Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 146 Dr. Wlocb's MocbenscbrM. Nr. 10 Freimut vor aller Welt eintreten. Es ist dies jetzt nötiger als je." Ich erlaubte mir nun die weitere Frage: „Sollten die in Galizien als unabhängig gewählten jüdischen Abgeordneten dem Poleuklub beitreteu?" „Nein", antwortete Herr von Gniewosz. „Denn", fuhr er fort, „im Falle ihres Beitrittes würden sie in jeder Tätigkeit gebunden sein. Sie sollen vielmehr so viel als möglich ihre Unabhängigkeit wahren. „Daß diese meine Anschauung richtig ist, kann man daraus ersehen, wie es demjenigen jüdischen Abgeordneten erging, welcher, dem Gebote seiner Wähler folgend dem Polenklub beitreten zu können glaubte und gleichzeitig mutig, unerschrocken und mit aller Energie für seine Glaubensgenossen eiuzutreten. „Ich meine den früheren Abgeordneten Dr. Josef Bloch. Dieser hatte wegen seines Mutes und seiner Unerschrockenheit aus Schritt und Tritt zu leiden uud wurde schließlich vollständig lahm gelegt. Seine Ausschließung aus dem Klub und aus dem Parlament war ein Werk der Wiener Autisemitenführer uud ich habe nie begreifen können, daß die einflußreichen Juden sich nicht bemüht haben, dem Dr. Bloch ein unabhängiges Mandat irgendwo zu sichern. Bei dem Mißbrauch der parlamentarischen Tribüne für unwürdige Exzesse, wie es leider in Oesterreich Unsitte geworden, war ein Mann von dieser Art und Schlagkraft notwendig. „Dr. Emil Byk ist ja auch ein Mann von Begabung, allein er ist ein williger Diener der Klubmajorität bis zur Unerträglichkeit. So wurde er um das Jahr 1886, als er gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Fürsten Liechtenstein eine au sich richtige Bemerkung wagte, welche aber de» Fürsten Liechtenstein unangenehm berührt hat, von der Klubmajorität gezwungen, im offenen Parlament zu revozieren und dem Fürsten Liechten st ein Abbitte zu leisten. Es hat sowohl von meiner Seite als von anderer Seite au Warnungen und Mahnungen nicht gefehlt, Herrn Dr. Byk dahin zu bestimmen, dem kaudinischen Joche sich nicht zu unterwerfen, eventuell lieber auf das Mandat zu verzichten, als zu solch peinlicher Demütigung sich herbeizulassen. Jndeß alles blieb ohne Erfolg und Herr Dr. Byk nahm keinen Anstand, im offenen Parlament das Urteil au sich zu vollziehen." „Das waren seine Unabhängigkeit und sein'Mut". „Dieser peinliche Vorfall soll für alle Zukunft sowohl den Wählern als auch den Gewählten in Galizien eine Warnung und mahnendes Beispiel sein." So weit Herr Sektionschef Ed. Ritter von Gniewosz! Es scheint mir verdienstlich zu sein, diese Ratschläge und Mahnungen eines aufrichtigen und treuen Judenfreundes von der autoritären Stellung des Herrn Sektionschefs Ritter von Gniewosz der jüdischen Oeffentlichkeit zu übergeben. Auch die Episode Byk- Prinz Liechten st ein ist eine Reminiszenz, die nicht bloß aus rein historischem Interesse der Vergessenheit entrissen zu werden. verdient; sie ist nicht allein für die künftigen Geschichtsschreiber von Belang, sie verdient auch bei der Gegenwart noch Würdigung uud Beherzigung. Ein Mann mit geschärftem jüdischen Selbstbewußtseiu, dem die Ehre seines Volkes ein kostbares unantastbares Gut ist, hätte in keiner Situation vergessen, daß, indem er sich vor dem Prinzen Liechtenstein so tief erniedrigt, er zugleich sein Volk vor dem Feinde aufs Empfindlichste bloßstellt. M. Br. Da« jüdische Gmigratiorisrvrsen in Mir«. Ein Problem, das unzählige Stacheln nach außen kehrt, ist mit der jüdischen Auswandererfrage für Oesterreich gegeben. Sie ist längst schon aus dem Gebiete der Wohltat'gkeit in das der Nationalökonomie emporgewachsen, spielt eine große Rolle in der Politik und ist der größte Posten im jüdischen Jahresbudget. Ihre Beantwortung ist umso schwieriger, als dieses Budget bei dem sinkenden Stand der Finanzen im Mittelstände eine weitere Belastung schwer verträgt und als die Frage eine Menge Untertitel aufweist: Ursachen und Dauer der Auswanderung in den Ländern des Dreibundes des Judenhasses: Rußland, Rumänien uud Galizien, Wirkung des Zuzuges von Paupers in Oesterreich, Möglichkeit des Weiterwanderns und der Versorgung in weiterliegenden Staaten. Die „Wiener Israelitische Allianz" hat für ihr Gebiet die praktische Lösung dieser Frage auf sich genommen, und es ist nur ein Gebot der Gerechtigkeit, vorweg festzustellen. daß ihr Vorstand außerordentliche und dankenswerte Mühe vollkommen uneigennützig darauf verwendet, der turmhohen Schwierigkeiten ihres Beginnens Herr zu werden. Das ist eine sehr undankbare Aufgabe, deren Durchführung umso mehr Lob verdient, als der Fernstehende mehr zu unverdienter scharfer Kritik als zu verdienter Anerkennung veranlaßt wird. Wir Juden haben nun einmal ein sehr gutes Herz und sind geschworene Feinde jeder menschlichen Verzweiflung. Die moderne Nationalökonomie aber hat aus Mangel an genügenden Mitteln große Aehnlichkeit mit der Gewohnheit der heidnischen Eskimos, welche die Schwachen und Alten einfach abschlachten, damit sie den Zug der Karawane nicht hindern. Zwischen diesen Radikalismus und die Barmherzigkeit schiebt sich bei uns die Tätigkeit der lokalen Wohltätigkeitsvereine ein, aber einer auf das Wohl des Ganzen bedachten Körperschaft kann unmöglich zngemutet werden, auf Kosten der Gesunden das Elend der für Auswanderung ungeeigneten Elemente einfach auf der Welt herumzuschleppen. Abweisungen dieser Art muß es in Menge geben. Auf der einen Seite melden sich nun die Schwächsten im Lebenskämpfe am stürmischesten um Hilfe, auf der anderen Seite weist sie der Selbsterhaltungstrieb der Staaten am strengsten zurück. Die Körperschaften für Auswanderung im Deutschen Reiche sind dieser vielbeklagteu Strenge enthoben. Bei ihren Grenzkomitees wird die Prüfung auf Eignung vorgenommen. Fällt diese ungünstig aus, dann meldet sich die staatliche Autorität in Form der Polizei, wenn auch in möglichst humaner Art, und gibt den Zurückgewiesenen einen niemals zu umgehenden Wink, binnen drei Tagen zurückzukehren. In Oesterreich gibt es wohl auch Grenzkomitees. Aber die Zurückgewiesenen verstehen es in den meisten Fällen, sich doch irgendwie nach Wien durchzuschlagen, da man die Mithilfe der Polizei hierzulande strengstens perhorresziert. Das ist die eine Art der Zurückgewieseneu, aber sie wird durch Schicksalsgefährten aus anderen Gründen vervielfacht. Dazu muß man sich die tieferen Ursachen der Judenwanderung vor Augen halten. Sie stellt einen gleichmäßigen Strom vor, der zur Zeit von Gewittern des Judenhasses Hochwasser führt. Leider stellen sich solche Gewitter sehr oft ein und die Mittel der Juden, speziell die der Allianz, reichen kaum hin, um für alle unsere Katastrophen die erste Hilfe bringen zu können. Wie aber, wenn nach den Pogroms in Südrußland sich ganze Scharen von Emigranten aus Russisch-Polen meldeten, wo gar keine Judenverfolgungen stattgefunden hatten? Die Allianz, ausgestattet und angewiesen für die Opfer der Verfolgungen, sah weder Tunlichkeit noch Möglichkeit, die wegen schleichender wirtschaftlicher Krisen Auswandernden zu unterstützen und vertraute nur auf eine nachträgliche Billigung durch die Güte jüdischer Herzen, wenn sie letztere aus dem ärgsten Elende weg in ihre Heimat zurückschickte. Der Katastrophen gibt es unendlich viele und die Allianz, die durch die gelegentlichen Zwischenspiele in Oesterreich (Prag, Holleschan rc.) mit in Anspruch genommen wird, kann für die Erfordernisse der regulären Judennot im Auslände nur das Allernotwendigste leisten, weil die ihr zur Verfügung gestellten Mittel nicht ausreichen. Das ist ein Feld und eine Aufgabe für anders oder reicher ausgestattete Körperschaften im jüdischen Abendlande.