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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 167 einer Gesamtbevölkerung von 9,171.614 und einer Zuweisung von 205 Mandaten ein Mandat auf 44.700 Einwohner, bei den Polen mit einer Gesamtbevölkerung von 4,252.483 und Zuweisung von 64 Mandaten ein Mandat auf 66.445 Einwohner entfällt! 'Das wäre Gerechtigkeit. Es geht aber nicht an, meine Herren, bei der Zählung der Bevölkerung zum Zwecke der Erlangung politischer Mandate einem anderen den jüdischen Volksstamm zuzuzählen — bei der Zuweisung der Mandate selbst aber diese Bevölkerung völlig zu ignorieren, ihr die gebührenden Mandate zu versagen — und nicht nur das, sondern sie auch jederzeit zu beschimpfen, mit Spott und Hohn zu behandeln, zu verfolgen, einen politischen und wirtschaftlichen Vernichtungskrieg gegen sie zu führen, und weßhalb? Weilsie ihre Reihen füllen, ihre Reihen stärken und ihnen zu Mandaten verhelfen. Meine Herren! Meine Ausführungen haben keine Spitze gegen irgend ein Volk, ich habe wahre Tatsachen ungeschminkt geschildert und auf Grund offizieller Ziffern diese Ausführungen vorgebracht; im Gegenteile, ich wünsche, daß alle Pölkerschaften und Nationalitäten, deren ich Erwähnung getan habe, diese meine Ausführungen beherzigen und wohlwollend berücksichtigen mögen. Denn für uns Juden erhebt sich keine Stimme. Im ganzen österreichischen Parlamente, wo die Redner aller Parteien von Recht und Gerechtigkeit überfließen, in den Forderungen für ihr Volk Moral und Religion, göttliches und menschliches Recht anrufen, bei den Juden verstummen alle Zungen, kein Fürsprecher — da hört göttliches und menschliches Recht, Gerechtigkeit und Billigkeit auf. Eine gerechte Wahlvorlage soll, wie Seine Exzellenz der Herr Ministerpräsident betonte, eine Photographie aller der nationalen und sozialen Strömungen eines Landes sein; das ist nun diese Vorlage, insoweit es sich um die Juden handelt, nicht. Und sie ist es nicht, weil erwiesenermaßen die Juden nach der. Reformvorlage teils ganz übergangen sind, und bestenfalls in dem neu zu schaffenden Parlamente nur in ganz ungenügender Zahl vertreten sein können. Die Juden haben sich der Deutschen wegen mit vielen anderen Völkern verfeindet und waren, ja sind zum Teile noch heute treue Parteigänger dcr Deutschen, aber die Deutschen mögen die Juden fürderhin nicht mit Fußtritten traktieren! Behandeln Sie die Juden nicht so wegwerfend, beschimpfen und verhöhnen Sie nicht die Juden; warum führen denn die Deutschen einen wirtschaftlichen und politischen Kampf gegen die Juden? Auch ich habe keine andere Bildung als die deutsche, ich spreche keine andere Sprache wie die deutsche. Warum bin ich minderwertig? (Abgeordneter Dr. Lemisch: Nein!) Sie stoßen uns aber aus Ihrer Mitte! (Abgeordneter Dr. Lemisch: Sie sagen ja selbst, daß Sie ein Jude sind und kein Deutscher!) Nun, Sie und Ihre Gesinnungsgenossen mögen ja mich und meine Volksgenossen nicht als Deutschen! Und wenn beispielsweise Herr Dr. Ofner tausendmal sagt, er ist ein Deutscher, anerkennen Sie ihn als Deutschen? (Abgeordneter Dr. Lemisch: Nein!) Also das sagen Sie selbst, Sie geben also meine Behauptungen zu! Warum soll ich mich und warum sollen fich meine übrigen Volksgenossen zu Ihnen stopfen? (Heiterkeit.) Wir ziehen die Konsequenzen! Und trotzdem bleiben wir Freunde des deutschen Volkes, weil wir Anhänger der gigantischen deutschen Kultur sind. Wir wollen als Volk treue Freunde des deutschen Volkes und der anderen Völker sein, wenn und insoweit sie auch unsere Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit anerkennen! Ich glaube nicht, ein Optimist zu sein, aber ich darf, weil es notorische Tatsache ist, doch auf die Stärke, auf die Jntenfität der jüdischnationalen Bewegung Hinweisen, welche fich in der letzten Zeit kundgegeben hat, obschon diese Bewegung mit dem Uebelwollen, ja der Feindschaft und der Verfolgung der galizischen politischen und autonomen Behörden, wie auch des Polenklubs zu kämpfen hat. Den eklatantesten Beweis liefert Ihnen der Umstand, daß am 7. Jänner d. I. in der Bukowina und in Galizien mehr als 400 imposante jüdische Wahlrechtsversammlungen stattgefunden haben, von Tausenden und Abertausenden besucht, und diese haben die Wünsche und Forderungen der jüdischen Bevölkerung in an die Minister gerichteten Resolutionen, Petitionen, Memoranden, Telegrammen u. dgl. zum Ausdrucke gebracht. Auch der Judenschaft muß das gleiche Recht zu teil werden. Die Bewegung der Judenschast ist eine loyale und streng österreichische, die Judenschaft prunkt nicht mit ihrem Oesterreichertum, weil es Byzantinismus wäre, wenn man mit etwas Selbstverständlichem paradieren würde. Die Staatstreue der Juden ist geradezu sprichwörtlich. Es ist auch jeder Staatsbürger kraft seines Eides, kraft seiner Staatszugehörigkeit zur Treue und Rechtschaffenheit dem Landesherrn und dem Staate, in welchem er seine Existenz hat, verpflichtet. Wir Juden wissen auch, daß wir den gegenwärtig regierenden Kaiser unvergänglichen Dank schulden. In unseren jüdisch-nationalen Reihen stehen die große Mehrheit der jüdischen Intelligenz, der jüdischen akademischen Jugend, der Geschäfts- und Gewerbsleute und ein großer Teil der Arbeiter. Die Juden wollen fürderhin durch selbständige jüdische Abgeordnete vertreten seiy, damit diese die ihnen anvertrauten Interessen ihrer Volks- und Glaubensgenossen frei und unabhängig vertreten können und dadurch die Kraft gewinnen, für dieselben einzustehen. Die Juden wollen durch Männer vertreten werden, die sich offen und mannhaft als Juden bekennen und für ihre bedrängten Konnationalen mit männlichem Freimute vor aller Welt eintreten. Bei dem Mißbrauche der parlamentarischen Tribüne, bei den oft unwürdigen Exzessen, wie sie leider in Oesterreich Unsitte geworden sind, will die Judenschaft von Abgeordneten vertreten sein, die mit Mut und Unerschrockenheit austreten können. Das können aber jüdische Abgeordnete nur dann tun, wenn sie von jüdischen Wählermaffen entsendet find und völlige Unabhängigkeit besitzen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen zum Schluffe noch sage: Wir Juden wollen nichts anderes, als was alle übrigen Völker Oesterreichs zu fordern berechtigt find: Anerkennung unseres Volksstammes und eine parlamentarische Repräsentanz, die unserer Zahl entspricht. Das jüdische Volk in Oesterreich hält treu und unerschütterlich an sein Vaterland, es ist kaiser-, es ist staatstreu, ohne damit zu prunken. Oesterreich soll ein Hort sein für alle Völker, welche das Szepter der Habsburger eint, und in ausgleichender Gerechtigkeit alle Völker mit gleicher Liebe umschließen! Und darum bitte ich auch für mein Volk um diese ausgleichende Gerechtigkeit! (Beifall.) _ Zur Kolonilationsfrage der rnslUchen Inden. Von Dr. Leopold Loränt, Fünfkirchen, h. Komitatsphyfikus. Die aus der Brüffeler Konferenz anwesenden Vertreter der jüdischen Organisationen akzeptierten auf Vorschlag des Prof Dr. Otto Marburg eine Resolution: „Zur Bildung einer Kommission, welche die verschiedenen Länder, insbesondere den Orient, in Bezug auf Jmmigrations- und Kolonisationsmöglichkeiten für die russischen Juden studieren soll." Die schauerliche Leidensgeschichte unserer Glaubensbrüder in Rußland hat in der ganzen zivilisierten Welt die tiefste Entrüstung hervorgerufen, aber auch eine Aktion eingeleitet, welche, beispiellos in der Geschichte, alle warmsühlenden Menschen, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, mitzuarbeiten anregt zur Linderung von Not und Elend der schwer heimgesuchten Juden im weiten Reiche des Zaren. Das ergreifende, düstere Bild, welches Herr Profeffor Dr. Mandelstamm von den entsetzlichen, sozialen Zuständen der russischen Juden entwarf, und der tieftraurige Bericht des Herrn Motzkin aus Kiew beweisen ein-

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