Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. JSlocb s MocvenscdrM. ©eite 171 Ein Rabbinerssohn — General. Wie dem „Prager Tagblatt" aus Stockholm berichtet wird, ist der Schiffskapitän Gundrin Wolf mit dem Titel eiues Generals zum Sektionschef im Marineministerium ernannt worden. Der neue General ist der Sohn des früheren Rabbiners von Stockholm, Dr. Ephraim Wolf, der ein berühmter Talmudist war und einer Prager Familie entstammte. Gestatten Sie mir die Berichtigung, daß Hendrik — nicht Gundrin — Wolf, den ich persönlich vor 23 Jahren kennen lernte, soweit ich mich erinnern kann, Jurist ist. Sein Vater, Dr. Moritz Wolff, war Rabbiner in Gothenberg von 1856 bis zu seiner Pensionierung, 1899, und starb daselbst, 19. März 1904, etwa 80 Jahre alt. Er stammte aus Meseritz, Posen, und war der Sohn des dortigen Rabbiners Leibusch Wolfs, der 1856 starb und fich der Abstammung von Samuel Edels (Mehorscho) rühmte, also von unverfälscht polnischem Blute. Prag wird auf diese Zelebrität verzichten müssen. Cincinnati, 19. Februar 1906. Ergebenst Gotthard Deutsch. Ein schwerer Unfall im Kampfe gegen Heinrich Heine. Der «Arbeiterwille" erzählt folgende lustige Sache: In der Grazer deutschnationalen und klerikalen Presse wird der Kampf gegen Heinrich Heine mit größtem Eifer gefiihrt. In der letzten Nummer des alldeutschen, von dem Professor und Gelegenheitsdichter Aurelius Pülzer geleiteten «Grazer Wochenblattes" ist nun in diesem Kampfe gegen Heine eine furchtbare Entgleisung passiert. Die Nummer 9 des „Grazer Wochenblattes" vom 4. des Lenzmondes (März) 1906 enthält nämlich folgende Briefkostennotiz: Dr. Ä. W. Sie schreiben voll gerechter Entrüstung: „Geehrte Schriftleitung! Um den jüdischen Heine-Kultus der «Tagespost" und des „Ärbeiterwillen" in das richtige Licht zu setzen, genügt Wohl der Abdruck des Gedichtes „Beichte". Wem da ob des echt jüdischen Cynismus und französelnder Frivolität nicht Ekel über den „deutschen" Rheinluft-Dichter und über seine Nachbeter aufsteigt, der hat deutsches Fühlen und Denken nie gekannt." Wir lassen Ihrem Briefe dieses Schandgedicht folgen. Es Das beste meiner Bücher, Das Hab' ich nie geschrieben; Die schönsten meiner Lieder Sind ungesungen geblieben. Die feurigsten meiner Küsse, Die Hab' nie geküßt. Die stolzesten meiner Gelüste, Die Hab' ich nie gebüßt. Sobald ich lieg' im Sterben, Ruft mir ein Pfäfflein her, Dem will ich reuig es beichten. Was mich drückt im Gewissen so schwer. Die Sünden, die ich begangen, Wird mir der Himmel verzeihn Doch die ich versäumt zu begehen, Die werden mich ewig gereu'n. Mit dem besten Danke für Ihre Teilnahme und Kampfgenossenschaft und mit alldeutschem Gruße. P. Wir fühlen uns im Interesse der deutschen Literatur verpflichtet, Herrn P. (Polzer) die Mitteilung zu machen, daß dieses Schandgedicht, das von „echt jüdischem Cynismus" und „französelnder Frivolität" strotzt, leider nicht von Heinrich Heine, sondern von dem hoffentlich noch als deutsch anerkannten — Robert Hamerling ist! Ein Blick in die Volksausgabe, Band 3, Seite 340, wird den literarkundigen allerdeutschesten Professor überzeugen. Hoffentlich beantragen nun die Deutschnationalen nicht die Demolierung des Hamerling-Denkmals! Eine Hetzbroschüre der Petersburger Polizei. London. Nach einer Meldung der „Times" aus Petersburg erregt die Veröffentlichung einer antisemitischen Broschüre in der Hauptstadt allgemeine Entrüstung. Diese Broschüre fordert das russische Volk auf, sämtliche Juden in Rußland zu ermorden, weil die Juden alles Unglück, welches Rußland erlitten hat, verursacht haben sollen. Bereits find viele solche Broschüren in Rußland veröffentlicht worden. In diesem Falle aber zeichnet die Petersburger Polizeidirektion als Verleger der Broschüre' Außerdem trägt die Broschüre den Stempel der Zensur. Sie greift den Ministerpräfidenten Witte heftig an, indem fie ihn als den Führer einer jüdischen Verschwörung bezeichnet, welche Rußland zugrunde richten will. Bekanntlich hat Witte eine Jüdin zur Gemahlin. Der „Verband des russischen Volkes", der die Broschüre systematisch verbreitet, organisiert eine „antisemitische Armee", um die Juden auszurotten. Die Teilnehmer dieser Armee erhalten Revolver und andere Waffen von dem Verbände. Korrespondenzen. Moritz Blatt, Erster Kantor der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Gestorben am 11. März 1906 im 60. Lebensjahre. Noch ganz unter dem niederschmetternden Eindrücke der Tatsache, daß wir vormittags ihn zu Grabe geleitet, sei es einem Freunde des Verewigten gestattet, sein Lebensbild in knappen Zügen zu zeichnen. Der Ruf dieses Mannes war so lauter, daß man immer seinen Charakter im Ganzen rühmte: seine wahre Mannes- und Menschenwürde, sein ganzer Edelsinn und seine hohe Auffassung von den Pflichten des Lebens seien im Nachfolgenden kurz skizziert. Leicht ist es ihm keineswegs vom Schicksal gemacht worden. Kaum über die Knabenjahre erwachsen, verlor er den Vater. Es war noch zur Zeit, da man keine hygienischen Bedenken gerade beim Religionsunterrichte mit Vorliebe ins Treffen führte, und der Knabe hatte von seiner elterlichen Wohnung in der damaligen Gemeinde Fünfhaus in die in der Seitenstettengaffe gelegene, unter Leitung des sel. Mannheimer stehende Religionsschule immer gehen müffen. Und als der Vater starb, da lag ihm, dem ältesten seiner Geschwister, die Pflicht ob, für das Haus zu sorgen. Solche Aufgabe macht in kurzer Zeit reif; in Monaten muß erreicht werden, wozu ein Glücklicherer Jahre braucht. Religiö'e Vorbildung hatte er; was lag näher, als daß er zu kantoralem Hilfsdienste herangezogen wurde. Auch die „Schechitah" mußte er lernen, und dem Schreiber dieser Zeilen hat er es oft erzählt, wie leicht ihm das Erlernen der Theorie geworden, wie schwer es aber seinem Gemüte gewesen, von der Theorie zur Praxis überzugehen. Diese Wander- und Lehrjahre, alle in Wien, später im Chore bei Altmeister Sulzer, führten ihn nach glänzend gelungenem Probevortrage auf den Posten, den er über ein Vierteljahrhundert jetzt inne gehabt, als Kantor in den Leopoldstädter Tempel. Es genügt wohl zu sagen, daß er es verstanden, neben dem unvergeßlichen Goldstein, dessen Größe stets neidlos anerkennend, in seiner Art seinen Platz ehrenvoll zu behaupten. Und er wuchs mit seinem Posten. Er war wohl der Einzige, der mit seiner Eigenart die ganze Tradition der Goldstein'schen Art und Weise in fich verkörperte. Diese unvergleichliche Art des Vortrages, fern von Künstelei und gerade deshalb voll Innigkeit, bei aller Deutlichkeit kurz und präzise! Die. Grenzen seiner Kunst im Tempel genau erkennend, hat er mit seinem schönen Bariton, seiner Klangfülle und besonders mit seinem würdevollen Vortrage auf dem Gebiete des Rezitierens, des einfachen, aber ausdrucksvollen „Sagens" Bestes geleistet. Und dabei sein ganzes Benehmen als Funktionär. Das war nicht die vielfach gemachte Weihe, die durch Pastoralen Gang nichtjüdische Muster nachzuahmen fich bestrebt, aber ebensowenig Künstlermanieren, die an anderen Orten, nicht aber im Tempel angebracht sein mögen. Das war die wahre Würde. Zwei Funktionen seien hier besonders hervorgehoben. Er war ein ausgezeichneter Vorleser der Thora, die er mit seltenem Verständnis vortrug. Und im Rezitieren des Totengebetes Hazur tomim, wo schlichte Wahrheit und wahre Innig-eit zum Ausdruck kommen sollen, war er Meister.