Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021667--15226-3039981- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 10 Dl*a Jahrgang XXlll Lentralorgan kür die gesamten Ilnteressen des Judentums. Wien, 9. März 1906. — Brscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: TRUten, IX/1, Kerggasse 39. Telegramni-Adresie: Dlocb's Mocbenscbrtkt. Wlien. s-« Vexugsprris für Vrsferrrirl;: Hnlbjährig 8 Kronen. Einzelexemplars 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ft ft «--Ä 15. ft. Po st sparftassen-Arnt eieartng-Verkebr Nr. 610.976. üedaklion und Administration: Wien IX/1. Verggasse Nr. 39. 'relet'«» 14.847. V-* Inhalt: Leitartikel: Die Notwendigkeit unabhängiger jüdischer Reichsratskandidaten für die kommenden Wahlen. — Das jüdnche Emigrationswesen in Wien. - Indische volkswirtschaftliche Projektanten in Ungarn während des XVIII. Jahrhunderts. — Jubiläen. — Korrespondenzen: Einweihung der Zeremonienhalle in Baden. Eingesendet. Budapest, Graz. Zur Wahlreform. Die Stellung des Rabbinerverbandes in Böhmen zur Leichenverbrennung. Prag. Das Märchen vom Ritualmord. Juden an der Hoftafel des Kaisers Wilhelm. Berlin. Von den Leiden der marokkanischen Juden. — Vermischtes: Verein zur Hebung der Gewerbe. Wien—Josefstadt. Jüdische Toynbeehalle. Kranken-, Witwen-, Waisen-Unterstützungsverein „Chesed schel emes“. Wien. Berichtigung. St. Pölten. — Feuilleton: Binu al seh! Synagogengesänge. — Literatur. — Nene Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Uotmendigkeit »nalchiingiger jüdischer Keichsratskandidaten für die kommenden Wahle«. Don Eduard Ritter von Gniewosz-Olexow, Sektionschef a. D., gewesenem Reichsrats- und Landtagsabgeordneten. Eduard Ritter von Gniewosz-Olexow! Dieser Name bedeutet ein Leben voll aufopferungsvoller Arbeit und großen Leistungen. Noch als junger Mann, als er erst kurze Zeit im Staatsdienst war, wurde er der „Reformator" genannt und während seines langen segensreichen Wirkens erwies sich die Berechtigung dieses Ehrennamens. Vierzig Jahre wirkte Herr von Gniewosz im Staatsdienst und viele Jahrzehnte war er als Reichsrats- und Laudtagsabgeordneter tätig. Namentlich wir Juden sind Herrn von Gniewosz zu großem Danke verpflichtet. Hat er doch Jahrzehnte hindurch als Referent für jüdische Angelegenheiten im Unterrichtsministerium bei jeder Gelegenheit sein stark entwickeltes Nechtsgefühl und seine Unparteilichkeit bewiesen. Und als der verewigte Baron Hirsch seine zur Hebung der Kultur der Juden in Galizien und Bukowina so segensreiche Millionenstiftung schuf, berief er Herrn von Gniewosz als Ersten in das Kuratorium dieser Stiftung, wo er als Vizepräsident lange Jahre wirkte. Eduard von Gniewosz ist kein Freidenker im landläufigen Sinne, er ist ein Rechtsdeuker. Allen unschuldig Verfolgten und Unterdrückten stand er bei, für ihre Sache zu kämpfen, das Wort zu reden zog ihn ein unwiderstehlicher Drang des Herzens, ein stark ausgeprägtes Rechtsgefühl. Und wo fand er Verfolgtere und Bedrängtere, als wir Juden es sind? Die Aeltern unter uns erinnern sich noch jener flammenden Rede, die er einst im Abgeo>-duetenhause zur Verteidigung der unter dem schweren Drucke in geistigem und physischem Elend dahinsiecheuden jüdischen Massen Galiziens hielt. Als er die Genesis dieses Elends in lapidaren Worten enthüllte, die Ursachen schilderte, die Bedrängnisse und Bedränger in markanten Worten zeichnete, da vermochten selbst eingefleischte Antisemiten der elementaren Gewalt, die seinen Worten entströmte, sich nicht m entziehen. Angesichts der derzeitigen Bewegungen innerhalb der galizischen Judenheit aus Anlaß der Wahlreform mit drm allgemeinen gleichen Wahlrecht schien es von besonderem Interesse, den ehrwürdigen Greis, welcher in allen das Judentum Galiziens betreffenden Fragen eine unbestrittene Autorität von hohem Range ist, um seine Meinung zu befragen, welche Stellung unsere galizischen Glaubensgenossen nach dir Kreierung der Wahlreform einzunehmen hätten. Die hochgehenden Wogen der Agitation in Galizien richten sich vornehmlich dahin, die zukünftigen jüdischen Maudatswerber zu verpflichten, einem Klubzwange sich nicht zu unterwerfen, sondern unabhängig und frei für die Jut> ressen des Judentums einzutreten. Da der edle Herr von Gniewosz Jahrzehnte hindurch selber ein hervorragendes, achtunggebietendes Mitglied des Polenklubs war, so muß seine Meinungsäußerung in dieser Frage umso schwerer ins Gewicht fallen. So begab ich mich denn Freitag, am 1. März, in die Wohnung des Herrn Sektionschefs von Gniewosz, Laudongasie 37, wo ich auf das Liebenswürdigste empfangen wurde. Trotz seines hohen Alters und seines leidenden Zustandes nimmt Herr Sektionschef von Gniewosz an allen Tagesfragen das regste Interesse und verfolgt mit großer Aufmerksamkeit auch die Bewegungen innerhalb des Judentums. Herr von Gniewosz erklärte sich mit größter Liebenswürdigkeit bereit, mir auf einige Fragen Antwort zn erteilen, welche ich mir nachstehend wiederzugeben erlaube: „Sind Herr Sektionschef für die Aufstellung von selbständigen jüdischen Abgeordnetenkandidat-.n und für die Unterstützung ihrer Wahl?" Antwort: „Ja! Ich war immer dafür, daß insbesondere die Juden als Abgeordnete selbständig sein müssen — wie der derzeitige Abgeordnete Dr. Straucher — damit sie die ihnen anvertrauten Interessen ihrer Glaubensgenossen frei und unabhängig vertreten können und auch dadurch die Kraft gewinnen, für bieselbeu einzustehen." „Bei der geringen Anzahl von Wahlbezirken, in denen jüdische Kandidaten durchzudringen die Aussicht haben, soll darauf geachtet werden, daß durchwegs Männer gewählt werden, die sich offen und mannhaft als Juden bekennen und für ihre bedrängten Kounativnaleu mit Sachkenntnis und