Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Biocb’s Mocbenscbrm. Seite 149 die Fäden von über Länder sich erstreckenden Handelsbeziehungen zusammenliefen, die Armeen und Festungen mit Proviant, Montur und Munition versorgten; andere wieder, die als Finanzmänner von Magnaten in deren Schlössern und Palästen ein- und ausgingen, die als Pächter oder Leiter großangelegter Brauhäuser und Spiritusbrennereien eine zahlreiche Diener- und Taglöhnerschaar beschäftigten, als Gasthofbefitzer mit devoter Höflichkeit vornehme Leute bewirteten, oder als Gerber, Kürschner, Seifensieder, Posamentierer, Schneider, Goldarbeiter und Siegelstecher schlecht und recht ihr Handwerk ausübten und durch ihre emsige Tätigkeit den Grund zu jener hervorragenden wirtschaftlichen Stellung legten, die die ungarischen Juden derzeit einnehmen. Jubiläen. (1856—1906.) Unsere Zeit bewegt sich in Gegensätzen. So bemerken wir auf der einen Seite eine gewisse Nichtachtung, die geschichtlichen Studien entgegengebracht zu werden pflegt. Was soll uns die Vergangenheit, ruft ein rasch lebendes Gegenwartsgeschlecht aus, gebt uns, loas wir bedürfen; nicht in der Vergangenheit lebt der Mensch, eingeschlossen ruhe sie in dem großen, stillen Sarge, den man Geschichte nennt. Der Lebende allein hat Recht. Auf der anderen Seite wieder sehen wir ein Schwelgen in Erinnerungen an alte, längst vergangene Zeiten, die man gerne als Lehrmeister und Wegweiser für Gegenwart und Zukunft bezeichnet; es taucht wieder auf das alte, biblische Wort: „Gedenket der Tage der Vorzeit, erkennet die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht." Und so feiert denn dies in Gegensätzen sich bewegende Geschleckt Jubiläen, das alte Jubeljahr ist wieder erstanden. Man erinnert sich großer Männer, die vor 50, 100, 150 Jahren gelebt, gekämpft, gelitten und gerungen, gedichtet und gedacht, durch ihre unsterblichen Werke die Menschheit verdelt und belehrt haben. Sollte man sich aber nur der Personen und Persönlichkeiten erinnern und nicht "auch der Ereignisse gedenken, welche der Zeit, in der jene lebten, das Gepräge gegeben haben? Wenn wir ein Jubiläum feiern, pflege ich gerne in den Büchern, die nun auch der Geschichte angehören, zu blättern, um mich mit dem Gedankenkreise bekannt zu machen, in dem sich die damalige Zeit bewegte; denn der Geist der Zeiten, er ist ja nach Goethes ewig wahrem Worte der Herren eigener Geist. So las ich denn wieder in den schon vergilbten Blättern einer Zeitschrift aus dem Jahre 1856. Denn aus Quellen lernt man die Geschichte genauer kennen, als aus Kompendien, die später aus ihnen zusammengestellt wurden. Und ich sah, daß gar manche Jubiläen in diesem Jahre sowohl vom weltgeschichtlichen, als auch vom jüdischen Standpunkte aus zu feiern wären. Ich will, um dies zu zeigen, ethnographisch und geographisch Vorgehen und zunächst mit Rußland beginnen, dem B a a l - Z e p h o n, wie dieses Reich von einem aufmerksamen Beobachter der Dinge im Jahre 1856 nicht ohne Geist genannt wurde. Es war am 3 0. März 1 8 5 6. Ein bedeutungsvoller Tag war angebrochen, denn an ihm wurde jener Friede zu Paris geschlossen, der dem orientalis chen oder Krimkriege ein Ende bereitete. Westeuropa hatte über den Gog- Magog des Nordens (wohl zu unterscheiden von dem Magus des Nordens) einen Sieg davon getragen. England, Frankreich und Oesterreich hatten ein Bündnis geschlossen, eine Allianz, um die Integrität der Türkei aufrecht zu erhalten, und das „Fürstentum" Rumänien, das inzwischen zum Königreiche glücklich avancierte, war damals erstanden. In schwungvollen Worten preist unser Beobachter der Ereignisse vom Jahre 1856, diesen Sieg der westlichen Kultur über den Moskowiter, und in etwas sanguinischer Weise erhofft er sich, daß nun auch für unsere jüdischen Glaubensbrüder in dem großen nordischen Reiche die Morgenröte der Freiheit anbrechen werde und alle Vorurteile auf religiös ethischem Gebiete siegreich werden bekämpft und überwunden werden. Uns ist es jetzt leicht, nach 50 Jahren, von Sanguinismus zu sprechen, die wir es schaudernd miterlebt, was in dem Reiche Nikolaus II. geschehen, der gerade 50 Jahre nach Alexander II. auf dem Throne Rußlands selbstherrlich regiert, aber auch auf diesem Throne zittert und bebt. Die Blütenträume von damals, wie zerflatterten sie nach einem noch viel blutigeren Kriege, den die Menschen vor 50 Jahren kaum für möglich gehalten hätten! Eine schauderhafte Jubelerinnerung in der Tat, wenn wir den Zeitraum vom Mürz 1856 bis zum März 1906 durchmessen. Und doch hören wir, daß, nach einem Erlasse des Zaren, die Reichsduma für den 10. Mai 1906 einberusen wurde. So wird denn doch vielleicht aus den Tränensaaten greulicher Schlachtfelder und Odessas blutiger Straßen auch für unsere Glaubensgenossen eine freudige Jubelernte ersprießen. Erinnere sich doch auch Rumänien daran, wie es vor 50 Jahren seinen Geburtstag feierte. Dieses heutige Königreich unter der Herrschaft eines deutschen Fürsten und seiner feinsinnigen Gemalin, es gedenke derer, die wir mit den Worten eines modernen Dichters als „Iss plus kaidlos'' bezeichnen möchten. Von Rumänien und Rußland ist es nicht weit zur Türkei. Im Pariser Friedensvertrage vom 30. März 1856 hatte diese den christlichen und mohammedanischen Untertanen gleiche Rechte verheißen. Aber schon am 18. Februar 1856 (wieder ein Jubiläum) hatte der Sultan Abd-ul-Medjid den Hat H u m a j u n erlassen, der volle Gleichheit aller Bekenntnisse, also auch des jüdischen, verkündet. Dieser Hat Humajun ist in Nr. 5 des „I s r a e l i t u 1 u Romanu“ („r umänischer Israelit") abgedruckt, einer Zeitschrift, die als Wochenblatt in rumänischer und französischer Sprache seit April 1857 in Bukarest erschien. Es ist der Geist der Duldsamkeit und Gerechtigkeit, der diesen Hat durchzieht und dem Morgenlande eine glückliche Zukunft verheißt"?) Wahrlich, wenn man sieht, wie sich im jetzigen R um ä n i e n die Verhältnisse für unsere Glaubensgenossen gestaltet haben, so möchte man die Machthaber in diesem Reiche auf jene Zeit vor 50 Jahren verweisen, in welcher der Sultan seinen vom modernen Geiste der Duldung beseelten Hat erließ, der damals von unseren Glaubensgenossen mit so vielem Danke begrüßt wurde. Denn als wenige Monate nach seiner Erlassung Albert Cohn aus Paris von seiner Reise nach Jerusalem zurückkehrte und vom Sultan empfangen wurde, dankte er ihm im Namen aller Israeliten für die durch den Hat verkündete Gleichheit. Abd-ul-Medjid antwortete: „Ich habe nur meine Pflicht getan." Albert Cohn berichtete nun dem Sultan über das jüdische Spital in Jerusalem, über die Schulen und Anstalten, die hier durch Baron Rothschild errichtet wurden?) So führt uns unser Rundweg nach Palästina, dem Lande, das infolge „des orientalischen Krieges" damals den westlichen Glaubensgenossen zuerst näher gebracht wurde. Auch der zionistische Gedanke kann also in diesem Jahre eine Art Jubiläum begehen. Nicht nur der genannte Albert Cohn, auch Einer, der uns viel näher steht, Ludwig August Frankl, hctte im Jahre 1856 eine Reise nach Palästina unternommen, der Letztere bekanntlich, um im Aufträge der hochherzigen Frau von Lämel in Jerusalem eine Lehranstalt zu begründen, was ihm auch nach Besiegung vieler Schwierigkeiten gelang?) Wenn ein Berichterstatter aus dem Jahre 1856 die prophetischen Segensworte spricht: „Der Herr wird das Feld, die Aussaat und die Säemänner mit gleichem Segen krönen", so haben sich diese bewahrheitet, denn von den alten Stätten, von denen einst die Thora ausging und das Wort des Herrn, ') Vgl. über diesen Hat Humajun die Mitteilungen Dr. Josts im Junihefte des „Israelitischen Volkslehrer" 1857, S. 169, ff. *) „Der israelitsche Volkslehrer" 1. e. S. 173. 3) lieber seine Erlebnisse berichtet Frankl in seinen noch jetzt sehr lesenswerten Werken: „N a ch I e rus a l e m" 2 Bde., Leipzig 1858. „Aus Egypten", Wien, 1860.