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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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air. 12 Dr. Blocb’8 THUocbenscbrttt. @ettt 191 Vielmehr Palästen an der Ringstraße die beste Gesellschaft unserer Stadt verkehrte, ohne deren Mitwirkung nichts Großes auf dem Gebiete der Kunst und des Gemeinwohles ins Leben gerufen wurde, die aber auch für das Judentum und die jüdischen Interessen ein empfängliches Herz und die wärmste Teilnahme besaßen. Wie viele von diesen Familien sind verschwunden oder haben Nachkommen hinterlassen, die sich von unserem Glauben und unserer Gemeinschaft schnöde und undankbar ababgewendet haben. Das helle Licht der Vergangenheit beleuchtet ihre traurige Gegenwart und ihre noch traurigere Zukunft. Aber diesen Schattenseiten gegenüber, die wir uns weder verhehlen können, noch dürfen, fehlt es, Gott sei Dank, nicht an Lichtseiten, und hier will ich besonders einen Vorzug hervorheben, die unsere Gemeinde vor fast allen anderen Großgemeinden besitzt und der für sich allein hinreicht, die Schäden aufzuwiegen. Das ist die Einigkeit. (Lebhafter Beifall.) Es gibt in Wien nur eine Judengemeinde. Zwar leistet das Gesetz dieser Einigkeit Vorschub, aber ich bin überzeugt, daß, wenn auch das Gesetz die Spaltung erlaubte, dennoch kein Jude in Wien wagen würde, Bresche in die Einigkeit zu legen. Dafür ist die Zentripetalkraft unter den Wiener Juden bereits zu sehr eingewurzelt und kein Bezirksinteresse, kein vermeintliches religiöses Interesse kann das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den inneren Drang nach Gemeinsamkeit mehr entwurzeln. Die Wiener Judengemeinde wird ihren Vorzug, ihren Stolz, ihren höchsten Schatz, den Frieden und die Einigkeit, zu wahren wissen und sie wird dadurch in Zukunft alles wieder einbringen, was sie vorübergehend eingebüßt hat, denn es ist so wie Sallust sagt: „Durch Einigkeit werden kleine Dinge groß, durch Zwietracht gehen die größten zugrunde", oder wie es noch schöner das letzte Wort der Mischna ausdrückt: „Es gibt kein Gefäß, das so voll von Segen für Israel wäre, wie den Frieden". In dieser Zuversicht, daß unsere Gemeinde immer in Frieden geeint bleibe, lade ich Sie ein, mit mir auszurufen: „Unsere Gemeinde lebe hoch"! (Lebhafter Beifall.) Toast auf die Chewra-Kadischa, gesprochen von Herrn Rabbiner Dr. Adolf Schmied!. Ich knüpfe meine Betrachtung über die Chewra-Kadischa und ihr frommes Wirken an das Wort eines alten Weisen, welcher sagte: „Beiden frommen, edlen Männern der Vorzeit war jener traurige Engel, den wir den Engel des Todes nennen, förmlich wie ein Hausfreund, ja wie ein weiser Berater und Lehrer ein- und ausgegangen, und diesem häufigen Verkehr mit dem Todesengel hatten sie nicht nur ihre innige Frömmigkeit, sondern auch einen hohen Grad von Lebensweisheit zu verdanken." Und wer waren diese frommen Männer der Vorzeit? Es waren vielleicht die Gründer und Förderer der Chewra-Kadischa. Ich hebe hier zwei von den vielfachen frommen Aufgaben jeder Chewra hervor: die eine nennen wir „Lewojath hameth“, das ist die pietätvolle Begleitung des aus dem Leben Geschiedenen bis zu seiner letzten Ruhestätte hin. Schon diese einfache Handlung ist oft imstande, ein großes Stück Lebensweisheit in denkenden Männern hervorzurufen. Die zahlreichen Begleiter, welche hinter der Bahre einhergehen, führen in der Regel leise Gespräche untereinander, die ein und dasselbe Thema berühren, nämlich edle Handlungen aus dem Leben des Scheidenden hervorzuheben; nach dem bekannten Spruche: „De mortuis nil nisi bene“, den Toten soll man nichts als gut reden, bieten sie ihren ganzen Scharfsinn auf, um dem Scheidenden recht viel Gutes nachzurühmen. Die ehrenwerten Delegierten der Chewra-Kadischa, zu deren Beruf es gehört, sich öfter diesen pietätvollen Begleitungen anzuschließen, werden bei solchen Lobeserhebungen des Scheidenden zu ernster Betrachtung angeregt. Gewiß ist es schön, sagen sie sich, dem von uns scheidenden Mitmenschen solche liebevolle Milde und Nachsicht angedeihen zu lassen, allein der Tote hört ja nicht diese Lobeserhebungen und die unsterbliche Seele, die nun in höheren Regionen weilt, sie ist gewiß hoch erhaben sowohl über das Lob wie auch über den Tadel ihrer vormaligen Staubgenofsen. Wie schön wäre es deshalb, wenn dieselbe Milde und Nachsicht, die hier dem Toten geweiht wird, auch auf die mit uns und neben uns Lebenden angewendet würden; denn so lange der Mensch auf Erden lebt, und wäre er der bescheidenste und anspruchsloseste, tut es ihm im Herzen wohl, wenn er sein Wirken und Schaffen von den Mitmenschen gebilligt, gewürdigt, anerkannt sieht. Allein es ist eine traurige Eigentümlichkeit unserer Menschennatur, wir lernen unsere Mitmenschen erst dann kennen und würdigen, wenn sie bereits aus der Mitte der Lebenden geschieden find. Und derart kann gleich die erste fromme Aufgabe der Chewra-Kadischa — die pietätvolle Begleitung der aus dem Leben Scheidenden — ihren frommen Mitgliedern ein großes Stück Lebensweisheit einflößen. Dies gilt aber ebenso von der zweiten heiligen Aufgabe der Chewra-Kadischa, die wir „Bikur cholim" nennen, das ist das liebreiche Aufsuchen und Heimsuchen jedes Schwerkranken, der auf dem Schmerzensbette seuftend seiner letzten .Stunde entgegenblickt. Auch am Krankenbette des scheidenden Mitmenschen stehend, kann man dem traurigen Engel, den wir Todesengel nennen, ins Auge blicken und von ihm die Anregung für tiefe Frömmigkeit und hohe Lebensweisheit erhalten. Es ist gewiß die traurigste Stunde im Leben des Menschen, die keinem erspart bleibt, an den einen später, an den anderen früher herantritt, die Stunde, in welcher er es inne wird: Ich muß nun fort aus dieser Welt und fort von allem, was ich in ihr errungen und erkämpft habe! Aber auch derjenige, der pietätvoll in dieser schweren Stunde am Sterbebett seines Mitmenschen steht, auch er wird es inne, daß es nur zwei Mittel gibt, um die schreckliche Stunde zu mildern oder gar zu versüßen: das eine Mittel ist der unerschütterliche Glaube, daß es nur der Staub ist, der zum Staube zurückkehrt, daß aber die Seele, die reine, die uns Gott eingehaucht hat, „wieder zurückkehrt in das Haus ihres Vaters wie ehedem"; das zweite Mittel aber ist das den Scheidenden ermutigende Bewußtsein: „Ich habe diese Spanne Zeit, die wir Menschenleben nennen, nicht vergebens gelebt, sondern sie ausgefüllt mit edlem Tun und Schaffen, so daß ich mir in den Herzen meiner Mitmenschen ein Denkmal der Liebe und der Treue aufgerichtet habe". Allein traurig, wenn dieser heilkräftige Gedanke dann erst im He^en des Menschen wach wird, wenn ihn bereits alles daran mahnt, daß der Engel des Todes nicht mehr ferne von ihm ist und ihm nicht als der erlösende, sondern als der erschreckende Engel erscheint. Das menschliche Wirken und Schaffen können wir — nach den Worten unserer heiligen Thora — mit drei verschiedenen Namen bezeichnen: Gold, Silber und Kupfer. Dem edlen Golde gleicht es nur dann, wenn wir, noch in voller Manneskraft stehend, den Samen segenschaffender Werke ausstreuen, so daß wir uns an unseren eigenen Schöpfungen noch erfreuen und die gestreute Saat wachsen und fruchttragend sehen. Derart wirkt der häufige Verkehr mit dem traurigen Engel des Todes veredelnd und sowohl tiefe Frömmigkeit als auch hohe Lebensweisheit in uns wachrufend. Darum beugen wir unser Haupt vor den edlen Männern, die ihre Kraft und ganze He^enswärme und Zeit in den heiligen Dienst der Chewra-Kadischa stellen. (Großer Beifall.) Trinkspruch des Herrn Dr. Leopold Kohn auf den Kullusvorstand. Sehr geehrte Herren! Gestatten Sie, daß ich ohne jede Einleitung an die Behandlung der mir gewordenen ehrenvollen Aufgabe schreite! Die jüdischen Gemeinden haben, wie uns allen bekannt ist, nicht bloß für die schwierige Ordnung des Haushaltes zu sorgen, sie haben vermöge Satzungen, Geschichte und Tradition auch eine große Zahl von rituellen, kulturellen und humanitären Aufgaben zu erfüllen, deren Bewältigung bei denjenigen, welche an der Spitze der Gemeinde stehen und zur Leitung derselben berufen sind, nicht bloß die nötige Eignung, sondern auch ein

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