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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 9 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 133 wirklichung selbst bis auf den heutigen Tag noch der fromme Wunsch ganzer Gegenden geblieben ist. Unter den vielen Kanalisierungs-, Schiffahrts-, Handels-, Fabriks- und anderen Projekten, welche im XVIII. Jahrhundert der ungarischen Regierung unterbreitet wurden und im ungarischen Landesarchiv aufbewahrt werden, rührt ein nicht geringer Teil auch von Juden her, und wer weiß, ob, wenn deren Einreicher zufällig nicht zu der damals gar so gering geschätzten Glaubensgemeinschaft gehört haben würden und man jenseits der Leitha auf die wirtschaftliche Hebung Ungarns weniger eifersüchtig gewesen wäre, unser heutiger volkswirtschaftlicher Zustand gerade durch diese Pläne nicht schon auf einer höheren Stufe stünde. Einige dieser bedeutenderen Projekte wollen wir den Lesern hier vorführen. Im Jahre 1703 wollte der zu Preßburg wohnhafte Jude Simon Michel — mütterlicherseits der Urgroßvater des Dichters Heine — mit dem aus Bösing stammenden Lazar Hirschl und dessen Schwiegersohn Herz Lehmann i n Preßburg ein Bank- und Wechselhaus errichten, und zwar in der inneren Stadt, da sie in der Vorstadt nicht genug sicher wären. Alle drei waren bedeutende Gold- und Silberlieferanten ihrer Zeit. In ihrem Gesuches begründeten sie ihre Bitte damit, daß Ungarn, das jetzt den Türken entrissen „dannoch so lange Jahre hero der rechten mercantil- und Cambial Correspondenz mit denen in Teutsch- und anderen landen gelegenen vornehmen Handlstätten und Plätzen ermangelt hat." Durch das zu gründende Bankhaus käme mehr Geld ins Land, so daß man in Ungarn ebenso leicht Kapitalien aufbringen könnte, wie in Breslau, Prag und anderen Orten. Durch.Wechsel würde das Geld auch leichter kursieren „gestalten man ietzt die gröste gefahr außstehen muß, einiges Gelt in natura hin- und her zu bringen."') Da dem Gesuch nicht willfahrt wurde, so wiederholte Simon Michel, der inzwischen Hofjude wurde und nach Wien übersiedelte, seine Bitte in einem am 26. Juli 1715 an Karl III. eingereichten Majestätsgesuche, worin er auf die vielen Dienste hinwies, die er als Preßburger und Wiener Einwohner dem kaiserlichen und königlichen Hause leistete, daß ihm und seinem Sohne das Privilegium erteilt werde, in der Jnnerstadt Preßburgs eine solche Wechselstube errichten zu dürfen?) In seiner Motivierung führt er jetzt an, daß im ganzen Lande keim solches Bankhaus vorhanden sei und die Stadt eines solchen vornehmlich während der Landtagsperiode bedürfe. Vier Tage später wurde das Gesuch vom König der königlichen Hofkammer überwiesen und obwohl der Monarch den Plan billigte, kam derselbe dennoch nicht zur Ausführung, vermutlich deshalb, weil es des Königs Wunsch war, daß er nicht von Juden verwirklicht werdet und die Stimmung gerade damals den Juden nicht sonderlich günstig war, ebensowenig wie den Protestanten — gegen welche im Jahre 1715 mehrere einschränkende Gesetze geschaffen wurden — und weil man in Oesterreich, zumal damals bestrebt war, Ungarn wirtschaftlich in ein pronvinziales Verhältnis zu bannen und den Kredit darin nicht zur Entfaltung gelangen zu lassen. Simon Michel, der Ungarn schon damals vom Breslauer und Prager Geldmärkte unabhängig machen wollte, litt mit seinem schönen Plane also wieder Schiffbruch. Ein Jahr später wurde er mit seinem obenerwähnten Schwager Lazar Hirschl Verpflegslieferant der Ofener, Komorner und Raaber Festungen und vier Jahre später, im Jahre 1719, schied er aus der Reihe der Lebenden. Um jene Zeit träumte man bei uns zufolge der lebhaften Geldzirkulation und der herrschenden Unternehmungslust von allerlei Flußregulierungsplänen. Unter diesen gab es auch einen ') Ungarisches Landesarchiv. Benignae Besolutiones 12. Mai 1703. Vergl. Kaufmann, Samson Wertheimer, S. 5. a) Kaufmann, Aus Heinrich Heines Ahnensaal, Breslau 1896. *) Ungarisches Landesarchiv. Coneept. Exped. 1715. August Z. 79. ( . . . in cadem [Sßrejjfmrg] civitate intra muros Tabernam Cambsionam erigere mihi lieeat). 4) Marczali, A rnagy. nemzet tört, (Geschichte der ungarischen Nation) VIII. 316. solchen, der von Juden herrührte und deren Realisierung noch heutzutage zu den frommen Wünschen der betreffenden Gegend gehört. In dem I. Bande des im Jahre 1735 unter dem Titel „Notitia Hungariae novae“ erschienenen Werkes des gelehrten Mathias Belius lesen wir Seite 16, daß Juden die Waag schiffbar machen wollten, um auf derselben das Steinsalz in den nördlichen Teil Ungarns verfrachten zu können, aber später diesen Plan aufgeben mußten, obwohl sie zur Realifierung desselben bereits Schritte unternommen hatten. Es stellte fich nämlich heraus, daß diese Sache auf große Schwierigkeiten stoße und jene Schifffahrt ebenso kostspielig wäre, als die Wagen- Verfrachtung, das Risiko aber ungleich größer ist? Diese hochwichtige Mitteilung unseres ernsten und gründlichen Historio-Geographen verdient es schon vom Gesichtspunkte der Geschichte der vaterländischen Juden, auch deren amtlichen Spur in den Akten aus dem XVIII. Jahrhundert nachzugehen, allein in Bezug auf diesen Plan ließ fich im ungarischen Landesarchiv bisher nichts auffinden. Die Forschung nach dieser Richtung hin hatte aber dennoch den Erfolg, daß uns ein Schriftstück in die Hände geriet, aus dem fast mit klarer Gewißheit hervorgeht, von wem und seit wann jener Schiffahrtsplan herrührt. Das Neutraer Komitatsarchiv bewahrt nämlich ein Aktenstück?) welches die ungarische Hofkanzlei am 18. November 1721, an die Neutraer Komitatsverwaltung richtete und in welchem angeordnet wird, daß nach dem Getreide und den sonstigen Lebensmitteln, welche mittelst der von dem Juden S a l a m o n Beer auf dem Marchfluffe eingerichteten Schiffahrt auf- und abwärts befördert werden, keinerlei Abgaben für die betreffenden Grundherren gefordert werden dürfen. Die Hofkammer hatte mit diesem Juden im Jahre 1719 einen Vertrag geschloffen, laut welchem derselbe die Verfrachtung des österreichischen Salzes auf dem Marchfelde nach Schlesien übernahm. Dieser Vertrag wurde wohl schon im Jahre 1723 wieder gelöst, da sich inzwischen ein Olmützer Stadtrat erbötig machte, diese Zufuhr zu übernehmen^); allein im Dezember 1729 schloß die Regierung mit Salomon Beer einen neuen Vertrag, dem zufolge dieser neue Kontrahent fich verpflichtete, sechs Jahre hindurch 120.000 Zentner, oder jährlich 20.000 Zentner Marmaroscher Salz über Komorn nach Schlesien zu befördern. Die Verwertung der brachliegenden Salzbergwerke Siebenbürgens hatte einige Jahre früher ein anderer Jude, der berühmte Samson Wertheimer, der Hoffaktor Leopold I. und Karl III. begonnen?) Ungarisches Salz und Getreide, Wein und andere Exportartikel Ungarns nahmen damals ihren Wasserweg von Pest donauaufwärts bis Nüdszeg und dann auf Frachtwagen umgeladen ihren Landweg einerseits Mer Galantha, Szered, Galgocz, Vaguyhely usw. dem Waagtal entlang, andererseits wieder über Nagy-Szombat, Nadas, Szenicz und Szakolcza dem Auslande zu. Salamon Beer, der den Titel „Eö felsege salsamentariusa“ Salzverschleißer Seiner Majestät, führte?) wohnte um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts in Väg-Szered, einem damals hochwichtigen Handelsplätze, wo fich noch in des Sechziger-Jahren des XIX. Jahrhunderts ein bedeutenden ärarisches Salzlager befand. Hält man nun all das vor Augen, was uns die Akten über Salamon Beer, diesen seinerzeit wohl größten Spediteur Ungarns berichten, so wird aus den seinen enormen Salzexport begleitenden Umständen sofort klar, daß an der Spitze jener Juden, die nach Belius den reißenden Waagfluß schiffbar machen wollten, niemand anderer als Salamon Beer gestanden sein mag, der schon einige Jahre vorher auch auf der March eine regelmäßige Schiffahrt in Fluß gebracht hatte. _ (Schluß folgt.) 4) „Fuere lucripetae Judaei, qui amnem navium patientem reddere voluerunt, ut sal foaailia e Danubio adverao Hümme in aquilonarem Hungariae angulum provehi poaaent.“ *) Sub Jratok (Schriften) XXXXII/10.884. 3) Ungarisches Landesarchiv. Cone. Exp. Juni 1721, Z. 12. 4) Büchler, Jahrb. der Ung. israel. Literaturgesellschaft, 1896, S. 276. ä) Komitatsarchiv zu Neutra. Jratok 111/9^7.

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