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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 140 Dr Dlocb s Mocvenscbrtrr. dir. 9 Diamant in seinem 63. Lebensjahre verschieden, der beinahe ein Vieiteljahrhundert segensreich wirkte und der durch seine ungeheuchelte Frömmigkeit, Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit sich die Liebe aller erworben hatte. Der Schmerz über den schweren Verlust fand seinen Ausdruck bei dem imposanten Leichenbegängnisse am 25. v. M., an welchem außer der Einwohnerschaft der hiesigen Juden- und Christengemeinde, der Feuerwehr und vielen anderen Vereinen und Korporationen auch noch Deputationen aus mehreren jüdischen Kultusgemeinden (Znaim, M.-Budwitz, Horn, Krems, Retz>, die Geistlichkeit und Lehrerschaft der ganzen Umgebung und viele andere Würdenträger, deren Freundschaft und Verehrung sich der Verewigte erfreuen durste, teilnahmen. An der Bahre vor dem Rathause hielt Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. I. Kahan aus Znaim und in denr hell erleuchteten, schwarz drapierten Gotteshause der Schwiegersohn des Verewigten Se. Ehrwürden Herr Dr. M. Rachmuth, Rabbiner in Schüttenhofen, warm empfundene Nachrufe, in welchen dessen hervorragende Verdienste als Rabbiner, jüdischer Gelehrter und als guter, edler Mensch gewürdigt wurden. Den herben Scbmerz der trauernd Hinterbliebenen, nämlich der Witwe und der ll Kinder, von denen 8 noch unversorgt sind, sowie auch den Dank der Familie brachte der älteste Sohn des Verblichenen, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Jakob Diamant, Rabbiner in Krems, zum ergreifenden Ausdrucke. Am offenen Grabe endlich sprach der Freund des Verklärten Herr Leopold Mandl aus Röhrenbach einen „Hesped". Feuilleton. Binu al seh! Begebenheit aus der Regierungszeit Josefs II. Von Ignaz Krampflieek. Die Veröffentlichung dieser Erzählung erinnert mich an jenen Nürnberger Patrizier und Ratsherrn, Ulmann Stromer, welcher angeblich die Papiermühlen-Jndustrie in Deutschland einsührte und eine nunmehr in Druck gelegte Chronik hinterließ, mit der Ueberschrift: „Püchl vun mein Geschlecht und Abenteüer", was so viel bedeutet als „Büchlein von meinem Geschlechte und seinen Erlebnissen". Ich rufe zwar keinen neuen Industriezweig ins Leben und begnüge mich mit der Wiedergabe einer mir von meinem gottseligen Vater überlieferten, auf Tatsachen beruhenden Begebenheit. Diese Geschichte fällt in die Zeit der Regentschaft Josefs II., der Zeit der berühmten Toleranzedikte für die Juden, der Zeit der Aufhebung der Klöster und der strengen Durchführung jener Verordnung, gemäß welcher allen Juden Familiennamen gegeben werden mußten. Unseren Großvätern, in deren Gliedern noch aller Schrecken der Theresianischen Verordnungen steckte, verursachte auch diese, obwohl den Grundstein zur Gleichstellung legende Verordnung Besorgnis und Bestürzung, und wiewohl schon früher viele Juden Familiennamen hatten, wurde dennoch ausnahmslos jeder bei seinem oder seines Vaters oder seiner Mutter jüdischen Vornamen genannt. Besonders die Strenggläubigeren, welche um die Religion und die Ueberlieferung fürchteten, konnten sich nur schwer in diese Neuerung fügen und auf ihre bisherigen Namen verzichten. Man suchte einen Mittelweg, welchen man in dem Zusammenfügen der Anfangsbuchstaben seines bisherigen Namens fand. Dies geschah in nachstehender Weise: Hier z. B. hieß jemand „Ben reb Leb Soifer", wählte die Anfangsbuchstaben dieses Namens er zum Familiennamen „Barles". Ein „Ben reb Mordechai Raudnitz" nannte sich „Bramer". Die der hiesigen Gemeinde entstammende Familie Tuschak ist eine Ableitung von dem jüdischen weiblichen Vornamen Tusche. Die im südlichen Mähren vorkommenden Familiennamen Bries — Brach — Basch — Bick, Schick rc. sind bloß mit geringen Ausnahmen auf die angeführte Methode zurückzuführen. Der Urgroßvater meiner seligen Mutter hieß „Schlomeh", dieser nur aus Mitlauten bestehende Name ergab in jüdischer Schrift zurückgelesen den Namen „Hamlisch", welchen die Familie auch beibehielt. In Galizien führte die Durchführung dieser Verordnung zu komischen Szenen, von denen ich nur eine erwähne. Die Juden eines Ortes wurden einer nach dem anderen befragt: „ Welchen Namen wollen Sie"? Der Jude, dem es ganz gleichgiltig blieb, welchen Familiennamen er führen solle, wollte die Entscheidung dem Gutdünken des Beamten überlassen, und sagte mit Ergebenheit in der bei den galizischen Juden gebräuchlichen Redeweise: „Wie Sie heißen (befehlen) Herr Amtmann". Der Beamte welcher „Rosenzweig" hieß, gab dem Juden diesen Familiennamen. Als der Beamte auch von dem dritt-, viert-, sechst- und siebent Befragten dieselbe Antwort erhielt, erhob er sich mißmutig von seinem Sitze, schlug die Hände zusammen und sagte: „Mein Gott, no alle Juden können doch nicht so wie ich heißen". Mein Großvater, der Held dieser Erzählung, hieß schon vor dem josefinischen Patente „Herschmann", er war mit einem seiner Brüder im Geschäfte seines kinderlosen Onkels „Reb Moscheh Kletzl", von Bauern in der böhmischen Sprache „Krampflieek" genannt, welcher in Raußnitz ein Schnittwarengeschäft hatte, tätig. Nach Ableben des Oheims trennten sich die beiden Brüder wie Abraham mit Lot, und um Verwechslungen im Geschäfte vorzubeugen, nahm er den Namen „Krampflieek" an. Er erheiratete hier in Austerlitz ein Haus und Mehlgeschäft, welch letzteres seine jugendliche Gattin, meine Großmutter, leitete. Der Großvater hausierte mit Schnittware in der hiesigen Gegend und wußte sich bald durch fachmännische Tüchtigkeit, indem er nur gute und echtfarbige Waren führte, die besten Kundschaften zu erwerben. Zu seinen Hauptkunden zählte die Geistlichkeit der ganzen Umgebung, von denen er auch das Getreide, welches er zum Vermahlen brauchte, zu Brünner Wochenmarktpreisen übernahm. Seine strenge Rechtschaffenheit erwarb ihm großes Vertrauen und jeder Pfarrer trug seinem Dienstpersonale auf, nur von Marek (so war des Großvaters Vorname) zu kaufen. Auch die geistlichen Chorherren des Scharatitzer Klosters zählten zu seinen Kunden, diese kauften größtenteils Freistadtler, so benannte Frischtakler Leinwand, und da dieser Artikel zur Kremsierer Jahrmarktszeit dort preiswert erhältlich war, reiste der Großvater regelmäßig zum Jahrmärkte nach Kremsier. Zu diesem Zwecke wurde gemeinschaftlich mit zwei bis drei anderen Krämern ein Wagen gemietet. Einmal geschah es, daß einer jener : Leinenweber, von welchen der Großvater regelmäßig kaufte, durch irgend einen Unfall aufgehalten wurde und verspätet zum Markte kam. Die anderen Krämer hatten ihre Einkäufe bereits besorgt, in Kisten verpackt und drängten zur Heimreise, der Großvater, der es nicht übers Herz zu bringen vermochte, dem Weber die für ihn bestimmten Waren zurückzulassen, ließ seine Reisekollegen mit dem Wagen vorausfahren, in der Absicht, sie bei der nächsten Station, wo die Pferde gewöhnlich gefüttert wurden, einzuholen. Er übernahm sodann von dem später an gelangten Weber die Ware, packte diese in einen Binkel und ging seines Weges. Er mochte so zwei Stunden gegangen sein, als eine Chaise langsam an ihm vorüberfuhr. Der Großvater wollte es sich erleichtern, nahm den schweren Pack von seinem Rücken, legte ihn in den an dem vorüberfahrenden Gefährte rückwärts angebrachten Futterhälter und ging eine kurze Strecke hinterher. Als aber das Gefährte in einer Ebene anlangte, in welcher die Pferde längere Zeit zu laufen vermochten, hieb der verschmitzte Kutscher so gewaltig in die Pferde, daß selbe mit dem Binkel im gestreckten Galopp davonfuhren. Der Großvater mußte, wollte er nicht Schaden leiden, dieses Wettrennen auf Leben und Tod aufnehmen. Nach fast einer Stunde gelang es ihm, mit den Händen den Futterhälter zu erhaschen, dessen Ketten rissen, und der Binkel fiel zu Boden, doch kam der Großvater, ohne an seinem Körper Schaden gelitten zu haben, glücklich zu Hause an. Er lebte, wie man damals sagte „sehr bechowed". Die Großmutter galt allgemein als tüchtige Hauswirtin und gute Köchin. Dieses dokumentierte auch der damalige Raw sel. Andenkens durch folgenden Ausspruch. Als die Rebezin einmal buck, legte sie Versehens ein milchiges Buchtel auf irgend ein fleischiges Gefäß. Bestürzt trat diese äußerst karge Frau mit diese Schaileh und geringer Aussicht auf eine günstige Entscheidung vor ihren Gemahl. „Alles ist koscher", sagte der Raw; erstaunt fragte die Rebezin „Ist sich der Rebe nit toje"?

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