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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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'Jlt 12 Dr. Blocb's Mocbenscbnn. Seite 183 Substanzen reiche Schlamm im Ackerboden als der beste Dünger zurück, welcher dem Pflanzenleben zu üppigem Gedeihen verhilft. Trotz der primitiven Bearbeitung des Bodens mit dem landesüblichen Holzpflug bringt er hundertfachen Ertrag, und dies macht es begreiflich, daß Mesopotamien einst die vielgepriesene Kornkammer war. Auch heute würde dies der Fall sein, wenn europäische Kolonisten mit Verständnis den Boden bearbeiten und feste Plätze mit entsprechender Militärbedeckung Leben und Eigentum sichern würden gegen die Ueberfälle der räuberischen Beduinenhorden, die besonders zur Erntezeit grassieren und den Ackerbauern die ganze Ernte plündern und wenn die Sicherheit auch gegen die anderen Räuber, die Zehentpächter, geboten wäre, die mit der größten Willkür, unter dem Schutze der Obrigkeit, die Ernte, wenn sie noch in Halmen steht, abschätzen und das doppelte, oft dreifache Maß requirieren. Nebst Sesam ist es der Reis und die Baumwolle, welche hier vorzüglich und in guter Qualität gedeihen, jedoch ist hiefür unbedingt künstliche Bewässerung notwendig. Denn bei der tropischen Hitze von 50— 60° C. ist schon Ende April alles verdorrt, versengt, kein Grashalm mehr sichtbar, nur wo Wasser ist, blüht üppiges Leben. Hier ist beständiges, keinem Wechsel unterworfenes Wetter, kein Frost, kein Hagelschlag gefährdet den Anbau; von Ende April bis Oktober keine Wolke am Himmel, kein Tropfen Regen, nur die enorm heißen Sonnenstrahlen, bis im Spätherbst sich alle Schleusen des Himmels öffnen und den Winter hindurch dem Boden das im Sommer entbehrte Naß reichlich spenden. Darum hat hier der Ackerbauer nicht so sehr unter den Launen der Witterung zu leiden und ist stets in der Lage, mittelst künstlicher Bewässerung seinen Feldern genügend Wasser zuzuleiten. Wenn wir bedenken, daß 1 Hektar gut bestellter Boden nach der Weizen- oder Gerstenernte, welche genügend die Regie-Auslagen des ganzen Jahres deckt, auch noch mit Brot versorgt, noch derselbe Boden 500—600 Kilogramm Baumwolle liefert, was einem Werte von beiläufig SOO—1000 Kronen entspricht, sehen wir, daß ein solches Erträgnis mehr als reichlich der Arbeit Mühe lohnt. Es müßte Mesopotamien das Eldorado aller Auswanderer werden und könnte hier eine Gründung von Kolonien von unberechenbarer Wohltat sein, umsomehr, da jetzt noch der Boden zu spottbilligem Preise zu erwerben wäre. Jedoch müßte vor Allem die Erlaubnis zur Ansiedlung von Sr. Majestät dem Sultan erwirkt, für die Sicherheit des Eigentums, besonders zur Erntezeit, gesorgt und Maßregeln gegen die Uebergriffe der Zehentpächter geschaffen werden. Es frägt sich nur, ob dies in dieser am der Grenze des türkischen Reiches gelegenen, menschenverlaffenen Gegend, wohin die Macht des Padischah, selbst jene des Paschah-Statthalters kaum reicht, leicht möglich wäre? Wohl dürfte dies bald anders werden. Ist ja die mesopotamische Bahn bereits traciert und dürfte auch der Bau bald in Angriff genommen werden; dem Bahnbau hat jedoch die türkische Regierung sich verpflichtet, den entsprechenden militärischen Schutz zu geben, welcher auch nach Fertigstellung und Inbetriebsetzung der Bahn aufrechterhalten werden muß. Mithin wäre es am klügsten, längs der Eisenbahn die Kolonien zu gründen, insbesondere da die Bahn ohnehin durch die fruchtbarsten Täler führt, und die Banken längs der Eisenbahn sich die Anraine, gesichert haben dürften, könnten von denselben die entsprechenden Grundstücke erworben werden, was wohl auch im Interesse der Bauunternehmung liegen dürfte, um in Kürze die Erzeugnisse der von Europäern rationell kultivierten Ländereien verfrachten zu können, das wäre wohl naturgemäß leicht, vorausgesetzt, daß nicht konfessionelle Vorurteile, welche die russischen Juden überallhin verfolgen, auch hier ihr böses Spiel treiben. Nach diesen meinen Darlegungen ergibt sich von selbst, daß in Mesopotamien die Kolonien nur längs der Bahnstrecke gegründet werden sollen. Zu meinem Leidwesen kenne ich nicht die genaue Trace der Eisenbahn, jedoch nach meinem Dafürhalten kann dieselbe, nachdem sie in erster Linie finanzielle Erfolge erzielen will, nur durch Distrikte führen, die nicht nur eine große Kultur-Vergangenheit haben, sondern durch ihre Kulturfähigkeit ein ersprießliches Resultat für die Zukunft gewährleisten. Bon diesem Standpunkte könnte die Eisenbahn, anschließend an die anatolische Linie, durch Nordsyrien nur über das bedeutendste Handels - Emporium Aleppo nach Biredfik geführt werden, hier den Euphrat übersetzend über Urfa und Diarbekir nach Mossul und Bagdad, oder von Biredfik in direkter Linie durch die Wüste über Mardin—Nifibin—Mossul nach Bagdad geführt werden; eine dritte, von den Engländern ihrer ostindischen Handelsinteressen wegen favorisierte Linie, ist jene längs des Euphrat über el-Deir—Anah bis Hitt von hier zum Tigris, nach Bagdad, jedoch ist diese Linie wegen der großen Bauhindernisse und der geringeren Ertragsfähigkeit der Distrikte, die am wenigsten rentable. Inwiefern diese verschiedenen Distrikte der Gründung von Kolonien entsprechen dürften, erlaube ich mir aus meinen Reiseaufzeichnungen in Folgendem klarzustellen. Am 12. April 1872 von Aleppo aufbrechend, erreichten wir nach achtstündigem Ritte unsere erste Nachtstation Achterie, ein von ackerbautreibenden Turkmanen bewohntes Dorf, dessen Häuser eine spitze Zuckerhutform haben. Von hier nach Begler-bey waren es wieder acht Stunden; die dritte Station ebenso weit entfernt, war Mezer, ein in einem reizenden Tale gelegenes Dörfchen, inmitten blühender Olivengärten. Von hier in einem Tagesritt gelangten wir an den Euphrat, nach Biredfik. Hier bei der Ueberfähre des Stromes ist sehr reges Leben, stets lagert eine Schar von Beduinen-Arabern unter Zelten, um ihre Tausende von Kameelen und Schafen an das jenseitige rechte Ufer des Euphrat, in die mesopotamische Hochebene übersetzen zu lassen. Die aus Kalkstein erbauten, kalkweißen Häuser in Biredfik, inmitten im Grün der ringsum sich ausbreitenden Gärten, gewähren einen pittoresken, fesselnden Anblick. Auf einem steilen Kalkfelsen steht die Zitadelle Bir, welche gleichsam als Leuchtturm der Wüste den heranziehenden Karawanen auch als Wegweiser dient. Jenseits des Euphrat am rechten Ufer breitet sich gegen Süden die fruchtbarste und ertragreichste Ebene Serug aus, wo zahlreiche Dörfer Reis und Baumwolle kultivieren. Von Biredfik nach Norden, eine Tagesreise, ist Urfa (Edeß), die schönste und reinlichste Stadt dieser Gegend mit 40.000 Einwohnern, darunter viele Juden, die, wie überall im Orient, ein eigenes abgesondertes Viertel bewohnen. Urfa gilt allgemein im Orient als das Paradies der Bibel, was nicht Wunder nimmt, wenn man dieses Garten-Paradies gesehen. Die Häuser inmitten von Gärten mit Platanen-, Cypreffen-, Granaten- und Olivenbäumen. Unterhalb der Stadt weitausgedehnte Maulbeer-, Melonen- und Weingärten mit den vorzüglichsten Melonen und aromatischen Weintrauben, welche nur von jenen des zwei Tagereisen entfernten Surwerek übertroffen werden. In der Stadtmitte ist die Moschee Abrahams, den die Mohammedaner auch als ihren Propheten verehren, und angrenzend der große Teich, in dem sich die heiligen Fische tummeln. All dies gibt Zeugnis von dem großen Abraham-Kultus dieser Stadt, der wohl auch uns einleuchtet, wenn wir hier die Burgfeste Bir ersteigen und auf deren Höhe südwärts blicken, wo eine Tempelruine die einstige Stadt Abrahams—Choran bezeichnet; unter dem Schuttberge rechts soll der Brunnen gewesen sein, wo Rachel dem Jakob den Labetrunk gereicht und ihn erobert hat. In Urfa verlaffen wir den direkten Karawanenweg nach Diarbekir, weil auf dieser Strecke nur mehr das Tal des Flüßchens Suwerek für uns Interesse hat, wo die beste Muskatelltraube in seltener Größe gedeiht, außerdem von den jüdischen Einwohnern auch Reis und Baumwolle gebaut wird. Wir schlagen nun den Karawanenweg gegen Mossul durch die Serug-Ebene in die sogenannte mesopotamische Wüste ein. Ein höchst gefährliches Unternehmen, jedoch unter militärischer Bedeckung, und jener der in Rasz-el-Ain angesiedelten Tscherkeffen, die in der Wüste den Gendarmeriedienst versehen und unter dem sicheren Geleite eines Schemmar-Beduinen-Scheikhs, der sich mir freiwillig für geleistete ärztliche Dienste als sicherstes Geleite angeboten hat, erreichen wir nach mehreren Tagen unter unzähligen Mühsalen die Stadt Mardin, welche, auf einem hohen Bergkegel anmutig gelegen, 15.000 Einwohner zählt, darunter

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