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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 174 Dr. Dlocb s MlocbenscvrM. Nr. 11 ein Landeßschuliuspcktor betraut weiden möge. In der Gemeinderatssitzung wurde ein Dringlichkeitsantrag eingebracht, dahin gehend, der Gemeinderat möge sich gleichfalls an den Landesschulrat wegen Suspendierung Breganowskis wenden. Dieser Antrag gelangte auch nach warmer Befürwortung desselben von seiten der Gemeinderäte Kanonikus Serwacki und Landtagsabgeordneten und Obmannes des hiesigen Bezirksausschnffes Ritter von Wisniewski zur einstimmigen Annahme. Die Generalversammlung des Hilfsvereines der deutsche» Juden wurde Sonntag mittag in Berlin in der Viktoria-Brauerei, Lützowstraße, abgehalten. Sie wies einen zahlreichen Besuch auf. Der Vorsitzende James Simon gab nach herzlicher Begrüßung der Gäste einen gedrängten Ueberblick über den Inhalt des Jahresberichtes, der demnächst den Vereinsmitgliedern zugehen soll. Aus seinem Inhalte sind folgende Momente erwähnenswert: Die Mitgliederzahl ist auf rund 9500 gestiegen. Die Organisation des Vereines erfuhr im Berichtsjahre einen weiteren Ausbau, und in einer großen Reihe von Städten wurden Lokalkomitees gegründet. So in Bremen, Lübeck, Magdeburg, Mainz, Nordhausen, Kassel usw. In Posen konstituierte sich ein Provinzkomitee, und ebenso wurde für den Regierungsbezirk Oppeln ein besonderes Komitee geschaffen. Von der verstorbenen Frau Baronin Julie v. Cohn- Oppenheim fiel dem Verein ein Legat von 300.000 Mark zu. Um die Propaganda hat sich besonders das Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses Siegmund B e r g e l verdient gemacht, der in zahlreichen deutschen Städten Vorträge hielt. Eine Haupttätigkeit des Vereines lag im letzten Jahre auf dem Wohltätigkeitsgebiete für die russischen Glaubensgenossen. Außer einem Fonds von 260.000 Mark, der ihm aus dem Vorjahre für dieses Hilfswerk zur Verfügung stand, sammelte er durch Aufrufe allein im November und Dezember 1905 noch weit über zwei Millionen Mark für Rußland. Daneben aber wurden auch in Galizien, Rumänien, Bulgarien, in der Türkei und in Palästina zugunsten l)er dortigen Juden teils Wohlfahrtseinrichtungen, teils Schulen geschaffen, die erhebliche Opfer erforderten. Viel Arbeit lastete auf dem neuerrichteten Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, das den Auswanderern briefliche Informationen erteilt und ihnen außerdem durch ein Korrespondenzblatt über alle für sie in Betracht kommenden Verhältnisfe Aufschluß gibt. Da nach ungefährer Schätzung im Berichtsjahre etwa 70.000 Juden aus dem Osten über Deutschland ausgewandert sind, so bot sich dem Bureau ein reiches Arbeitsfeld. Zum Schutze der Auswanderer wurden außerdem überall da, wo die Schiffahrtsgesellschaften sogenannte Kontroll- oder Registrier-Stationen errichtet haben, sowie in verschiedenen Grenzorten und Hafenstädten Komitees oder Vertrauensmänner ernannt mit der Aufgabe, auf Abstellung von Mißständen und Härten bei der Beförderung der jüdischen Auswanderer hiuzuwirken. Diese Einrichtung hat sich außerordentlich bewährt, selbst zum Vorteile der Schiffahrtsgesellschaften, denen dadurch die Abwicklung der Geschäfte erleichtert wird. Haben Auswanderer zwar das nötige Reisegeld, nicht aber auch die von gewiffcn Einwanderungsländern noch verlangte Barsumme für den einstweiligen Unterhalt, so übernimmt der Hilfsverein den Dampfergesellschaften gegenüber die Garantie in Höhe des Rückfahrtspreises, der für den Fall zu zahlen ist, daß dem Auswanderer die Landung auf fremder Erde nicht gestattet und sein Rücktransport somit notwendig würde. Der Vorsitzende schloß seine Darlegung mit der Bitte, das Bereinsintereffe auch weiterhin hochzuhalten, da es bei der politischen Konstellation in den östlichen Ländern noch viel Arbeit zum Wohle der bedrückten Glaubensgenossen gebe. . Hierauf erstattete Dr. Karl E l l st ä t t e r-Berlin den Kaffenbericht. Dieser bilanziert im Conto ordinario in Einnahme und Ausgabe mit 180.837 Mark und im Spezialfondkonto mit 1,517.682 Mark. Im Anschluß an beide Berichte hielt Dr. Nathan noch einen Vortrag über seine Erlebnisse und Beobachtungen auf einer Reise nach Rußland, die er im Aufträge des Hilfsvereines im Herbst v. I. unternahm, um sich an Ort und Stelle über die Lage der bedrückten Juden zu informieren. Er hat hierbei auch Gelegenheit gefunden, mit Witte zu sprechen und dabei versucht, diesen Staatsmann zu einer Aktion zugunsten einer Besserstellung der russischen Juden zu bewegen. Er hat hierbei von Witte zur Antwort erhalten, daß die Judenftage nur stückweise gelöst werden könne. Justizrat Cassel nahm zum Schluß der Versammlung noch das Wort, um die Greueltaten in Rußland zu geißeln und darauf hinzuweisen, daß die Drangsale der Glaubensgenossen auch jetzt noch fortdauerten, weshalb sie auch noch weiterhin tatkräftiger Unterstützung bedürfen. Witte über die Judenfrage. In einer Unterredung, welche der englische Schriftsteller Lionel Decle kürzlich mit dem russischen Ministerpräfidenten Witte hatte, sprach dieser sich über die allgemeine politische Lage des Reiches recht pessimistisch aus. Der Zar stehe vor einem schweren Dilemma; die Reformen ließen sich nicht länger aufschieben, andererseits würden sie, da es zu ihrer langsamen Durchführung zu spät sei, sicherlich auch schädliche Wirkungen ausüben. Ueber die Judenfrage äußerte sich dann Graf Witte wie folgt: „Die armen Juden Rußlands werden, wie ich glaube, wenig Glück mit der Reichsduma haben. Soweit ich den Gang der Agitation der meisten Parteien verfolgen konnte, ist die Stimmung antisemitisch. Der Grund dafür liegt teilweise im religiösen Antagonismus des russischen Volkes, andererseits ist der Judenhaß der russischen Gewerbe- und Handelsmänner besonders darauf zurückzuführen, daß der Jude mit geringen Mitteln mehr erreicht als der Russe. Sucht der Russe bei einem Gegenstand einen Rubel zu verdienen, so begnügt sich der Jude mit 20 Kopeken. Demzufolge macht der Jude einen größeren Umsatz, was den Neid der weniger verständigen Gewerbe- und Handelsleute nährt. Bei den jetzigen Verhältnissen kann ich selbständig keine neuen Freiheitsgesetze für die Juden schaffen. Trotzdem ich zugebe, daß den Juden viel Unrecht zugefügt worden ist, und ich es gerne sehen würde, wenn diesem fähigen und tätigen Volke größere Freiheiten geboten wären, kann ich nicht umhin, auch die Gefahren zu sehen, die daraus entstehen können. Der Judenhaß wird in der Gleichberechtigung der Juden dankbare Nahrung finden, was zu traurigen Exzessen führen kann. In der Reichsduma werden auch solche Mitglieder sein, die für die Juden Gleichberechtigung verlangen wollen und müssen, doch werden sie voraussichtlich in der Minorität bleiben. Ueberhaupt wird die Besetzung der Reichsduma viel zu wünschen übrig lassen. Die Majorität wird voraussichtlich in den Händen der Bauernvertretung sein, und das flößt mir wenig Hoffnung ein, zumal die Bauernfrage große Schwierigkeiten macht. Die Deputationen der verschiedenen Semstwos sagen mir: Man muß den Bauern Land geben, dann wird alles ruhig werden. Wo aber soll ich das Land hernehmen? AlleZ dieses läßt mich nicht optimistisch werden." Der „Petersburgskija Gazeta" zufolge hat Witte am 6. d. einer Judendeputation geraten, eine Audienz beim Zaren zu erbitten, da er überzeugt sei, daß die Juden nur gnädige Worte vom Herrscher hören würden, der es wisse, daß nicht alle Juden Revolutionäre seien. Seit 12 Jahren sei keine Judendeputation beim Zaren gewesen. Rabbiner Aronson erwiderte, der Talmud verbiete, in Sack und Asche vor dem Herrscher zu erscheinen, jetzt aber befänden sich die Juden in solcher Stimmung, daß sie nicht einmal wüßten, was sie mit den Zaren reden sollten. Witte antwortete, der Zar betrachte die Juden als seine Kinder, sorge für sie ebenso wie für andere Nationalitäten. Hinsichtlich der Judenhetzen sagte Witte, er selbst, Durnowo, die Generalgouverneure und die Gouverneure würden alles tun, um den Ausbruch von Judenhetzen zu verhindern. Die Juden müßten die kleinen Beamten, Pristaws und Jsprawniks, selbst überwachen und bei dem geringsten Verdacht, daß eine Judenhetze vorbereitet werde, ihm Nachricht geben. Wie wirksam das sein werde, zeige das Beispiel von

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