Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Dr. Llocb's Mocdenscvrttr. "ML- Wie gelähmt. Er, der einen starken Fonds von Liebe für seine Religionsgemeinde besaß, der für jeden einzelnen seiner Stammesgenossen rege Sympathien hegte, er sollte eine Judenvertreibung verschuldet haben? Er besaß zwar starke Nerven, doch dieser Gedanke schmetterte ihn vollends nieder. Mit einem heftigen Schüttelfrost wurde er ins Bett gebracht, die Nacht über delirierte er, der herbeigerufene Arzt konstatierte ein starkes Nervenfieber. Sonntag kam Reb Josef und beriet mit der Großmutter, welche gefaßter war, folgendes: Erstens darf kein von einem Weibe geborenes Geschöpf erfahren, daß dieser Kescher (Bündel), so nannte man das Paket, im Hause ist. Ferner muß man in den Keller gehen, einem Faßgeschirr dem Boden entnehmen, das Paket an die Innenseite dieses Fasses befestigen und eine Blechkapsel darüber schlagen, damit, falls jemand mit dem Fassel rütteln sollte, kein Geräusch hörbar wird, sodann muß das Faß zugeschlagen werden und alle gebrachten Fässer mit dem Dürrobste drum und darüber gestellt werden. Noch im Laufe dieses Sonntags wurde dieser Ratschlag auch ausgeführt. Der Großvater konnte sich dabei nicht beteiligen, er war krank, sehr krank. Die Großmutter verkaufte allmählich vom klösterlichen Getreide das Mehl, das dafür erlöste Geld wurde in Bankscheine umgewechselt und in einem Sidur aufbewahrt. Auch Reb Schloimeh sandte jede Woche das Geld für das ausgeschrotete Vieh und für das verkaufte Getränke. Als Vermittlungshonorar sandte er von jedem dieser Stücke, welche er schlachten ließ, den Großeltern durch den Schächter die Zunge, das Herz und den Magen. Allmählich, aber nur sehr langsam, besserte sich der Zustand des Großvaters. Die Großmutter, welche stets an seinem Krankenbette wachte, tröstete ihn mit den Worten: „Wenn bis nun sich niemand von der Geistlichkeit um die Sache kümmerte, wird sich auch weiter niemand kümmern, wenn bis jetzt nichts geschah, wird auch weiter nichts geschehen und der Hüter Israels schläft und schlummert nicht." — „Ja, mein herziges Weib," sagte der Großvater, „hin6h lo junnm welo jischon schomer jisrael,“ das ist die beste Medizin gegen meine Krankheit, aber so lange der Kescher in meinem Hause ist, kann mir nicht geholfen werden." Es vergingen Monate, der Großvater begann schon dann und wann aus dem Hause und auch übers Feld zu gehen, jedoch nur in die von ihm beschäftigten Mühlen. Da ging er aber nur den gewöhnlich von wandernden Müllerburschen„ gewählten Weg, den Wasserufern entlang. Er tat dies aus dem Grunde, um nicht einem von den ihm bekannten Geistlichen zu begegnen, denn er fürchtete, ihnen gegenüber das Geheimnis nicht bewahren zu können. Sein Gang war ein solch unsicherer geworden, daß er während zwei Jahren viermal in Gefahr schwebte, zu ertrinken. Ich will mich da auf die Schilderung obwohl interessanter Einzelheiten nicht einlassen. Es war im Monate Elul; als Reb Schloimeh wieder Geld für verkauften Slibowitz brachte, machte der Großvater die Wahrnehmung, daß der Sidur so viel Geld nicht mehr fassen konnte. In diesem Momente kamen mit Gebetbüchern hausierende Juden und boten eine neue Auflage zweiteiliger, in Folio gebundener Gebetbücher zum Kaufe an. Als er die Bücher erworben hatte, überkam ihm seit zwei Jahren das erstemal ein freudiges Gefühl. Eines dieser Bücher befindet sich noch in meinem Besitze, es trägt die Jahreszahl 1782 und den Namen „des Pater Thirsch, Censors und Translators in bebraieis." Der nächstfolgende Sonntag war der erste Slichostag (Bittag), der Großvater verweilte länger in der Synagoge; als er nach Hause kam, wartete bereits der Briefträger mit einem Schreiben, welches vom herbeigerufenen Vetter Reb Jossef vorgelesen wurde und welches folgenden Inhalt hatte: „Lieber Markus! Ich grüße Dich im Namen des Gottes Israel, sei so gut und bringe mir das Dir übergebene Päckchen und alles erlöste Geld in die Abtei zum heiligen B. nach Olmütz. N N., Prior." Sofort wurden alle Vorbereitungen zur Abreise getroffen, das Päckchen dem Fasse entnommen, sorgfältig eingepackt, das erlöste Geld, welches nachgezählt und geordnet wurde, band sich der Großvater um seinen Leib, die Großmutter gab Speisen zur Seite 157 Wegzehrung mit, denn in Wischau durste damals kein Jude wohnen, dorthin ging der Großvater in Begleitung des Vetter Josefs zu Fuß: von dort fuhr der Großvater allein per Post und Stellwagen über Proßnitz nach Olmütz. Am Abende des zweiten Slichostages langte er vor der ehemaligen mährischen Hauptstadt an, und da kein Jude in Olmütz übernachten durfte, übernachtete er in einem Vororte vor Olmütz, die Bleiche genannt, bei einem Glaubensgenossen. (Schlug folgt.) Synagogengrsangr. Herr Redakteur! In Ihrer Nr. 8 bespricht der Budapester Obcrkantor Lazarus in sachkundiger und rühmender Weise die Neuausgabe des Sulzerschen „S ch i r - Z i j o n" — ein wahrhaft monumentales Werk, das für die Forterhaltung der traditionellen Gesänge in der Synagoge von besonderer Bedeutung ist. Bekanntlich haben die Sulzerschen Melodien in den Jahren 1830—1860 die Runde durch die jüdischen Bethäuser aller Weltteile gemacht und die Grundlage einer rationellen und ästhetischen Neugestaltung des jüdischen Gottesdienstes abgegeben. Nur haben leider in den nachfolgenden Jahrzehnten andere, zumeist minderwertige Gesänge den Erfolg streitig gemacht; die künstlerische Eitelkeit verschiedener Borbeter brachte es zuwege, daß zuerst Variationen und Verballhornungen der Sulzerschen Partituren, — später allerlei neue Kompositionen zur Geltung kamen. Während man um die Mitte des vorigen Jahrhunderts allerwärts, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Odessa und Moskau, in New-2)ork und San Francisco, in Kapstadt und Paris, die Sulzerschen Gesänge hörte und in dieser Uebereinstimmung ein wirksames Einigungsmittel fand — hat seither eine wüste Vielheit von Opern- und Operetten-Arien sich in die Bethäuser eingedrängt und die wohltuende, rituell wie politisch bedeutsame Einheitlichkeit gestört. Die überwiegende Mehrzahl der neueingeführten Gesänge ist musikalisch wertlos, nicht selten sogar schlecht, einzig und allein durch die Eigenliebe der sich als Tondichter ausspielenden Vorbeter dem Publikum ausgedrängt. Es ist eigentümlich, daß die Vorsteherschast der meisten Kultusgemeinden trotz ihrer sonstigen autokratischen Neigungen sich fast nirgends um die liturgische Musik kümmerte und dem geschmack- und stillosen Unfug uneingeschränkt freien Lauf ließ. Am merkwürdigsten erscheint es, daß auch in Wien, wo die Erinnerung an Sulzers grundlegende Leistungen noch nicht geschwunden ist, das musikalische Unkraut wenig behindert wurde. Auch hier machten sich zuerst Verschlechterungen unter dem Titel von Variationen und Fortbildungen breit, bis man fich in vielen B^thäusern zu neuen, ganz willkürlichen Gestaltungen „aufgeschwungen" hat — ein Aufschwung, welcher richtiger als Niedergang zu bezeichnen ist. Als Deckmantel machte man das „Chasonus" geltend; an Stelle des unvergleichlichen Rezitativs Sulzers wurde musikalischer Nonsens, geschmackloser, harmoniewidriger, oft dem Texte schreiend widersprechender Singsang gesetzt. Seitens des Wiener Kultusvorstandes geschah so viel als nichts, um dem Unfug zu steuern. Den schüchternen Versuchen, welche das Festhalten an den Sulzerschen Traditionen anempsehlen, ward die Frage entgegengesetzt, ob denn dem musikalischen Fortschritt und der künstlerischen Eigenart der sangeskundigen Vorbeter entgegengetreten oder nicht vielmehr den letzteren freie Entwicklung gestattet werden solle? Hiebei werden jedoch zwei wichtige Momente außer acht gelassen: daß es sich um einen durch Tradition und künstlerische Weihe sanktionierten Kanon handle, der unberührt zu bleiben habe, und dann auch, daß der Vorbeter zu einem Amte, nicht zu einer freien Kunstübung berufen sei, welche in den Konzertsaal, nicht aber ins Bethaus gehört. Da nunmehr eine neue, den geänderten Bedingungen der Bethausmufik entsprechende Ausgabe vorliegt, so ist für den Kultusvorstand die Möglichkeit gegeben, die strikte Einhaltung der Sulzerschen Gesänge kategorisch vorzuschreiben. Es sollte dies sowohl betreffs der Tondichtung als solche, wie betreffs des Vor-