Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 170 Dr. Blocb’s MocvenscvrlN. Nr. 11 den besseren, leicht passierbaren Weg über die Ebene, durch das untere Orontestal gegen Tarabulus zur Meeresküste nehmen, so daß das ganze Hinterland: Nordsyrien, Kurdistan und Mesopotamien seine Waren an den Orontes vorbei zum Meere leiten würde und selbst die Eisenbahn, welche durch Nordsyrien und Mesopotamien nach Bagdad bis zum persischen Meerbusen teilweise schon im Bau begriffen ist, auch eine Zweiglinie durch das Orontesgebiet über Hamah und Homs nach Tarabulus wird führen müssen, weil dieser der natürliche, wenig kostspielige und rentabelste Schienenweg zur Meeresküste wäre. Wohl sind noch manche andere fruchtbare Landstrecken in Nordsyrien, welche, zur Gründung von Kolonien geeignet, der Beachtung wert sind, so das untere Talgebiet des Jfrim- (auch Afrim) Flusses. Der Jfrimfluß entspringt im Karadede-Gebirge im nördlichsten Syrien, nimmt seinen Lauf gegen Süden, nicht weit von den Städten Aintab und Kilis und ergießt sich nach einer Länge von 170 Kilometern in den bereits erwähnten Baluk- Göl (Fisch-See). Am untersten Laufe des Jfrim, unterhalb Messir und Bostanköi, besonders aber bei der Poststation Jfrim-chan, dort, wo der Karawanenweg von Alexandrette über Beilan nach Aleppo den Jfrimfluß übersetzt, ist das Auge entzückt von dem herrlich grünen, mit Blumen und Kräutern besäeten Tale, in welchem die baumähnlichen Oleandersträucher in der buntesten Farbenpracht prangen. Auch die nördlichere Talebene bei Zeitun (die Olive), dessen, wie der Name besagt, zahlreiche Olivengärten das beste Oel liefern und die noch weiter nach Norden gelegene große Talebene bei Kilis könnten allenfalls in Erwägung gezogen werden, wenn nicht die zahlreichen Ortschaften verraten würden, daß hier der größte Teil des Kulturlandes in Anspruch genommen ist. Trotzdem wäre auch hier noch, falls die Bahnlinie durch dieses Gebiet geführt wird, manches Stück Land für die Kolonisierung zu verwerten. (Schluß folgt.) Vom Asbrmarkt des Lebens. Zwei hervorragende Engländer über den Antisemitismus. Anläßlich der Feier des 250. Jahrestages, an welchem der große Cromwell dem jüdischen Gemeindehaupt Manasse Ben Israel die Rückkehr der Juden nach England gestattet hat, richtete der ftühere Premierminister Lord Balfour an den Vorsitzenden der feiernden Versammlung ein Schreiben, in welchem er bedauert, an der Feier nicht teilnehmen zu können, und dann fortfährt: Wenn der europäische Kontinent dem Beispiel gefolgt wäre, das England ihm seit 250 Jahren gegeben, dann würde seine Geschichte nicht durch so viele Verbrechen und Ungerechtigkeiten befleckt worden sein, die jetzt als eine dauernde Schmach für die christliche Zivilisation verzeichnet sind. Daß es in unserem Vaterlande keine Judenfrage gibt, daß man hierzulande von Rassen- und religiösen Vorurteilen, die in anderen Ländern eine so verhängnisvolle Rolle in der gesellschaftlichen Organisation spielen, nichts hört, das sei in nicht geringem Maße der Tatsache zuzuschreiben, daß die Juden sich ganz und gar würdig gezeigt haben der Rechte und Privilegien, die sie als Bürger dieses Landes genießen, und daß diese Rechte und Privilegien ihnen in vollem Maße gewährt worden sind. Lange mögen diese Zustände herrschen; lange mögen sie alle die guten Früchte tragen, die sie so reichlich in der Vergangenheit hervorgebracht haben. Der berühmte James B r y c e sagte in seinem Toaste auf die anglo-jüdische Gemeinde, die jüdische Geschichte datiere weiter zurück als jede andere und habe den Lauf der Dinge mehr beeinflußt als die Geschichte jeder anderen Nation, während die westlichen Nationen nur Gebilde von gestern seien. Die Geschichten der Literatur und der Religionen seien die mächtigsten Faktoren im Leben der Welt. Keine Literatur habe die große Masse der Menschheit so beeinflußt wie die hebräische, und die Engländer waren in der Tat Toren, wenn sie nicht Jntereffe nähmen an ihrer Erhaltung. Man empfinde in England Genugtuung darüber, daß die Juden in England sich voller Freiheit erfreuen. Die Juden haben. England mit vielen großen Männern versehen. Sie haben allerdings dem Lande keinen großen Philosophen, keinen großen Musiker, keinen großem Philologen geschenkt, aber sie haben dem Vaterlande in Disraeli 'einen großen Staatsmann, in Sylvester einen großen Mathematiker und eine Anzahl großer Rechtsgelehrter gegeben. Das englische Volk müßte das letzte sein, das nicht neue Ankömmlinge willkommen hieße. Das englische Volk sei bereits eine sehr gemischte Rasse, und es' gewinne durch jede neue Zufuhr frischen Blutes. Er hoffe, daß die gegenseitige Freundschaft und Achtung, die das Verhalten Englands zu der anglo-jüdischen Gemeinde charakterisiert habe, fortdauern und daß die beiden Völker stets zusammen arbeiten werden, wie sie es in der Vergangenheit getan haben. Jüdische Parlamentsmitglieder in England. Im gegenwärtigen englischen Unterhaus sitzen nicht weniger als sechzehn jüdische Abgeordnete; von zweiunddreißig glaubensgenössischen Kandidaten ist gerade die Hälfte siegreich gewesen, und zwar die Herren Charles S. Henry in Wellington, Rufus I s a a c s in Reading, Levy L e s s e r in Essex, Morris Levy in Leicestershire, S. M e nde! in Stocktown, A. Moritz Mond in Chester, Edwin S. Montague in Cambridgeshire, Horacio M y e r in Lambeth, Herbert H. Raphael in Derby, Herbert L. Samuel in Iorkshire, Stuart M. S a m u e l in Whitechapel, B. S. Strauß in Mile End, E. A. Strauß in Berks, Sir Philipp Magnus in London, H. H. M a r k s in Tannet, Sir Walter Rothschild in Buks und Sir Edward S a ss o o n in Hythe. Die erstgenannten zwölf gehören der liberalen, die übrigen vier der konservativen Partei an. Allgemeine Befriedigung erweckt die Ausmerzung zweier jüdischer Abgeordneter, welche als Schleppträger der konservativen Partei für die Fremdenbill, also für die Verbannung der unglücklichsten ihrer unglücklichen Glaubensgenossen, sich eingesetzt hatten, nämlich der Herren Samuel S. Samuel und Sinclair alias Schlesinger. Arischer Aberglaube. Ein Fall von scheußlichem Aberglauben ist in - Moschin bei Posen durch Verhaftung des Eigentümers Ogrodowski enthüllt worden. Ogrodowski hat nachts auf den Friedhöfen Leichen ausgegraben, ihnen die Köpfe abgeschnitten und sie auch. sonst verstümmelt. Die Leichenteile, von denen man eine Anzahl noch in seiner Wohnung fand, benutzte der in wahnwitziges Aberglauben befangene Mensch zu Beschwörungen im Stall, um Hexen und böse Geister zu vertreiben und das Vieh gesund zu erhalten. _ Die Pohrlitzer Judengemeinde. GeehrteRedaktion! Legenden sind eine hartnäckige Schlingpflanze. Mein kürzlicher Protest gegen die Hinaufdatierung der Pohrlitzer Judengemeinde in das vierte Jahrhundert verhinderte einen anderen Mitarbeiter Ihres geschätzten Blattes in Nr. 50, 1905, nicht, von einer „zweiten" Ansiedlung der Juden in Austerlitz im zwölften Jahrhundert zu sprechen. Die erste Ansiedlung dürfte wohl nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus oder am Ende gar nach der Einnahme Samarias durch Salmanassär erfolgt sein, so daß die Austerlitzer Judenschaft die langgesuchten Reste der zehn Stämme repräsentiert. Nicht zufrieden damit, spricht der Autor gar von einem Ghetto im zwölften Jahrhundert, obwol das erste Ghetto, das die Geschichte kennt, erst aus dem sechzehnten Jahrhundert stammt und die Trennung der Juden- und Christenhäuser in Mähren erst durch Dekret vom 27. Juni 1727 angeordnet wurde. Es wäre wahrlich höchste Zeit, daß eine gründliche Sammlung der Quellen zur Geschichte der mährischen Juden angelegt würde. Eine solche würde zweifelsohne beweisen, daß die Austerlitzer Gemeinde frühestens in der zweiten Hälfte des '15'. Jahrhunderts, nach der Vertreibung der Juden aus Brünn, 1454, gegründet wurde. Cincinnatti, 7. Jänner 1906. Ergebenst Gotthard Deutsch. GeehrteRedaktion! In Ihrem geschätzten Blatte Nr. 5, S. 72, findet.sich folgende Notiz: