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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-09 · 10 (9.3.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 150 Dr. Dlocb's MocbensebrlN. Nr. 10 wurde des Judentums Renaissance inauguriert und zur prächtigen Blüte entfaltet. L. A. Frankl führt uns nun nach Oesterreich. Hier herrschte seit dem 18. August 1855 das Konkordat, lieber dieses sagt ein Berichterstatter im Oktober 1855: „Die Kirche ist darin in einer Weise emanzipiert, daß sie furchtbar werden kann; furchtbar für den Staat, noch furchtbarer für uns Juden. Man kann nur der Hoffnung Raum geben, daß die Zeiten des Mittelalters denn doch schon vorüber sind und daß der katholische Klerus klug genug sein wird, um nicht die ihm massenhaft eingeräumten Rechte zu mißbrauchen". l *) Aber auch unter der Herrschaft des Konkordats konnte nicht geleugnet werden, daß sich unsere jüdischen Brüder auf allen Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, der Industrie, des bürgerlichen und militärischen Wesens hervortaten.u) Das Konkordat ging, aber 50 Jahre nach ihm werden wir an „die Zeiten des Mtttelalters" hie und da durch die Lueger-Liechtenstein- Schneiderpartei oder durch einen mittelalterlichen „Ritualmordprozeß" erinnert, damit wir erkennen, es sei auch für uns gesorgt, daß unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen. — In Preußen wurden 1856 jüdische Studierende der Medizin von der Preisbewerbung gesetzlich ausgeschloffen, die preußischen Referendare und Juristen verschließen im Jahre 1906 (auch ein Jubiläum) ihren jüdischen Kollegen ihre Kreise, wie uns die deutschen Reichsratsverhandlungen vor einiger Zeit so sehr Erbauliches darüber berichteten. Und doch nehmen wir schon 1856 das Erfteuliche wahr, daß sowohl in Preußen als auch in Kurhessen, in Hannover ebenso wie in dem an Reaktion das Höchste leistenden Mecklenburg und in dem katholischen Bayern die Volksvertretungen, die zweiten Kammern, die städtischen Obrigkeiten, die Ständekammern, den „Wiederbelebungsversuchen des Mittelalters" mit Kraft entgegentreten, ja sogar Juden in jene genannten Vertretungskörper als Gewählte des Volkes einziehen.3) In Bayern allerdings waren Zustände, die lebhaft an den Vormärz in Oesterreich erinnern; noch immer war das Edikt Maximilian Josephs vom 10. Juni 1813 in Kraft, das die Juden scheinbar gleichstellte, aber grundsätzlich bestimmte, daß die Zahl der Juden nicht vermehrt sondern vermindert werden sollte, ein Gesetz, das mit Recht als ein p h a r a o n i s ch e s bezeichnet wird, indem „erst auf dem Grabe eines Israeliten ein Anderer den Hochzeitsreigen aufführen darf". Unsere Väter und Großväter werden, wenn sie diese Jubiläumserinnerung lesen, wehmütig lächeln und sich wohl an unsere „Magrantcn" (Emigranten) und die „Dachbodenchaffenes" (man verzeihe das Wort), sowie an die „Familianten" (seligen und unseligen Angedenkens!) erinnern. Den Kampf, soweit er die Gleichberechtigung der Juden betrifft, den Kampf zwischen der ersten und zweiten Kammer in den deutschen Landen finden wir auch in England im Jahre 1856 von neuem entbrennen. Zwar gab cs schon damals einen j ü d i s ch e n Lordmayor, Salomons, aber gerade vor 50 Jahren war die im bouse ok eomous siegreiche Judenemanzipations-Bill gescheitert an dem granitenen Block der „Hartköpfe" im Hause der Lords. Es klingt heute wie ein Märchen, wenn man hört, daß in dem fteien England, in dem heute Juden überall in den obersten Vertretungskörpern sitzen, noch vor 50 Jahren ein solcher Kampf toben konnte, der freilich für sie schon 1859 siegreich entschieden wurde. In den katholischen Ländern Frankreich und Belgien herrschte volle Gleichberechtigung der Juden schon im Jahre 1856. Frankreich hat inzwischen auch sein Stück Mittelalter wieder auflebcn lassen; das Land Ludwigs des Heiligen hatte seinen Dreyfus — aber auch seinen Zola. Es sterben eben die Ludwigs, aber auch die Voltaires nicht aus. Im Jahre 1856 hatte eine Konferenz der französischen Grand-Rabbins zu Paris stattgesunden. Sie . sprach die Anempfehlung der Konfirmation aus, die hier „iuiti- ') „Der israel. Volkslehrer, 1855, S. 407. '0 Ebds. 1857, S. 4. 3) r. c. S. 4, 5. ation de la majoritd rdligieuse“ genannt wird. Auch andere „Schmerzen" des Judentums glaubte sie heilen zu müssen, z. B. Abschaffung der Piutim und Anschaffung von Orgeln. Und alles dies hat nichts genützt gegen die Krankheit unserer Zeit, die auch ohne Piutim und mit der Orgel und der Konfirmation ihren Einzug in dem „allerchristlichsten Reiche" hielt. Die „Grand-Rabbins" sind nach der Neugestaltung der Dinge in Frankreich, wo man gerichtliche Inventuren in katholischen Kirchen aufnimmt, wohl auch für immer von der Bildfläche verschwunden. Also auch hier ein interessanter Vergleichungspunkt zwischen 1856 und 1906. Und nun nach Amerika, diesem Lande der Zukunft, nein, der Gegenwart! „Amerika, du hast es besser!" so rufen wir aus, wenn wir Rückblicke auf das Jahr 5616 (1856) in jüdisch-amerikanischen Wochenschriften lesen?) Die „Knownothings", die Jingoisten oder Stockamerikaner welche die Verfolgung aller Fremden, also, wie sie behaupteten, auch der Juden beabsichtigten, waren siegreich zurückgeschlagen worden, „denn," und jetzt führen wir die Worte Dr. Wises selbst an, „wo Freiheit und Gleichheit die oberste Herrschaft führen, da ist eine weitere Besserstellung einer Klasse von Bürgern unmöglich." — Führen wir noch an, daß im Jahre 1856 elf neue jüdische Gemeinden in Amerika entstanden, neue Schulen eröffnet und viele Wohltätigkeitsanstalten, Klubs und Verbindungen gegründet wurden, so verstehen wir das Wort des rückschauenden Beobachters, der schon im Jahre 1856 von dem Judentume in Amerika sägen konnte: „Es ist Leben und Fortschritt unter uns." Und, da wir schon in der Jubiläumsstimmung sind, wollen wir noch einmal hier Heines Worte zitieren, die er auf das freie Amerika gesungen in dem Gedichte, das „Präludium" betitelt ist: Dieses ist Amerika! Dieses ist die neue Welt! Nicht die heutige, die schon Europäisieret abwelkt. — Ist kein Kirchhof der Romantik, Ist kein alter Scherbenberg Von verschimmelten Symbolen Und versteinerten Perücken. So sagt uns der Dichter sehr deutlich, wie wenig sich eigentlich die Verhältnisse änderten zwischen 1856 und 1906. Dr. Max Grünfeld. Korrespondenzen. Einweihung der Zeremonienhalle in Baden. Sonntag, 4. März 1901 (7. Adar) dem Sterbetage Moses, fand unter lebhafter Beteiligung der Mitglieder der Kultusgemeinde Baden die feierliche Schlußsteinlegung in der nenerbauten Zeremonienhalle des dortigen Gemeindefriedhofes statt. Um 4 Uhr nachmittags versammelten sich die Gemeindemitglieder am Friedhofe, woselbst durch den Oberkantor Seifert die Gebete für die im Vorjahre Verstorbenen verrichtet und das EI woleb rachamim rezitiert wurde. Nunmehr begaben sich die Versammelten in den neuen Zeremoniensaal zur Vornahme der Schlußsteinlegung. Hier hielt zuerst Baurat Stiaßny folgende Ansprache an die Versammlung: „Gleich einem vorsorglichen Hausvater hat der geehrte Vorstand dieser würdigen Gemeinde im vorigen Jahre sein Haus bestellt. Es ist der nimmerrastenden Tätigkeit des allseitig hochverehrten Präsidenten Herrn Moriz Lettner, eines Musters und Vorbildes eines echt jüdischen Gemeindevorstehers; es ist ferner der Mitwirkung des von allen hochgeachteten Seelsorger dieser Gemeinde, des ehrwürdigen Rabbiners Wilhelm Reich; es ist endlich de? tatkräftigen Unterstützung des gesamten Vorstandes der Gemeinde und der Chewra- Kadischa, insbesondere der Herren .Schneider, Rausnitz und Oedenburger zu verdanken, daß im abgelaufenen Jahre das Gotteshaus, verjüngt und verschönt, zur Freude der Andächtigen wiederhergestellt worden und daß dieses Haus, in welchem wir uns eben befinden, die vorletzte Ruhestelle der dahingeschiedenen Glaubensbrüder und Schwestern, neu erstanden ist. ') Solche finden sich in „ll'be Igraelite" und in der von dem inzwischen verstorbenen Dr. Wise zu Cincinnati herausgegebenen Wochenschrift „De borah" 5616.

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