Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sekte 168 Dr. JSlocb s Mtocvenscvrttr. Nr. 11 dringlich, daß die gesammelten Millionen den vollkommen ausgeplünderten Bewohnern im Lande selbst wenig Hilfe bringen und alle Hilfsaktion konzentriert werden müsse auf die einzig heilsame Lösung dieses schwierigen Problems, auf das wirklich wirksame Mittel: „Befreiung aus dem Sklavenjoche ihrer alten Heimat." Es muß hilfreiche Hand geboten werden zum Ergreifen des Wanderstabes in ein anderes, besseres Land, wo sie in Liebe und Frieden den Boden bearbeiten, ihr Handwerk üben unter der Obhut einer menschenfreundlicheren Regierung, eines menschenwürdigen Daseins, teilhaftig werden könnten. Aber wo ist das Land? Das ist die große Frage! Diese zu lösen haben Kommissionen und Expeditionen seit Jahren kostbare Zeit und schwere Mühsale nicht gescheut, ohne bisher auch nur annähernd zur Entwirrung der Frage gelangt zu sein. Und doch ist meiner bescheidenen Ansicht nach die Lösung dieser Frage gar nicht so schwierig, wie es den Anschein hat, man muß nur auf dem Boden der Möglichkeiten sich bewegen, vorderhand sich darauf beschränken, in einem den Juden freundlicher gesinnten Lande einzelne Kolonien zu gründen. Dies könnte in kurzer Zeit geschehen — denn rasche Hilfe tut not! Bevor ich meine Ansichten darlege, erlaube ich mir auf Grund der Tatsachen und bisher gemachten Erfahrungen alle jene Länder näher ins Auge zu fassen, wo eine Kolonisation geplant war, teilweise auch ins Leben gerufen wurde oder an deren Möglichkeit noch gearbeitet wird. Als mit dem Auftauchen des Antisemitismus, dessen fanatische Vertreter die ersten Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien inszeniert haben, die armen Verfolgten in Not und Elend aus ihrer alten Heimat ziehen mußten, da fanden viele derselben noch gastliche Aufnahme in den liberalen Staaten Englands, Amerikas, auch teilweise in Ungarn, — aber heute, nach der jetzigen Konstellation der politischen Verhältnisse, ist es klar und dürfte kaum von jemand bezweifelt werden, daß die Grenzen der europäischen Kulturstaaten für die russischen Juden versperrt bleiben; hat doch keine einzige Regierung — Amerika ausgenommen — angesichts der verübten Greuel ihrer Entrüstung Ausdruck gegeben. Ja, in neuester Zeit haben sogar das liberale England und das freiheitliche Amerika, allerjüngst auch Ungarn, um die Immigration der mittellosen, russischen Juden abzuwehren, auf Grundlage des Paupertätsgesetzes, das Domizilrecht der mittellosen Ausländer verboten und falls sie bereits eingewandert, können dieselben, wenn sie keinen Subsistenzmittelnachweis erbringen können, ausgewiesen, respektive zwangsweise abgeschoben werden. Außerhalb Europas, im Lande der ungeschmälerten bürgerlichen Freiheit, in Amerika, ebenso in Brasilien und Kanada, haben die mit der Kolonisation bisher gemachten Erfahrungen, der schwierigen Existenzverhältnisse wegen, die gehegten Erwartungen nicht gerechtfertigt, wie dies auch der jüngste, in dieser Zeitschrift unlängst erschienene Bericht eines russischen Auswanderers in Kanada in seiner schlichten Einfachheit umso eindrucksvoller beweist, daß dort kein günstiges Terrain für Kolonisationszwecke ist. Am Sinai ist es nicht gelungen; und in Ostafrika sind die Besitzverhältnisse, wie dies Uganda gezeigt hat, noch so verworren, daß an Gründungen von Kolonien oder gar eines autonomen jüdischen Reiches derzeit noch nicht zu denken ist. Sind doch die Kolonien der europäischen Mächte fortwährend in ihrer Existenz bedroht; selbst das mächtige Deutsche Reich kann nur mit bedeutender Machtentfaltung seine Kolonien dem Angriffe der wilden Horden der Ureinwohner gegenüber schützen. Ein selbständiges, autonomes, jüdisches Reich! Fürwahr, ein schöner, ein erhabener Gedanke! In den unwirtlichen Gegenden Afrikas, wo noch herrenlose Ländereien des Eroberers harren, wäre es in der Theorie wohl möglich, ein solches Reich ä la Lebaudy, dem Kaiser (?) der Sahara, zu gründen. Für den freien Bürger eines Kulturstaates, am warmen Kamin, im behaglichen Lehnstuhl, ist es prächtig zu träumen den schönen Traum eines freien, Reiches in Afrika. Doch wer die unwirtlichen Steppen, die öden Wüsteneien solcher herrenloser Gegenden kennt, mit ihren nomadisierenden, raublustigen Völkerschaften, die keinen Unterschied zwischen mein und dein machen, wird nicht an die Verwirklichung dieser schönen Idee edeldenkender Menschen glauben können. Viel besser, zweckmäßiger und der edlen Sache würdiger wäre es, das Mögliche, das Erreichbare anzustreben und dieses in der allernächsten Zeit mit allen zur Verfügung stehenden Kräften zu verwirklichen trachten. Das Mögliche jedoch, das einzige, in naher Zeit Erreichbare wäre meines Erachtens die Emigration der russischen Juden nach dem weiten Reiche der asiatischen Türkei zu leiten. Alle, im Interesse des Judentums wirkenden Allianzen und Gesellschaften müßten ihren mächtigen Einfluß aufbieten, um beim Sultan, einem gnädigen, den Juden wohl gesinnten Herrscher, die Erlaubnis zu erwirken zur Ansiedlung der russischen Juden in vereinzelten Kolonien in solche, derzeit verödete, wüste Gegenden, die noch der Urbarmachung harren. Diese Gegenden nachzuweisen und näher zu beschreiben, habe ich mir zur Aufgabe gestellt. Denn meiner Meinung nach, müßte Jeder, dem jüdischer Gemeinsinn noch nicht abhanden gekommen ist, zur Lösung der schwierigen Aufgabe, welche der von der Konferenz gebildeten Kommission gestellt wurde, so er in der günstigen Lage ist, das Seinige beitragen. Diese menschenfreundliche Ansicht gibt auch mir den Mut, ja macht es mir zur Pflicht, aus meinen reichen, im türkischen Orient gesammelten Erfahrungen, einige wertvolle Daten der Kommission zur Verfügung zu stellen, welche die Lösung der gestellten Aufgabe zu erleichtern, günstig zu beeinflussen imstande sein werden. In den Siebzieger-Jahren habe ich fünf Jahre lang als Militärarzt im Dienste der Armee Sr. Majestät des Sultans gestanden. Stets in den Ländern der asiatischen Türkei, habe ich dieselbe während meiner Dienstreisen der ganzen Länge und Quere nach durchwandert. Zuerst im V. Armeekorps mit dem Zentralsitze in Damaskus, habe ich ganz Syrien und Palästina, hernach im VI. Armeekorps in Bagdad und Hilleh (dem alten Babylon), ganz Irak-Arabien (Mesopotamien), bis Bassorah und Netschid und zuletzt im IV. Armeekorps in Erzerum, ganz Anatolien bereist. Wohl find es schon 30 Jahre her, daß ich jene Länderstrecken Asiens verlaffen, eine große Spanne Zeit, in der Epoche des Dampfes und der Elektrizität, welche in Kulturstaaten riesige Fortschritte auf jedem Gebiete im Gefolge hat, aber im Reiche der türkischen Herrschaft, wo überall in allem Tun und Lassen „jawasch, jawasch"! (nur langsam, langsam voran!) das Losungswort ist, wo den Dampf noch immer die Vehikel der biblischen Zeit, Kameel, Maultier und Esel, und die Schienenstränge die oft unwegsamen Karawanenstraßen vertreten und von Elektrizität noch kaum eine Spur vorhanden, im Reiche des Fatalismus, wo auch heute noch immer alles so geht, wie es Allah und dem Pascha gefällt, dürften noch immer dieselben Zustände herrschen, die Verödung nur zugenommen, einzelne Gegenden noch mehr verarmt und entvölkert sein, so auch jene Gegenden Nordsyriens, die fruchtbare Ebene des Ocontestales und des nördlichen Mesopotamien, das noch fruchtreichere obere Tigris- und Euphrattal, welche ich zur Gründung der Kolonien als besonders geeignet empfehle, denn sie weisen noch weite Länderstrecken auf, welche kultivierbar sind und dem umsichtigen, fleißigen Landmann reiches Erträgnis liefern würden. An der Grenze Nordsyriens, am langgestreckten Küstengebirge des Mittelmeeres, im gleichnamigen Golfe liegt die Hafenstadt Alexandrette (Jskenderun) in einer Sumpfebene, dessen Malaria-MiaSmen die Bevölkerung und den einst blühenden Handel dezimierten. Jedoch auf der Karawanenstraße gelangt man schon nach wenigen Stunden, den ziemlich steilen Bergpfad hinan, auf den hohen Gebirgspaß Beilan, dessen gleichnamiges niedliches, reizend gelegenes Städtchen mit seinen vielen Gärten, schmucken Häusern und seiner gesunden Luft den wohlhabenden Bewohnern der Hafenstadt zum Sommeraufenthalt