Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Mocb s MlocbenscbrM. Seite 187 Ich war während der Plünderungen und während der Brandlegung in Hömel und ich weiß von einer großen Anzahl absolut zuverlässiger Zeugen, daß die Truppen und die Polizisten es waren, die plünderten und die zum Teil alsdann, um ihr Verbrechen zu verhüllen, die Häuser in Brand steckten. Wir wissen aber auch, daß die Erlaubnis zu diesem Verbrechen von hohen Persönlichkeiten gegeben worden ist. Wenn ich aber auch ganz davon absehe, was mir andere zuverlässige Personen mitgeteilt haben, ist doch jedenfalls das unbestreitbar, was ich selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen habe. In dem Hause, in dem wir uns in aller Ruhe befanden, hörten wir plötzlich Schüsse und wir sahen nun. daß vor dem Hause Kosaken und Schutzleute und nur ein einziger Hooligan standen, die ohne jede Veranlassung das Haus beschossen. Es blieb den Bewohnern — ich eingeschlossen — nichts übrig, als zu fliehen, sich durch den Garten zu einem Nachbar zu retten. Von dort aus konnten wir beobachten, wie die Kosaken, Schutzleute und der eine Hooligan alsdann in das verlasiene Haus eindrangen, Geld und Wertsachen raubten, alles zertrümmerten und schließlich das Gebäude in Brand steckten. Ganz ausgeschlossen war es, Widerstand zu leisten, weil sowohl die Truppen wie die Schutzleute sich an den Plünderungen und Brandstiftungen beteiligten. Die Zahl der Hooligans, die in diesem Falle in Aktion traten, war hingegen so klein, daß die Bürgerschaft mit diesen ohne jede Schwierigkeiten hätte fertig werden können. Nur die Kosaken, nur die Polizei sind an den erneuten Homeler Verwüstungen schuld." Solcher Feststellungen bedarf es kaum noch. Man weiß bereits im Auslande, daß auf russische offizielle Berichte das Bismarcksche Wort anzuwenden ist: „Gelogen wie telegraphiert." Von einem Bewohner der Stadt Homel wird ferner geschrieben: Im November des Jahres 1905 bildete sich in Homel ebenso wie in mehreren Städten Rußlands, wo die Mehrzahl der Bevölkerung aus Juden besteht, eine Abteilung des sogenannten „Patriotenvereins". Die Mitglieder des Vereins gehören in Homel wie auch in den anderen Städten zu den niedrigsten Schichten der Bevölkerung und haben mit Patriotismus weder im engen noch im weiteren Sinne des Wortes etwas zu tun, Hooligans, die für ihre Mitgliedschaft im Patriotenverein Gehalt von einer bis jetzt unbekannten Zentralorganisation erhalten und deren Programm im Aufhetzen der Christen gegen die Juden besteht. In den Proklamationen und Schriften, die der obengenannte Verein in Homel von Zeit zu Zeit veröffentlichte, rief er zum Kampf gegen die Juden auf. Es gehörten zu ihm in Homel zirka 20 Hooligans, viele Soldaten des Dragoner-Regiments in Homel und die dort wohnenden 100 Kosaken. Ende Dezember 1905 erhielten mehrere Juden Drohbriefe, in denen sie benachrichtigt wurden, daß sie vom Patriotenverein zum Tode verurteilt seien. Einen solchen Brief erhielt auch der Schreiber dieser Zeilen. Anfangs Jänner 1906 haben die Kosaken begonnen, Ueberfälle auf die Juden zu machen; kein Tag verging nun ohne Straßenraub und Mißhandlungen. So ging es bis zum 26. Jänner. Einzelne Inden und auch eine Deputation waren beim Polizeimeister und beim Regimentsvorsteher, erzählten ihnen von den Aufrufen des Patriotenvereins und auch von den Ueberfällen, aber sie erreichten nichts, um den Juden Sicherheit zu schaffen. Am 20. Jänner, um 4 Uhr nachmittags, kamen einige Hooligans in der Hauptstraße der Stadt zusammen und gaben einen Revolverschuß ab. Das war ein Signal, um die Kosaken aus der Kaserne zu rufen. Diese kamen auch sofort, zu Fuß, aber mit Flinten bewaffnet und fingen an, die Hauptstraße und die nächsten Nebenstraßen zu beschießen, um die Juden zu verjagen. Als die Straßen von Juden leer wurden, drangen sie in die Läden und Wohnungen, raubten alles, was sie mitnehmen konnten, begossen das übrige mit Petroleum und steckten es in Brand. So gingen sie ganz ruhig, ohne seitens der Polizei gehindert zu werden, vyn Laden zu Laden, von Haus zu Haus und setzten alles in Brand. Als die Brandwache kam, wurde sie mit Flintenschüssen von den Kosaken empfangen und mußte zurückkehren. Der Polizeimeister blieb zuerst zu Hause, als er aus Verlangen der Juden auf der Straße erschien, stand er dort, sah ruhig die Plünderei und den Brand an. tat aber nichts, um die Kosaken und die Hooligans in ihrer „Tätigkeit" zu hindern. Die Schutzleute gingen zusammen mit den Hooligans und haben aktiven Anteil an der Plünderei genommen. So dauerten die Greuel die ganze Nacht und den folgenden Tag. Speziell wurde mein Haus geplündert, das ganz entfernt von der Hauptstadt liegt. Um 5 Uhr nachmittags desselben Tages, als ich mit meiner Familie zu Hause war, hörte ich plötzlich einen Schuß in der Nähe des Hauses, als ich mich dem Fenster näherte, sah ich, wie 6 Kosaken, 2 Schutzleute und 1 Hooligan mein Haus beschaffen. Ich eilte, mich und meine Familie zu retten, nahm meinen 10jährigen Knaben, der damals an Masern krank lag, eilte durch die Küchentür in den Garten und von da zu meinem Nachbarn, dem Hauptmaun A., wo ich mit meiner Familie Schutz gefunden habe. Die Kosaken und Schutzleute gingen ins Haus, raubten alles, was einigen Wert hatte, das andere zerschmetterten sie und zündeten sie an. Im ganzen sind zirka 30 Häuser verbrannt und über 150 Läden geplündert und eingeäschert worden. Leute, die bis zum 26. als Reiche betrachtet werden konnten, sind jetzt vollständig ruiniert; die Not ist groß. Am 29. kamen der Vize-Gouverneur Padsedlewitsch und der General Orloff nach Homel, sie hatten Kanonen mitgebracht, aber anstatt die Hooligans zu arretieren, haben sie Haussuchungen bei fast allen Juden vorgenommen, und obwohl sie nichts Verdächtiges gefunden haben, verhafteten sie einige der vornehmsten Juden in der Stadt, wie Aerzte, Bankdirektoren, reiche Kaufleute usiv. Aus Homel, den 15. Februar 1906, schreibt man ferner der „Russischen Korrespondenz": Die Bevölkerung von Homel befindet sich noch immer in einer panikartigen Stimmung. Die Stadt, die früher voll Leben war, ist jetzt eine Ruine. In Homel herrscht völliger Terror der Polizeinnd Militärwillkür. Seit dem Pogrom bemüht sich die Bureaukratie mit allen Mitteln, die Bevölkerung einzuschüchtern und den ruhigsten Bürgern einen heillosen Schrecken einzujagen. Groß ist nämlich der Zorn der hiesigen Polizeikreise, daß der teuflische Plan, den sie ausgeheckt hatten, so gänzlich mißlungen ist. Jetzt, da die Ereignisse vom 26. und 27. Jänner mit allen ihren Einzelheiten unverhüllt vor aller Augen daliegen, zweifelt niemand mehr daran, daß die vom Militär inszenierte unheimliche Feuersbrunst hauptsächlich den Zweck gehabt hat. die revolutionären Elemente und möglicherweise die gesamte, friedliche, jüdische Bevölkerung durch Brutalität zu einem bewaffneten Aufruhr zu provozieren, damit ein fürchterliches Blutbad veranstaltet werden könne. Das Resultat ist nun folgendes: eine aufblühende Handelsstadt ist ruiniert, Werte im Betrage von zwei bis drei Millionen Rubel sind vernichtet und das Militär, das ans höhere« Befehl hin ichamlos gewütet und sechzehn Stunden hintereinander gegen hundert große und kleine Läden schlimmer als eine Räuberbande ausgeraubt, mit Petroleum begossen und nebst den Gebäuden niedergebrannt hat, dieses Militär hat den Gipfelpunkt der Frechheit, Rohheit und Disziplinlosigkeit erreicht. Was Wunder, wenn trotz der „eingetretenen Ruhe" die Ausschreitungen von Soldaten und Kosaken kein Ende nehmen und die jüdische Bevölkerung Hömels immer von neuem das Schlimmste befürchten lassen, Neulich beobachtete ich selber, wie ein Kosak um 6 Uhr abends in der belebtesten Straße aus reinem Mutwillen jeden Passanten mit seinem Kolben schlug und so für längere Zeit das Trottoir sperrte. Was sind aber diese .Späfse" im Vergleich zu den Heldentaten, mit denen die Kosaken die Homeler jüdischen Einwohner bedrohen! Welche physische und psychische Qualen haben die erdulden müssen, die der Meute in die Hände fielen. Wie viele von ihnen wurden geschlagen oder verwundet, wie viele waren vom Feuer und ringsherum schießenden Kosaken umringt und hatten den Tod ins Auge geschaut, so daß sie das nackte Leben als ein unerwartetes Glück betrachteten, das sie kaum noch zu begreifen vermochten. Und bei all diesen Brutalitäten und Demütigungen durften sie sich nicht einmal wehren. Denn sie wußten wohl, daß der geringste Widerstand zur Abschlachtung Tausender geführt hätte. Welch eine entsetzliche Alternative für die zahlreichen aufopferungsfähigen Jünglinge! Trotzdem jüdischerseits nicht ein Schuß gefallen war, nicht die geringste Gegenaktion versucht wurde, hat sich die Homeler Polizei erdreistet, die tolle düge zu verbreiten, daß die jüdischen Revolutionäre die Stadt in Brand gesteckt hätten. Sie wußte wohl, das ihr in Homel auch nicht ein Mensch glauben würde, selbst nicht al s den Elementen des „Schwarzen Hunderts", das bei den Ereigniffen so schwach vertreten und in Anbetracht der offenen aktiven Arbeit der Kosaken ganz überflüffig war. Sie wußte, daß unzählige Menschen die Heldentaten der Kosaken gesehen hatten und genau beschrieben, wie die militärischen Brandstifter die Feuerwehr nicht heranließen, sie wußte, daß die Kosaken selber überall sich ihrer Leistungen rühmten. Sie verbreitete das Gerücht nicht für Homel, sondern für die Ferne, der man die Komödie zu erklären hatte, die nach dem Pogrom begann. Denn als der ursprünglich; Plan der Provokation eines bewaffneten Aufstandes gescheitert war, griff die vor nichts zurückschreckende Bureaukratie zu einem anderen Mittel. Sie drehte den Spieß um. stempelte die Stadt zu einer aufrührerischen und führte eine Komödie sondergleichen auf. Von oben aber, von Petersburg, wurde die Komödie noch weiter ausgedehnt Hintereinander wurden drei Beamte nach Homel entsandt, ein Generalmajor zur Beschwichtigung des Aufstandes, ein Generalmajor zur Untersuchung der Teilnahme des Militärs an den Ereignissen vom 26. und 27. Jänner und ein dritter Abgesandter vom Ministerium aus, behufs allgemeiner Untersuchung. Als ob es nicht ein Leichtes wäre, derartige Zerstörungsprozesse von vornherein zu verhindern, wenn man nur in Petersburg wollte. Wozu aber diese Untersuchungen, die höchstens eine Sammlung Akten zur Folge haben, immer noch ins Werk gesetzt werden, weiß wirklich niemand, da ihre Ankündigung kaum noch jemanden irreführt. Aus der ganzen Komödie macht jedenfalls wirklichen Ernst der Generalmajor Orloff, der die „aufständische" Bevölkerung im Kaume hält. Schon die Nachricht von seiner bevorstehenden Ankunft hatte eine förmliche Flucht aller intelligenten Kreise aus der Stadt bewirkt. Und er kam mit einem Pack voll Drohungen gegen di; „Aufrührer", als welche er alle bezeichnete, bei denen irgend eine Waff gefunden werden sollte. Orloff arbeitet unausgesetzt daran, den Ans-