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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 134 Dr. DLocv's Mlocvenscvrtn. Nr. 9 Das Judentum und der Weltfrieden.*) I Von Heinrich Schüler. Es sind ungefähr zwei Monate her, als ich von Brasilien kommend in New-Aork eintraf. In Brasilien ist die Zahl der Inden ganz auffallend gering. Nirgends bilden sie eine geschlossene Gemeinde. Die wenigen Vertreter dieser alten und merkwürdigen Raffe gehören zumeist dem Großhandel an und unterscheiden sich in ihren Lebensgewohnheiten durch nichts von den übrigen Angehörigen ihres Standes. Die Portugiesen, welche die große Masse der brasilianischen Nation ausmachen und ihr den Stempel ihres Volkstums aufgedrückt haben, besitzen bekanntlich eine starke Mischung semitischen Blutes, viele unter ihnen sollen reinblütige Israeliten sein, aber auch letztere scheinen zum größeren Teile die katholische Religion angenommen zu haben. Jedenfalls haben die portugiesischen Israeliten, wenigstens soweit mir bekannt, keinen eigenen Tempel in Brasilien. — Ganz anders ist es z. B. in Südafrika, dort wohnen sehr viele deutsche Israeliten, so viele, daß die Boeren zur Zeit, als ich dort weilte, Deutsche und Israeliten nicht zu unterscheiden vermochten. So sagte mir 1882 ein Boer: „Ja, ja, Anno 1870 haben die Juden die Franzosen tüchtig verhauen!" In meiner deutschen Heimat, der Provinz Hessen-Nassau, gibt es Dörfer, welche fast ausschließlich von Israeliten bewohnt werden und die sich bezüglich Rasse, Religion, Sprache und Sitten überaus rein erhalten haben. Dort habe ich als Jüngling eifrige Studien gemacht und mich bemüht, in das Volks¬ und Seelenleben dieses uralten, hochinteressanten Volkes einzudringen. Schon damals drängte sich mir mit zwingender Logik die Ueberzeugung auf. daß das Judentum ein Segen für die Völker der Erde ist und eine große Kulturmission zu erfüllen hat. Jahre, viele Jahre vergingen, die Erlebnisse und Studien ipeiner Jugendjahre waren mir nur noch eine angenehme, ziemlich verblaßte Erinnerung. Da führte mich der Weg nach New-Iork und eines Tages geriet ich ganz zufällig in das Judenviertel. Das gab mir' eine starke Anregung, die Arbeit längst vergangener Jahre wieder aufzunehmen. Ich habe das ganz objektiv getan, etwa so, wie man sich jetzt mit Russen und Japanern beschäftigt. In diesem Sinne möchte ich in nachstehenden Zeilen über die gewonnenen Eindrücke plaudern. Es liegt mir dabei vollkommen fern, irgend welche Rassen- oder Religionsfragen anzuschneiden, ich will nur einfach meinen persönlichen Wahrnehmungen Ausdruck verleihen. Diese allerdings haben mich von neuem darin bestärkt, daß das Judentum eine große Kulturmission zu erfüllen hat und ein mächtiger Förderer der Friedensidee ist. So oft ich über das Thema mit Freunden sprach, so oft machte ich die Erfahrung, daß wir Nichtjuden von dem alten israelitischen Kulturvolk, nrit dessen Gliedern wir seit Jahrhunderten Zusammenleben, fast so gut wie gar nichts wissen, sein Geistes- und Gemütsleben uns noch heute vollkommen fremd ist. Dieser geradezu unglaublichen Unkenntnis verdankt der Antisemitismus seine Existenz. Die mangelhafte Beobachtungsgabe des Menschen ist es wohl zunächst, welche uns verhindert, tiefer in das Geistesleben des israelitischen Volkes einzudringen. Wie lückenhaft die menschliche Beobachtungsgabe ist, kann man täglich erproben. Würde man z. B. zwei Personen beauftragen, die Persönlichkeit eines gemeinsamen Freundes aus dem Gedächtnis zu beschreiben, so wird mah sich nicht darüber wundern dürfen, wenn der eine behauptet, daß der Freund blaue Augen habe, während der andere schwört, sie seien braun. — Dann ist es die Abneigung, welche der Mensch oder ganze Völker gegen die unverstandenen Sitten und Gebräuche anderer empfinden. Jeder junge Deutsche, der ins Ausland geht, fühlt sich zunächst als berechtigter Kritiker und angehender Reformator. Das und jenes ist nicht so wie bei uns zu Hause, darum ist es schlecht und muß reformiert werden. Ist nun das unverstandene Volk ein geistig gleichwertiges oder gar überlegenes, so verwandelt *) Wir entnehmen diese interessanten Auslassungen eines christlichen Deutschamerikaners, mit einigen Kürzungen der in Aoungstown (S.-U.) erscheinenden „Aoungstown-Rundschau". Red. sich die Abneigung nicht selten in Haß. Gerade in Deutschland, dem Lande der Dichter und Denker, mußten notwendigerweise die Gegensätze besonders stark aufeinanderplatzen. Dazu kamen alte, längst abgetane finstere Ueberlieferungen des Mittelalters — so entstand in Deutschland der Antisemitismus. Die antisemitische Bewegung, so verwerflich ihre Auswüchse sind, ist gut, denn sie regt Juden wie Nichtjuden zum Nachdenken an. Die Angegriffenen wehren sich ihrer Haut und da auf ihrer Seite die besten ihres Volkes kämpfen, was man von den Antisemiten nicht sagen kann, so sind sie natürlich im Vorteil, die Zahl der Philosemiten wächst von Jahr zu Jahr und bald werden auch die letzten Reste mittelalterlicher Engherzigkeit gefallen sein, welche die Deutschen germanischen und israelitischen Blutes trennten. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Rußland. Dort ist ein geknechtetes, unwissendes Volk, welches an seinen Sklavenfesseln rüttelt. Die Regierung fürchtet sich vor einem Ausbruch dieser bis jetzt noch mühsam unterdrückten Volkswut, die, einmal zum Ausbruch gelangt, wie ein Orkan alles vor sich niederreißen wird. Aber der Hunger tut weh, -der kaum verhaltene Ingrimm verlangt nach Taten. Die feile Beamtenschaft zeigt mit Fingern auf die Juden: „Seht die Halsabschneider, die Wucherer, die sind es, die Euch bedrücken!" Und der blöde Haufe stürzt sich johlend auf die unglücklichen Genossen des eigenen Elends, der eigenen, menschenunwürdigen. Schmach. Das System ist gerettet, über die blutigen Leichen erschlagener, wehrloser Männer, Frauen und Kinder geht man zur Tagesordnung über. Die Christenverfolgungen haben das heidnische Rom nicht vor dem Untergange bewahrt. Die russischen Judenverfolgungen werden auch den bis in die Wurzeln verfaulten Bureaukratismus Rußlands nicht vor dem Zusammenbruche schützen, auch in Rußland wird es einmal Tag werden. Tag, heller, lichter Tag ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier kommen alle Kräfte gleichmäßig zur Verteilung, hier kennt man nur Bürger einer großen, sreien Nation., Schon erzittert das alte Europa in - banger Sorge vor den dröhnenden Schritten des jungen Riesen. Unnötige Sorge! Die große Republik will nicht zerstören, sondern aufbauen, ein fteies Land ist keine Gefahr, sondern eine Förderung des Weltfriedens. Halten wir diese unwiderlegliche Tatsache fest und reihen wir ihr die fernere Tatsache an, daß die jüdische Einwanderung eine so starke ist, daß Amerika in absehbarer Zeit dasjenige Land sein wird, welches von allen Nationen die größte Zahl israelitischer Bürger haben wird, so folgert daraus, daß diese Millionen freier, gleichberechtigter Bürger nicht nur Förderer des Friedens sein, sondern auch durch ihre Zahl, ihre Intelligenz und die Freiheit der Kraftentfaltung bestimmend auf ihre Rassegenossen in allen übrigen Ländern wirken werden. Die überaus große Zahl jüdischer Einwanderer ist kein Zufall, sie ist auch nicht bedingt durch die Möglichkeit leichteren und größeren Erwerbs, vielmehr ist das wichtigste und ausschlaggebendste Motiv die Sehnsucht nach Freiheit, welche ihre vollste Befriedigung findet. Die Juden der verschiedensten Länder haben sich überall als friedliebende, staatserhaltende und patriotische Bürger erwiesen. Ja, wir haben in Deutschland jüdische Sachsen, Bayern, Preußen, Hamburger usw., welche sogar stark partikularistisch gefärbt sind. Aber daneben gibt es doch ein internationales. Band, welches alle umschließt und dessen Stärke und Widerstandskraft gerade in den Bedrückungen, Ungerechtigkeiten und Verfolgungen liegt, denen die Stammesgenossen in verschiedenen Ländern ausgesetzt sind. Wir verurteilen die russischen Judenverfolgungen auf das Schärfste und empfinden tiefes Mitleid mit den unschuldigen Opfern mittelalterlicher Grausamkeit. Aber der Israelit, wo er auch immer auf der Welt wohnt, fühlt sich davon getroffen bis ins innerste Herz. Für ihn ist die Tatsache, daß in Preußen ein Jude nicht Offizier werden kann, eine Schmach. Umsomehr muß man staunen, daß jüdische Deutsche, Russen, Oesterreicher usw. trotzdem gute Patrioten sind, bereit, ihr Leben für ihr Vaterland iu die Schanze zu schlagen. Dieses starke nationale Empfinden, welches auch durch Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten nicht gemindert wird, ist

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