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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr 9 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 135 ein Beweis für die Intelligenz, die hohe Sittlichkeit und die bewußte Lebenskraft des israelitischen Volkes. Zu bedauern sind nur die Länder, welche so viel gesunde Volkskraft ungenützt brach liegen lassen. In der durch die Freiheit bedingten Ausnützung aller Kräfte des Volkes liegt ein gut Teil des Geheimnisses, dem Amerika seine großen kulturellen und ökonomischen Fortschritte verdankt. Religion und Geschichte des israelitischen Volkes predigen den Frieden. Die geschichtliche Entwicklung, die Entrechtung und Bedrückung der Juden, ließ ihnen nur friedliche Berufszweige offen. Sie hatten bei allen Kriegen am meisten unter Brandschatzungen zu leiden. So lernten sie schon frühzeitig die Segnungen des Friedens, die Nachteile des Krieges kennen. Alle diese hier nur kurz angedeuteten Tatsachen beweisen, daß das Judentum für die Erreichung des Weltfriedens von allergrößter Wichtigkeit ist. Eine kleine Probe auf das Exempel konnte ich machen, als kürzlich Frau Bertha v. Suttner in New- Aork vor einer deutschen Versammlung sprach; ein überraschend großer Teil der Anwesenden war jüdischen Stammes. Es ist das nach meiner Ansicht kein Zufall, geschieht auch nicht unbewußt. Sondern ich bin der Meinung, daß das gebildete Judentum seine große, ideale Friedensaufgabe klar erkannt hat und zielbewußt bemüht ist, sie zu lösen. Korrespondenzen. Die Wahlreform und die Juden. Freitag den 23. Februar 1906 hat Ministerpräsident Baron Gautsch die längst angekündigte Wahlreform im österreichischen Abgeordnetenhaus eingebracht. Viele Freunde besitzt diese Regierungsvorlage im österreichischen Parlament nicht; jede Partei, jede Fraktion und jedes Fraktiönchen hat gar manche Einwendungen zu machen, und wenn sich auch keine einzige traut, gegen die Reform als solche Front zu machen, so hegen doch die meisten Parteien die Hoffnung, es werde schon durch allerlei Jntriguen gelingen, diese „gefährliche" Reform zu hintertreiben. Indessen steht die Sache nicht so schlecht. Ob die Regierungsvorlage in ihrer heutigen Gestalt vom Parlament angenommen oder ob an derselben manche mehr oder minder weitgehende Aenderungen vorgenommen werden, ist ja ganz irrelevant. Eines steht fest: Die Tage des alten österreichischen Privilegien-Parlaments sind gezählt. Dieses sonderbare aller Parlamente, dem höchstens das eine Verdienst nachgerühmt werden kann, die Obstruktion am schärfsten ausgebildet zu haben — dieses Parlament muß nun einer verjüngerten, aus allgemeinem gleichem und direktem Wahlrecht basierenden Deputiertenkammer Platz machen. Dies wissen auch alle Parteien und ihr einziges Streben geht dahin, sich in der zukünftigen Volksvertretung so viel Plätze als möglich zu sichern. Die meisten Beschwerden gegen die Regierungsvorlage sind auch vorzüglich gegen die Verteilung der Mandate auf die einzelnen Kronländer und die Einteilung der Wahlbezirke gerichtet. Jede nationale und politische Partei behauptet, nicht genügend berücksichtigt zu sein und strebt eine Remedur zu ihren Gunsten an. Im Laufe der Beratungen wird auch wahrscheinlich gar mancher Wunsch im Kompromißwege berücksichtigt werden, und die Wahlreform wird auf diese Weise doch Gesetz werden. Bei diesem Wettkampf um die Zahl der Mandate dürfte es jedenfalls von Interesse sein, inwiefern die jüdische Bevölkerung, die in Oesterreich zirka 4% der Gesamtbevölkerung ausmacht, hiebei berücksichtigt wurde. Bon 455 Mandaten gebühren ihnen (ihrer Zahl nach) etwa 17 Mandate. Doch kann davon keine Rede sein. Die Juden in den Alpen-, Sudeten- und Küstenländern leben so zerstreut, daß sie auf kein einziges Mandat rechnen können. Es ist zwar vorgekommen, daß hie und da ein Jude gewählt wurde, doch dies geschah nie weil — sondern obgleich er ein Jude war. Jetzt dürste dies noch schwieriger sein. Durch die Einführung des nationalen Wahlkatasters in Mähren, sowie durch die Schaffung von national abgegrenzten Wahlbezirken in Böhmen haben die Juden in diesen beiden Ländern ihren bisherigen Einfluß als das Zünglein an der Wage in gemischtsprachigen Bezirken ganz verloren. Weder die Jungtschechen noch die pseudoliberalen „Fortschrittler" brauchen jetzt mit den jüdischen Wählern zu rechnen, sie können nun ihr antisemitisches Herz ganz entdecken und auch das primitive Feigenblatt ganz abstreifen. Höchstens als Sozialdemokrat könnte mancher Jude ein Mandat bekommen; aber diese Vertreter sind ja alles eher als Juden, muß doch die Sozialdemokratie mit Rücksicht auf ihre antisemitischen Wähler gar manchmal „i n Antisemitismus machen." In W i e n ist wohl die Wahlbezirks-Einteilung so geschehen, daß die Juden 1—2 Mandate erhalten könnten, und zwar im Wege eines Kompromisses mit den anderen fortschrittlichen Parteien, sie sollten nämlich nur diejenige Partei unterstützen, welche ihnen in der Inneren Stadt oder in der Leopoldstadt zu 1—2 Mandaten verhilft. Allein bei der mangelhaften Organisation der Wiener Juden ist auch dies sehr zweifelhaft. Die einzige Aussicht auf eine jüdische Vertretung kann also nur auf Galizien und die Bukowina gerichtet sein. Sehen wir uns also diese letzte, einzige Aussicht näher an. Galizien wird in der Regierungsvorlage mit 88 Mandaten bedacht. Die Polen sind sehr unzufrieden und verlangen entschieden eine Vermehrung ihrer Mandate, der Bevölkerungszahl entsprechend. Es ist auch möglich, daß dieser ihr Wunsch berücksichtigt wird. Die Juden bilden in Galizien zirka 11*7,, (elf Per zent) der Gesamtbevölkerung, sie hätten also einen Anspruch auf 10 bis 11 Mandate. Tatsächlich hat man an sie ursprünglich gar nicht gedacht und erst eine im ganzen Lande augefachte Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit der Regierung auf sie und die Juden wurden mit 5 Mandaten bedacht, d. h. es wurden 5 Wahlbezirke geschaffen, in welchen die Juden die Majorität besitzen, u. zw.: 1 Mandat in Lemberg, I in Krakau, 1 in Stanislau, 1 in Brody- Zloczow, 1 in Kolomea-Buczacz. Statt 10 bis II erhalten sie also 5 — dafür haben sie aber die Pflicht, den Polen zu 14 Mandaten zu verhelfen, welche sonst in ruthenische Hände fallen könnten, u. zw. in 3 Städte-Wahlbezirken: Tarnopol-Brzezany (Juden 44 Polen 30 °/0, Ruthenen 26 %), Przemysl (Juden 35 %, Polen 45 %, Ruthenen 20 %)» Strjy-Drohobyez-Sambor-Grodek (Juden 38 Polen 36 °/0, Ruthenen 26 "/<,), außerdem in 11 ostgalizischen Landgemeinden Wahlbezirke, wo die Polen nur mit Hilfe der Juden die nötigen 30 % Stimmen aufbringen können, um Dank dem nur in Galizien eingeführten Proportional-Wahlsystem ihre Kandidaten durchzubringen. Es fragt sich nun, ob angesichts dieser Lage der Dinge die Juden sich mit diesen 5 Mandaten begnügen und dafür den Polen bedingungslos Gesellschaft leisten sollen, wodurch sie den Haß der Ruthenen auf sich ziehen. Es wäre ja nur recht und billig, wenn die Polen den Juden von den 3 Städte- Wahlbezirken, wo sie nur mit jüdischer Unterstützung siegen können, wenigstens 1 Mandat überlassen, sagen wir das Tarnopoler, wo die Juden allein 44 "/o bilden. Auch von den 11 Landgemeinde-Bezirken Ostgaliziens, wo die Polen nur mit Hilfe der Juden siegen können, sollten den Juden wenigstens 2 Mandate überlassen werden. Andernfalls müßten es sich die Juden sehr überlegen, ob sie durch Unterstützung der Polen die Ruthenen noch mehr auf sich reizen sollen. Den Polen gegenüber müssen die Juden in Galizien die Maxime „äo ut des“ anwenden, aus eigenem Antriebe werden ihnen die Polen nie etwas geben. Die Juden in Galizien könnten auf diese Weise etwa acht Mandate erreichen, was zwar noch nicht ganz ihrer Bevölkerungszahl entspricht, aber doch wenigstens halbwegs der

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