Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr 10 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 153 Verein bereits 70 Jahre bestehe und während dieser Zeit berühmte Kanzelredner wie Dr. Zunz, Dr. Sax und Regierungsrat Prof. Dr. Kaempf Vorgänger des Herrn Dr. Schwarz gewesen sind. Nachdem der Redner noch auf die hohen und schweren Aufgaben hingewiesen, die das Amt eines Predigers der Gemeinde mit sich bringt, schloß er mit dem Wunsche, die Tätigkeit des neuen Predigers möge für die Gemeinde segenbringend sein. Dr. Schwarz dankte in kurzer Rede für die Begrüßung und gelobte, er werde sich, soweit es in seinen Kräften steht, bemühen, der ihm gestellten Aufgabe zu entsprechen. Rabbiner Dr. Schwarz hielt hierauf im Gotteshause, das in allen Räumen gefüllt war, die Antrittspredigt, in welcher er mit schwungvollen und glänzenden Worten sein Programm entwickelte. Er erklärte, daß er sein ganzes Leben dem Wohle der Gemeinde widmen, daß er die Grundsätze des Glaubens stets Hochhalten und daß er insbesondere dahin wirken werde, die Jugend für die Ideale des Glaubens zu erhalten und für die Wohltätigkeit einzutreten. Die Rede machte einen äußerst günstigen Eindruck auf die zahlreiche Zuhörerschaft. Das Märchen vom Ritnalmord. Aus Drohobycz wird uns gemeldet: Der Lehrer der polnischen Sprache im hiesigen Realgymnasium, Biegenowski, bezeichnete es während der Unterrichtsstunde in der fünften Klasse als eine „historisch feststehende Tatsache", daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut verwenden, und führte für diese Behauptung den Prozeß Hilsner ins Treffen. Wenn der Beweis hiefür nur in verhältnismäßig wenig Fällen erbracht worden sei, so sei dies lediglich darauf zurückzuführen, daß die Juden bei Entdeckung derartiger Geschehnisse die Richter zu beeinflussen wissen. Der Gymnasialdirektor Staromiejski, dem der Religionslehrer Rabbiner Dr. Margulies und eine jüdische Deputation diesen, die gesamte Bevölkerung erregenden Vorfall zur Kenntnis brachten, versprach, gegen Bieganowski eine strenge Untersuchung einzuleiten und das Ergebnis dem Landesschulrate in Lemberg zu unterbreiten. Auf Veranlassung des Direktors findet sich Biegenowski bis auf weiteres zu den Unterrichtsstunden nicht mehr ein. Aus diesem Anlasse fand hier eine Versammlung der Eltern jüdischer Schüler statt, zu welcher der Gymnasialdirektor, der durch diesen Vorfall aufs peinlichste berührt ist, sein Erscheinen zugesagt hat. Juden an der Hoftafel des Kaisers Wilhelm. Berlin. Die jüngsten Adelsverleihungen haben hier großes Aufsehen gemacht. Der Herausgeber des „Roland von Berlin" schreibt darüber folgendes: Im Obersthofmeisteramte des königlichen Schloss s ging es vor einigen Tagen ziemlich lebhaft zu. Erst um ^4 Uhr nachmittags hatie Majestät ein kleines Herrendiner zu befehlen geruht, das bereits um '^8 Uhr abends stattfinden sollte, und so wurden eilends Hofkuriere in die Stadt entsendet, um die Spuren der Eingeladenen zu ermitteln. Auch das Telephon trat in Aktion und als der Zeiger auf die für die Tafel festgesetzte Stunde wies, rückten die Wagen der Befohlenen ins Schloß. Es waren im ganzen zwölf Personen, der Kaiser, acht Herren aus seinem militärischen Hofstaate und drei Zivilisten: Herr James Simon, ein bekannter, jüdischer Mäcen, Dr. Paul S ch w a b a ch, ein Schwiegersohn Bleichröders, und Herr Isidor Löwe, Chef der Firma Ludwig Löwe und Komp. Ueber den Zweck der Veranstaltung haben die Gäste naturgemäß die strengste Diskretion bewahrt. Wir sind also auf Mutmaßungen angewiesen, und da ist es nicht unwahrlich, daß es sich um irgend einen kulturellen Zweck gehandelt hat, der in gewissen Beziehungen zu den Statuten des Wilhelm- Ordens steht. Die nationalliberale „Braunschweigische Landeszeitung" beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Vorkommnis und verzeichnet das Gerücht, daß es sich um die Erschließung des Offizierskorps für Juden gehandelt habe. Berlin. Unter sehr zahlreicher Beteiligung von Damen und Herren fand unlängst im Architektenhause die Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Vorsitzende Dr. Theodor Barth bemerkte: Leider sei der Verein, der sich die Aufgabe gestellt habe, die Gleichberechtigung der Konfessionen herbeizusühren, noch nicht überflüssig geworden. Der Antisemitismus habe sich aber in eine chronische Krankheit verwandelt und eine solche sei oftmals viel gefährlicher als eine akute. Auf dem Papier sei ja die Gleichberechtigung der Konfessionen in Preußen und im Deutschen Reiche durchgeführt. In der Praxis werden aber die Juden sowohl in der Justiz wie auch in der allgemeinen Verwaltung zurückgesetzt und in der Armee sei diese Zurücksetzung eine planmäßige. Es sei dies eine direkte Verletzung des verfassungsmäßigen Grundsatzes der Gleichberechtigung der Konfessionen und in keiner Weise entschuldbar. Der Vorstand glaube, die Zustimmung aller Mitglieder zu haben, wenn er an dem Grundsätze festhalte, die Gleichberechtigung der Konfessionen müsse vollständig in allen Punkten durchgeführt werden. Die Art des Kampfes erfordere ein ganz radikales Vorgehen. Die Hauptwaffe sei die Aufklärung. Dafür sorge in erster Reihe das Organ des Vereines, die in Berlin erscheinenden „Mitteilungen", ferner eine ziemlich umfangreiche Literatur, der „Antisemitenspiegel" und endlich rednerische Agitationen. Der Verein nehme naturgemäß auch an den politischen Kämpfen teil. Der Verein habe aber einen erweiterten Vorstand, der aus achtzig Personen, zur Hälfte aus Christen und Juden, bestehe. Vor dieser Versammlung habe der erweiterte Vorstand mit dem engeren eine zweistündige Beratung gehabt. Auf Antrag des Schatzmeisters, Kaufmann Salinger-Berlin, wurde sogleich dem Vorstand Entlastung erteilt. Geheimer Justizrat Dr. Franz v. L i s z t-Berlin behandelte danach in längerem Vortrage das Thema: „Die Kriminalität der Juden in Deutschland". Die Statistik der Kriminalität müsse selbstverständlich mit der Bevölkerungsstatistik Hand in Hand gehen. Es gehe nun aus der Statistik hervor, daß unter Zugrundelegung der Bevölkerungsziffer dreimal so viel Juden im Deutschen Reiche wegen Zweikampfes bestraft worden seien, als Christen. (Hört, hört! Heiterkeit.) Dieser eigentümliche Umstand erkläre sich aus dem Umstande, daß es unter den Juden verhältnismäßig bedeutend mehr akademisch Gebildete gebe als unter den Christen und daß sowohl die Offiziere als auch die Reserveoffiziere, zu denen ja die Juden bekanntlich nicht gehören, den Militärgerichten unterstehen. Im allgemeinen neige sich die Statistik zugunsten der Juden und zu Ungunsten der Katholiken. Am meisten sind die Juden an Vergehen gegen die Gewerbeordnung, Sonntagsentheiligung, Wucher, betrügerischem Bankerott, Konkursvergehen usw. beteiligt. Geringer sei ihre Beteiligung an Sittlichkeitsvergehen und -verbrechen, Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, Körperverletzung, Majestätsbeleidigung usw. Gar nicht in Betracht kommen die Juden bei Hoch- und Landesverrat, gemeingefährlichen Verbrechen wie Mord, Menschenraub usw. Jedenfalls weise die Statistik auf, daß es eine eigentliche jüdische oder christliche Kriminalität nicht, sondern nur eine Berufskriminalität gebe. Es lasse sich genau Nachweisen, daß die große Mehrzahl der Kriminalfälle mit dem Beruf Zusammenhänge. Da die Juden fast ausschließlich Städtebewohner seien, so zählen auch ihre Verbrechen und Vergehen in der Hauptsache zu den Berufen der Städtebewohner. Dies sei den antisemitischen Anrempeleien entgegenzuhalten. (Lebhafter Beifall.) Bankprokurist I a f f s-Berlin dankte namens der Mitglieder dem Vortragenden für seinen Vortrag. Dieser und andere Redner brachten noch allerlei Wünsche bezüglich des Vorgehens des Vereines vor. Darauf erwiderte Dr. Barth: Der Kampf gegen den Antisemitismus sei nicht eine jüdische, sondern eine staatsbürgerliche Pflicht. Die Verdienste ähnlicher Vereine seien nicht zu verkennen, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus dürfe aber niemals seine Selbständigkeit verlieren. Er sei nur deshalb in der Lage, so scharf vorzugehen, weil er aus Christen und Juden bestehe. (Lebhafter Beifall.) Der Vorsitzende des Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen