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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 190 Dr. BlocD s iPocDeiiöcDcm. Nr. 12 Dieses Buch der Bücher lehrt und atmet Gerechtigkeit und Freiheit, den Schutz der Armen, Waisen und Witwen, gleiches Recht für alle Menschen, für den Fremdling wie für den Volksangehörigen; unsere heilige Bibel ist das Buch der reinen Liebe und der wahren Menschlichkeit. Alle sozialpolitischen Bestrebungen der neueren Zeit finden in ihr ihren Ursprung; ihre sozialpolitischen Vorschriften sind noch heute ein nicht erreichtes Ideal und deshalb hat die Bibel uns Juden zu dem Volke der wahren, reinen Menschen- und Nächstenliebe gemacht, was selbst Gegner und Feinde bei aller Gehässigkeit und Mißgunst anerkennen müssen, wieder bekannte Philosoph Eduard v. H a r t m a n n, der seine Meisterschaft im Worte unter der Maskedes Wohlwollens, zum Versuche der philosophischen Rechtfertigung des Antisemitismus mißbrauchte, trotz aller Anfeindung, uns Juden als das Volk der praktischen Wohltätigkeit, als Vorbilder der Barmherzigkeit bezeichnen mußte, und deshalb besteht ein innerer Zusammenhang zwischen den Chewrot-Kedoischos und unserem großen Lehrer Moses. Hat doch unser großer Lehrer Moses die Zusammengehörigkeit gelehrt und betätigt und ist das feste Zusammenhalten durch die traurigen Erscheinungen der letzten Jahre umso dringender für uns geworden. Sind doch die heiligen Bruderschaften auf der Grundlage seiner Lehren und auf der Grundlage der heil. Bibel aufgebaut, bilden doch Werke der Menschenliebe und Wohltätigkeit das Wesen und die Tätigkeit der Chewra-Kadischa. Dort wo Menschenliebe und das Streben dem Leidenden sein Leid, dem Armen seine Armut zu lindern, den Bedrückten und Gebeugten beizustehen, in vollster Pflichterfüllung für alle Klassenunterschiede die ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen, den Inbegriff des Wirkens bildet, muß des Mannes gedacht werden, der für uns ein Vor- und Sinnbild der umfassenden Liebe und Pflichttreue geworden. Die Juden gehören überall zu den besten Patrioten, sie hängen auch dort, wo sie unter dem stärksten Drucke leben, wo Ungerechtigkeit und böse Ausschreitungen das Leben bedrohen, an dem Vaterlande, auch dort, wo nicht einmal die Gräber der teueren Toten geschont werden, um wie viel mehr müssen wir an unserem schönen Vaterlande hängen und unentwegt in Liebe und Treue an dem Manne, welcher der Herrscher unseres Vaterlandes, an dem Manne, der, ein seltenes Muster von Hingebung und Opferwilligkeit an seinen hohen Beruf, den Er dahin auffaßt, daß Er väterlich in gleicher Liebe für das Wohl aller Staatsbürger seines großen Reiches sorgt und Welcher immer und immer den hehren Grundsatz betätigt, daß Er, echt menschlich fühlend, das Glück aller Bürger Seines weiten Reiches, ohne Unterschied des Volksstammes und Glaubensbekenntnisses anstrebt, das Wohl aller Völker und aller Konfessionen Sich zu Seiner Lebensaufgabe setzt, allen, insbesondere in letzter Zeit so häßlich und heftig auftretenden Verhetzungen Sein Ohr verschließt. In Liebe und Verehrung sehen wir zu unserem Kaiser auf, in Liebe und Verehrung beten wir in allen unseren Gotteshäusern zu dem allgütigen Gott für das Leben, Wohl und Glück unseres vielgeliebten Kaisers, daß er Ihm Seine Lebenstage bis an das weiteste Ziel verlängere, daß er Ihn damit beglücke, daß Er, der Vielgeprüfte, Sein Lebensziel, den Frieden und das Glück Seines großen Reiches und aller Angehörigen desselben, erreiche und in diesem Sinne, mit diesem Wunsche, lade ich Sie, geehrte Herren, ein, einzustimmen in den Ruf: Unser vielgeliebter Kaiser Franz Josef I., er lebe hoch! (Die Festversammlung bringt ein dreifaches begeistertes „Hoch" aus. — Die Musikkapelle intoniert die Volkshymne. — Großer Applaus.) Trinkspruch des Oberrabbiners j Dr. M. Güdenrann. j In der Reihe der Toastredner bei diesem Brudermahl^ genieße ich seit Jahren das Recht, den Trinkspruch auf unseres Gemeinde auszubringen. Wenn ich nun auch heute von diesem» Rechte Gebrauch mache, so kann ich leider nicht sagen, daß ich» es in derselben freudigen Stimmung tue, die mich einst fcaöei" erfüllte. Besonders weckt der Saal, in dem wir uns heute befinden, die Erinnerung an jenes Brudermahl, das vor drei- oder vierunddreißig Jahren hier abgehalten würde, und ich fühle mich dadurch in eine Zeit zurückversetzt, von der die Gegenwart erheblich absticht. Damals war ebeü erst die politische Morgenröte in Oesterreich aufgegangen, das sogenannte Bürgerministerium stand an der Spitze der Regierung, die interkonfessionellen Gesetze waren ins Leben gerufen UUd ganz Wien hatte illuminiert, als das Herrenhaus nach den freisinnigen Reden Anastasius Grüns und anderer sie angenommen hatte. Man sah einer frohen Zukunft entgegen, in der die ausgestreuten Keime der Freiheit sich, wie man hoffte, zu reicher Blüte entfalten würden. Die freudige Stimmung, die überall herrschte, gab sich auch bei der damaligen Chewra-Sude kund, an der die hervorragendsten Männer unserer Gemeinde sich beteiligten. Sie sollte zugleich der Eröffnung des Zentralfriedhofes, die eben bevorstand, die Weihe erteilen. Wenn ich mir nun vergegenwärtige, was für ein Tag oder vielmehr, was für eine Nacht auf jene verheißungsvolle Morgenröte folgte, wie der grünende Baum der Freiheitshoffnungen im Laufe der Zeit immer mehr verwelkte und entblättert wurde, dann kann mich wohl keine andere Empfindung, als eine tief schmerzliche in dem Augenblicke beschleichen, in dem ich mich zu dem Trinkspruche anschicke, den ich einst in der Frische der eigenen Jugend und auch der Jugend des nach der Niederlage von 1866 politisch wiedergeborenen Oesterreichs mit soviel Temperament ausbrachte. Der Dichter der „Göttlichen Komödie" sagt: „Es gibt keinen größeren Schmerz, als einer glücklichen Zeit im Unglück sich erinnern." Was ist übrig und in Geltung von den freiheitlichen Errungenschaften jener Frühlingstage, von dem Geiste der Humanität und der Verbrüderung, der für immer unsere Stadt in Besitz genommen zu haben schien? Nur ein einziges Wahrzeichen erinnert noch an jene Zeit, und dieses Wahrzeichen ist leider — der Zentralfriedhof. Dort allein besteht noch der Rechtsgrundsatz in ungeschmälerter Geltung, daß vor dem Gesetze alle Bürger gleich sind, denn das Naturgesetz des Todes läßt sich allerdings keine Nase drehen, dort allein, auf dem Zentralfriedhofe, wo innerhalb derselben Umfassungsmauer Juden und Christen ruhen, dort allein herrschen noch Friede und Eintracht, denn es gibt da keinen Bürgermeister und keinen Gemeinderat, die angesichts der versöhnenden Macht des Todes eine entgegengesetzte Wirksamkeit ausüben könnten. (Lebhafter Beifall.) Aber in dem lebendigen Wien, da wuchert trotz der mannigfachen Parkanlagen und des geplanten Wald- und Wiesengürtels das Unkraut des Hasses und der Zwietracht in den Straßen, es wird aus der Wasserleitung gehässiger Beredsamkeit genährt und gedeiht zu immer größerer Ueppigkeit, und für alle jene freiheitlichen Errungenschaften und Hoffnungen, die einst mit einer Illumination gefeiert wurden, ist unsere ganze, früher so gemütliche Stadt zu einem Zentralfriedhofe geworden, in dem sie der Verwesung anheimgefallen sind. (Lebhafter Beifall.) Aber auch die Betrachtung der Verhältnisse in unserer Gemeinde kann, wenn wir das Jetzt mit dem Einst vergleichen, keine freudige Stimmung wecken. Es ist nicht zu verkennen, daß unsere Gemeinde, die vor dreißig Jahren den unbestrittenen Vorrang vor allen anderen Gemeinden im westlichen Europa behauptete, von einigen unter ihnen in mancher Richtung überflügelt worden ist. Unsere Gemeinde hat ihre klassische Periode hinter sich, während andere sich ihrer jetzt erfteuen. Das macht der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung, an dem sie teilnehmen, wie sie ihn mit herbeigeführt haben, während man hier eher von einem allgemeinen Niedergang reden kann, von dem auch unsere Gemeinde nicht verschont geblieben ist. Auch innere Ursachen, vor allem das Nachlassen der Ueberzeugungstreue und der darin begründeten Unüberwindlichkeit haben dazu beigetragen, t daß die Gegenwart hinter der Vergangenheit zurücksteht. Wenn Uich an jene einstige Chewra-Sude in diesem Saale denke, an Udie ich schon erinnert habe, wo auch die Vornehmsten sich nicht «für zu vornehm hielten, um dabei zu sein, dann schweben mir "jene edlen Männer und Frauen vor, in deren Häusern oder

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