisten Fällen mit Hintansetzung der eigenen Interessen und unter Abbruch an ihrer beruflichen Tätigkeit in den Dienst der Gemeinde stellen, gilt mit Recht der bekannte Satz, daß das Amt eine ehrenvolle Würde aber auch eine schwere Bürde ist. In hervorragender Weise gilt dies aber von denjenigen geehrten Herren, welche seit Jahren an der Spitze der israel. Kultusgemeinde in Wien stehen, an der Spitze einer Gemeinde, welche in den letzten 15 Jahren nicht minder an örtlicher Ausdehnung, wie an Zahl der ihr angehörigen Glaubensgenossen und Mitglieder zugenommen hat und die heute als die größte jüdische Kultusgemeinde im Westen Europas bezeichnet werden muß. Man braucht nur die Anzahl der Glaubensgenossen, welche heute die Kultusgemeinde Wien umfaßt und die Ziffer 160.000 überschritten hat, ins Auge zu fassen, um damit ein Bild für den Umfang der Aufgaben mannigfacher Art, welche der Vorstand unserer Kultusgemeinde zu bewältigen hat, zu gewinnen. Uns allen sind die mannigfachen Interessen, welche der Obsorge des Vorstandes unserer Kultusgemeinde anvertraut sind, wohl bekannt; uns allen ist es aber auch bekannt, mit welch regem Eifer, mit welcher Umsicht, mit welchem Opfer an Arbeit, Zeit und Mühe sämtliche, den verschiedensten Berufsklassen angehörige Mitglieder unseres geehrten Vorstandes sich der Ausführung dieser Aufgaben unterziehen, wie dieselben unermüdlich, mit seltener Pflichttreue, mit ganzem Herzen und mit sorgfältiger Erwägung aller zweckdienlichen und maßgebenden Umstände ihrer Aufgabe gerecht zu werden bemüht sind und daß von den Mitgliedern unseres geehrten Vorstandes der Bibelsatz gesagt werden kann: irccr *6 nb’bi dv sie widmen die Arbeit des Tages, sie opfern die Ruhe der Nacht dem Wohle der Gemeinde. Das soll bei jeder Gelegenheit, das soll heute dankbar anerkannt werden. Für eine erste Gemeinde, wie es Wien ist, und für den Vorstand, welcher an der Spitze dieser Gemeinde steht, ist jedoch der Wirkungskreis nicht aus die Grenzen jenes Gebietes beschränkt, innerhalb welcher die betreffende Kultusgemeinde sich befindet, sie müffen auf höherer Warte stehen und überhaupt darauf achten, daß jüdische Interessen nirgends geschädigt, nirgends gefährdet werden. Der Vorstand unserer Kultusgemeinde muß, wenn, wie dies leider des Oefteren der Fall ist, auch fernab von der Gemeinde den Glaubensgenossen Gefahr droht, für diese gefährdeten Glaubensgenossen seine Stimme erheben und sich nach Kräften dafür einsetzen, diesen hart bedrängten Glaubensgenossen Hilfe zu bringen und so weit als möglich weitere Gefahren hintanzuhalten. Und auch dieser schwierigen Aufgabe ist unser Vorstand stets nachgekommen; er hat sich, als im vorigen Jahre im fernen Osten unsere Glaubensgenossen von blutrünstigen Horden überfallen, beraubt und gemordet worden sind, an die Spitze aller gleichgesinnten Gemeinden gestellt und seine Stimme gegen diese Gewalttaten, gegen diese Wiederkehr mittelalterlicher Barbarei erhoben und nach Kräften dazu beigetragen, Mittel zur Linderung der Not und des Elendes unserer unglücklichen Glaubensbrüder zu beschaffen. Unser Vorstand hat aber auch, als von einer Stelle, von der man es am wenigstens erwarten durfte, ein unerhörtes Drohwort ausgesprochen und in die Massen geworfen wurde, mit aller Energie dagegen Protest erhoben, hat an geeigneter Stelle gegen derartiges Verhalten Einsprache eingelegt und auch den Erfolg erzielt, der unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt erzielt werden konnte. Ich möchte aber noch an einen Punkt anknüpfen, den der hochverehrte Vorredner Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann mit Recht als ein erfreuliches Moment hervorgehoben hat, das ist die Einheit, die Einigkeit in unserer Gemeinde. Nun, meine sehr geehrten Herren, daß eine solche besteht, das ist das nicht genug hoch anzuschlagende Verdienst unseres geehrten Vorstandes, der es verstanden hat, anläßlich der Angliederung der verschiedenen Vorortegemeinden das Gemeindewesen und alle seine Einrichtungen derart zu organisieren und zu gestalten, daß die für die gedeihliche Entwicklung unserer Gemeinde unerläßliche Einheit auch nach Kräften gewahrt wurde. Wir haben daher allen Grund, auch nach dieser Richtung hin das Verhallen und die Tätigkeit unseres geehrten Vorstandes mit bestem Danke anzuerkennen. (Lebh. Beifall.) Wenn wir aber auch Dank wissen dem geehrten Vorstande für die mühevolle Last, die er auf sich genommen hat, für den Eifer und für die Pflichttreue, mit der er allen berechtigten Anforderungen nachzukommen bestrebt ist, so wird er und werden Sie alle, geehrte Herren, es dennoch für berechtigt erachten, wenn ich dem Wunsche Ausdruck gebe, daß der Vorstand bei der ferneren Leitung der Angelegenheiten unserer Kultusgemeinde darauf sein Augenmerk richten möge, daß unsere Kultusgemeinde, welche vermöge der Anzahl der Seelen und der Mitglieder heute als die größte bezeichnet werden kann, auch in stetig fortschreitender Entwicklung so gestaltet werden möge, daß sie in jeder Beziehung allen anderen Kultusgemeinden vorbildlich werde und mit diesem Wunsche erlaube ich mir Sie aufzufordern, ein „Hoch" auszubringen auf unseren geehrten Vorstand und alle seine Mitglieder. (Lebhafter Beifall.) Trinkspruch auf die Vereinsinitglieder, gesprochen vom Vizepräsidenten Herrn Phil, und Jur. Dr. Markus Spitzer. Hochgeehrte Festversammlung! Unter den Ideen, welche der Menschheit auf ihrem Wege zur geistigen und sittlichen Entwicklung, zur Kultur und Zivilisation als bewährte Führer voranschreiten, ragt eine Idee gewaltig und mächtig hervor, alle anderen mit ihrem Glanze überstrahlend, die Idee der Gleichheit aller Menschen. Der Gleichheit Aller im Rechte auf Achtung und Schätzung der Menschenwürde, auf Anerkennung der Persönlichkeit und deren Betätigung, auf Freiheit des Gewissens und der Ueberzeugung, auf Heilighaltung des alten biblischen Verbotes „Du sollst nicht zweierlei Maß und Gewicht haben" seitens aller öffentlichen Institutionen; allein auch Gleichheit Aller in der Pflicht, sich stets als ein Teil des Ganzen zu fühlen, aus allen Kräften mitzuwirken an der Veredlung und Versittlichung des Menschengeschlechtes, an der Verbreitung der Wahrheit und Gerechtigkeit, an der Lösung des großen sozialen Problems der Linderung der Not der Armen, Kranken, Greise und Siechen, der Verbesserung des Loses der Enterbten der Gesellschaft. Diese Idee hat bereits vor Jahrtausenden das ethische Bewußtsein des Volkes durchdrungen und gelangte znm vollendeten Ausdrucke in einer Reihe von Gesetzen und Anordnungen der Heiligen Schrift, in unsterblichen Meisterwerken unserer Geistesheroen, in Fest- und Gedenktagen, welche glorreiche Zeiten der Vergangenheit, ruhmgekrönte Helden, wunderbare, das Volksleben in seinen Tiefen umgestaltende Ereignisse in unser Gedächtnis zurückrufen sollen. Auch der Monat Adar, in welchem wir nach jüdischer Zeitrechnung gegenwärtig leben und bei dessen Eintritt angesichts des erwachenden Frühlings Frohsinn und Heiterkeit in uns einzieht, ist durch drei Gedenktage ausgezeichnet, in denen sich der Geist der Gleichheit offenbart und aus welchen uns der warme Hauch echter Ursprünglichkeit, unverwüstlicher Jugend, ftischer, erquickender Volkstümlichkeit' entgegenweht. Am ersten Tage des Monates zogen die Boten hinaus, um Jedermann zur Entrichtung des halben Scheckels aufzufordern, von welcher Gabe es heißt, daß der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger gebe und welche ein Symbol der Gleichheit war; aus den eingesammelten Gaben wurden beim Baue des ersten Heiligtums, der Stiftshütte, die Füße, auf welchen diese ruhte, die Klammern, welche die einzelnen Teile zusammenhielt, verfertigt, und sollte hiedurch allen künftigen