Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Sir. 9 „Niks toje" erwiderte der Gefragte, „bei Hinden (dies war der Vorname meiner Großmutter) wäre es ewadde (gewiß) trefe. aber bei dir, die nie schmelzen tut, ist alles von der Hand koscher". Aber der Himmel meiner Großeltern sollte auch nicht unbewölkt bleiben, schwere Tage und kummervolle Nächte harrten ihrer. Um die Zeit dieser Begebenheit war es hier üblich, daß zur Nachtzeit die Stadttore geschlossen wurden, und jeder nach Torsperre Ein- oder Hinauswollende mußte sich bei den Torhütern, welche in den oberhalb der Tore befindlichen Kemnaten wohnten, melden. Jedermann beeilte sich somit, um nicht die Güte dieser Stadtwächter in Anspruch nehmen zu müssen, rechtzeitig in die Stadt zu kommen. Nach Einbruch der Dunkelheit herrschte nur wenig Leben in den Stadtteilen, noch weniger aber in den Gassen des Judenghettos. Die Großeltern samt den Kindern waren schon längst zu Bette gegangen, und befanden sich in den ersten Stunden des Schlafes. Der Großvater erwachte, es schien ihm, als hätte jemand ans Fenster geklopft und gerufen „Markus". Ich muß geträumt haben, dachte er, denn wer könnte mich Markus rufen? Die Juden rufen mich „Mordcheh", die Nichtjuden „Marek". Mit diesem Gedanken schloß er die Augen, um weiter zu träumen. Es klopfte abermals und lauter wurde der Ruf „Markus". Auch die Großmutter wurde wach, und als wollte sie ihren Mann wecken, sagte sie halblaut: „Mordche, jemand klopft und ruft dich". Der Gerufene ging ans Fenster und auf seine Frage: „Wer ists?" kam die Antwort, „ich Pater Eusebius, du mußt dich sogleich anziehen und mit mir gehen, ich erwarte dich vor deiner Haustüre". Dieser Name machte den Großvater erblassen. Pater Eusebius war der Geheimschreiber des Priors im Scharatitzerkloster, welcher alle Rechnungen für die dem Kloster gelieferten Waren bezahlte und alles Geld für das gekaufte Getreide übernahm. „Was will der jetzt hier? Wie kommt er um Mitternacht in die Judengasse? Jetzt kauft man nichts und verkauft auch nichts", sagte der Großvater. „Auch ich stelle mir nichts Gutes vor, hast du nicht etwas gegen sie gesprochen"? fragte besorgt die Großmutter; „ferne sei dies von mir", erwiderte der Großvater, indem er sich seine kurzen Beinkleider, Strümpfe und Schnallenschuhe anzog. „Es ist nichts als ein Scheker- Bibbul (fälschliche Beschuldigung) so aber der Herr Prior mich holen läßt, so muß ich gehen, Gott der Lebendige weiß, ob und wann wir uns Wiedersehen". Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seiner weinenden Gattin, nahm ein Tuch, wickelte darin seine Gebetriemen ein und trat in die stille und finstere Gasse. Als der Pater seiner gewahrte, ging er voraus; ohne auch nur ein Wort zu wechseln folgte ihm der Großvater durch das westliche Stadttor, in dessen nächster Nähe an der christlichen Friedhofsmauer eine bespannte Chaise wartete, in welcher der Geistliche Platz nahm. Der Großvater setzte sich neben den Pferdelenker auf den Kutschbock. Etwa eine Meile von Austerlitz entfernt, an der heute von hier führenden Kommerzialstraße auf einer nach Südost gesenkten ergiebigen und sehr fruchtbaren Ebene liegt der seit erst einigen Jahren zum Marktflecken erhobene, zur Brünner Diözese gehörige Pfarrort Scharatitz. Knapp vor dem Orte erhebt sich ein kleiner, pyramidenförmiger Hügel, an welchem sich die historische Erinnerung des Aufenthaltes der Schweden in Mähren knüpft. Auf einer kleinen Anhöhe im Dorfe steht die Kirche, rechts daneben der Pfarrhof, diesem schräg gegenüber steht ein etwa zwei Stockwerke hoher imponierender Bau, welcher zur Zeit dieser Geschehnisse das Kloster der Ordensbrüder der Prämonstratenser war. Zu diesem Kloster gehörte eine derzeit dem Teschaner Gute einverleibte große Landwirtschaft. Vor der Front dieses Klosters, welche zur Dorfseite gewendet ist, hielt die Kalesche. Pater Eusebius stieg aus, und die ersten Worte, die er zum Großvater sprach, waren: „Folge er mir hinauf zum Herrn Prior." Ein ziemlich schmaler Steintreppengang führte zu einem langen Korridor des obersten Stockwerkes, an dessen linker Wandseite sich Tür neben Tür reihte, die zu den Zimmern der Klosterbrüder führten. Am Ende dieser langen Vorhalle war ein «tUt 141 menschengroßes Kruzifix angebracht. Vor diesem kniete der Prior in einem um den Kops geschlagenen Gebetmantel, welcher dem Talis der Juden nicht unähnlich war. Der Pater blieb in respektvoller Entfernung stehen; nach wenigen Minuten erhob sich der Prior, schlug ein Kreuz, und als ihm der Pater den Gebetmantel abgenommen hatte, sagte der Prior zum Pater: „Schicken Sie mir den Pasek hinauf," dann winkte er meinem Großvater, ihm in sein Zimmer zu folgen. Als beide eingetreten waren, schloß der Prior die Tür hinter sich, öffnete einen Schrein, entnahm daraus ein in schwarzes Leder mit einer Rebschnur stark verschnürtes viereckiges Packet, welches die Größe eines halben Ziegelsteines hatte und sagte folgendes: „Markus, da übergebe ich Dir eine geweihte, höchst heilige Sache zur Aufbewahrung; ich habe zu Dir das Vertrauen, daß Du dieses Heiligtum nicht angreifen und nicht entweihen wirst, ferner verkaufe alles Wertvolle, das sich in den Stallungen, in den Kellern und auf den Schüttkasten befindet; bewahre mir alles so lange, bis ich Dir schreibe, wohin Du kommen sollst, um mir wieder alles zu übergeben, oder Du übergibst es demjenigen, welcher Dir den anderen Teil von diesem Leder und den anderen Teil dieser Schnur, mit welcher dieses Päckchen verschnürt ist, überbringt, hast Du mich verstanden?" „Ja, Hochwürden Herr Prior", antwortete mechanisch der Großvater. Der Prior öffnete die Tür, vor welcher bereits Pasek, der Hospodar (Wirtschafter des Klosters) mit einer Laterne in der Hand stand. Diesem befahl er, alles, wie es steht, und liegt, dem Markus zu übergeben, reichte beiden die Hand und empfahl sich. Bald darauf vernahm man ein vom Klosterhofe kommendes Gerassel mehrerer Wagen, und nach wenigen Minuten waren der Großvater und Pasek die einzigen menschlichen Wesen im Kloster. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Kol t'killo*). Vom Oberkantor Josef Heller, Brünn. Besprochen von Oberkantor Armin Wilkowitsch. Es ist nach dem Erscheinen des epochemachenden „S ch i r Zion" unseres Altmeisters viel für unsere Liturgie geschaffen worden. Komponisten wie Lewandowsky. Naumburg und noch andere Musiker par sxsUsuee haben unsere Tempelmusik auf das höchste künstlerische Niveau gebracht. Eines jedoch blieb inmitten des Schaffens fast unbeachtet : das Chasanus — das altjüdische Rezitativ, wofür das jüdische Gemüt eigentlich am empfänglichsten ist. Wohl stellt in dieser Hinfickt das russische und polnische Kantorat ein größeres Kontingent. Viele echtjüdische Kompositionen werden zu Papier gebracht, jedoch sind diese Schöpfungen für uns moderne Kantoren fast unbrauchbar, teils weil sich die Textworte allzuoft wiederholen, teils weil sich die Silbenabteilung als inkorrekt erweist, das Schewa, als auch milsl und milra ganz außeracht gelassen werden. Für den ehemaligen Kantoratseleven, der mit jüdischem Wissen genügend ausgerüstet war und auf Meschorer-Wanderschaft viel gehört und gelernt hat, war eine Vorzeichnung, in welchem „Steiger" man dieses oder jenes Gebetstück zu rezitieren habe, überflüssig, denn als „Singerl" schon oblag ihm die Mission, dem Chasan die Introduktion (Aisdvrs) vorzuträllern. Und er wollte die Weise gewiß nicht in Dur, wenn Moll oder phrygisch erforderlich schien. Das aufstrebende Kantorentum von heute rekrutiert sich jedoch aus ganz anderem Material. In Oesterreich und Deutschland wird der Jugend leider nur spärlich jüdisches Wissen auf die Lebensreise mitgegeben und das pädagogische System für den Kandidaten ist eben auch ein grundanderes geworden; das Meschorertum hat hierzulande gänzlich aufgehört und in den sogenannten Kantorenschulen wird nur das Notdürftigste gelehrt. Der moderne Kantoratskandidat hat sich zum Repertoire das I?edo dodi, Ma godelu rc. gemacht, das echte, herzerquickende und seelenbezwingende Altchasanus jedoch ist ihnl eine torra incognita. Unser Meister, der selber Lehrer und Bildner der kantoralen Jugend ist, hat diesen Umstand mit klarem Auge erblickt, und mit emsigen Fleiße ging er daran, das in sich reich aufgenommene Chasanus der Kantorenwelt zu überliefern. Und er hat sich bisnun seiner Aufgabe glänzend entledigt. Vor uns liegt der erste Teil seines Werkes; *) Erschienen bei Karl Winiker in Brünn 1905. Im Selbstverläge des Komponisten. Dr. Mocb's Mocvenscbrin.