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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Serie iöÖ Or. BlocDs Mocvenscbritt. Nr. 9 Wenn Moses Deut. 28, 36; Jer. 16, 13 dem Volke als Strafe für seinen wiederholten Abfall ankündigen, daß es einst unter dem Drucke fremder Völker vor Götzen von Holz und Stein werde niederknien müssen, so haben sie in ihrem göttlichen Geiste die spätesten Ereignisse vorgeschaut. Was aber eine strafende Fügung Gottes ist, ist ein Verhängnis und keine Sünde. Diese Gedankengänge, welche offensichtlich marannischen Traditionen entstammen, sind bei Bodin schwerlich Resultat der Buchgelehrsamkeit oder aus dem Hörensagen geschöpft. Man begegnet bei ihm auch sonst einer Kenntnis intimster jüdischer Gedanken und feiner Züge jüdischen Lebens. So z. B. weiß er genau, daß .die christliche Sonntagsheiligung von der jüdischen Sabbatfeier sich nicht bloß durch den Tag unterscheidet, sondern vollständig wesensverschieden ist. Der Sabbat ist nicht der Tag des Müssigganges, der Zerstreuung und Genußsucht, vielmehr der geistigen Sammlung und Erhebung, der gründlichen Belehrung über jene Wahrheiten, welche in den Geräuschen der Alltagsbeschäftigungen und Alltagssorgen überhört werden. „Glaubet ja nicht," läßt Bodin den Juden Salomo Barkaffus seinen Freunden zurufen, „ich wollte die Christen überreden, daß sie statt des Sonntages den Sabbat erwählen, damit ich diesen heiligsten Tag wie den Sonntag durch unkeusche Tänze, Rausch, Wollust, Jagd, Spiel geschändet sehe. Es ist besser, diesen Tag auf Geschäfte und die Angelegenheiten des Tages zu verwenden, als ihn so zu verletzen." Den Zeitgenossen Bodins, denen das Heptaplomeres noch unbekannt war, fiel es auf, daß er in seinen staatsrechtlichen, nationalökonomischen und historischen Werken so oft neben philosophischen Autoritäten und den heiligen Schriften der Hebräer die Rabbinen zitiert, Mischna, Talmud, Targum, Philo, Moses Maimon, Levi ben Gerson, Leon Hebräus, ibn Esra, selbst den Sohar, niemals aber die Evangelien und Kirchenväter. Der Verdacht jüdischer Gesinnung und Ketzerei wurde gegen ihn rege. Im Heptaplomeres offenbart sich tatsächlich eine schwärmerische Verehrung für das Judentum und sie kommt namentlich in der Zeichnung der Lichtgestalt Salomo Barkaffus' zum Ausdruck, der alle seine Genossen überragt und ihnen Ehrfurcht einflößt. Je mehr ich mich in dieses merkwürdige Buch vertiefte, desto mehr festigte sich auch in mir die Ueberzeugung, daß Jean Bodin einer marannischen Familie entstammt war. Der Umstand, daß Bodin als Knabe dem Orden der Karmeliter war zugeführt worden, ist kein Zeugnis dagegen; abgesehen davon, daß. auch diese Tatsache keineswegs unbestritten ist. Sie stützt sich auf eine Aeußerung des französischen Literarhistorikers Jaques Auguste De Thou (1553—1617), die aber von Menage dementiert wird, welcher versichert, daß Baudri, Advokat im hohen Rat, Großneffe Bodins, ihm mehrere Male erklärt habe: De Thou sei schlecht informiert gewesen. Ein ftanzösischer Gelehrter neuer Zeit, Henri Baudrillard, welcher Jean Bodin ein großes und umfassendes Werk gewidmet hat, (I. Bodin et son temps. Tableau des Theories Politiques et des Idöes Economiques au seizieme siede, Paris 1853) erklärt es denn auch für wahrscheinlich, daß Bodin der Sohn einer jüdischen Familie war. Wien, 23. Februar 1906. Dr. Josef S. Bloch. Jüdische Volkswirtschaftliche Projektanten in Ungarn wahrend des X VIII. Jahrhunderts.^) Von Bernhard Mandl (Budapest). Zu allen Zeiten und überall, wo den Juden auf dem Gebiete der Industrie und des Handels eine nur einigermaßen freie Bewegung gestattet wurde, sind sie ein wichtiger Faktor des volkswirtschaftlichen Aufschwunges geworden. Die Wahrheit *) Aus dem Jahrbuche 1905 der Israelitischen Ungarischen Literaturgesellschaft. dieses Satzes ergibt sich jedem auch aus einer Umschau über die ökonomischen Verhältnisse der gegenwärtigen Staaten. Dort, wo Gesetz und Praxis den Juden in ihrer volkswirtschaftlichen Betätigung keine Hindernisse in Weg legen, entstehen nacheinander von jüdischem Unternehmungsgeist und Kapital errichtete Fabriken und Warenhäuser, denen die Beschäftigung und der Verdienst tausender Arbeiter und Brotsuchender auf die Spur folgt, was wieder, wie der gesteigerte Stoffwechsel den Blutumlauf im menschlichen Körper, die rasche Zirkulation des mobilen Kapitals in der Bevölkerung befördert. Wo hingegen Jahrhunderte hindurch genährtes Vorurteil und konfessioneller Haß die Betätigung der von anerkannten Nationalökonomen „notwendiges Ferment" genannten jüdischen Willenskraft nicht gestatten, oder in enge Schranken zwängen, dort zeigt sich fürwahr nur ein geringer volkswirtschaftlicher Aufschwung. Man vergleiche nach dieser Richtung hin nur die industrielle und merkantile Entfaltung Deutschlands und der österreichischen Sudetenländer mit der diesbezüglichen Stagnation Spaniens und Rußlands und dem darauf zurückzuführenden Elend in den dortigen unteren Volksschichten. Auch in Ungarn läßt sich fast in jedem Jahrhundert die nicht geringe Tätigkeit der Juden auf volkswirtschaftlichem Gebiete Nachweisen, 'welche selbstverständlich demgemäß fluktuierte, wie man ihnen eben einen weiteren oder engeren Raum zu deren Entfaltung zuwies. Und daß auch hier das jüdische Element zur Führerrolle in der Industrie und im Handel gewissermaßen prädestiniert ist, das beweist gerade dessen dominierende Stellung auf diesem Gebiete in Ungarn. Eine objektive Schilderung und gebührende Würdigung der nationalökonomischen Betätigung der ungarischen Juden würde in ihrer neuzeitlichen Geschichte gewiß das interessanteste Kapitel abgeben, denn es könnte uns ad oculos darlegen, daß in dem Maße, in dem die Juden sich an den drei Hauptfaktoren des nationalökonomischen Lebens beteiligten durften, in demselben Maße sich auch der Wert des Bodens, der Naturprodukte und Gewerbsartikel hob, habei aber auch der Arbeitslohn und der Verdienst im allgemeinen in die Höhe ging. Zu kostspieligen Experimenten in der sich so phänomenal entwickelnden Landwirtschaft, zu modernen industriellen Einrichtungen, zu den oft ganze Vermögen gefährdenden Fabriksunternehmungen und zu kühnen merkantilen Kombinationen bekunden vornehmlich Juden Neigung und Verwirklichungskraft. Natürlich liegt es nicht an uns, noch gehört es in den engen Rahmen dieses Artikels, den Motiven nachzugehen, welche im jüdischen Elemente diese Gier wirtschaftlicher Betätigung hervorbringt, oder zu untersuchen, ob diese in der normalen Entwicklung der Nationalökonomie eine gesunde Erscheinung bildet. Die Tatsache läßt sich nicht hinwegleugnen, daß auf ihrer Spur himmelanstrebende rauchende Fabriksschlote, koloffalle Warenniederlagen und weite Entfernungen mit einander verbindende Eisenbahnen und Kanäle, Telegraphen- und Telephonnetze entstehen. Allein diese Projekten- und Unternehmungslust ist nicht bloß der gegenwärtigen, sich frei bewegenden Juden hervorstechender Charakterzug, sie offenbarte sich unter ihnen schon damals, als sie der bürgerlichen Freiheit beraubt nur als tolerierte Kauf- und Gewerbsleute ihr Leben fristen konnten. Schon damals, als sie bei uns von ihren Schutzherren, in deren eigenem wohlverstandenen Interesse, ins Land gerufen und an die Scholle des adeligen Bodens gebunden wurden, begnügten sie sich nicht damit, die auf den Gütern ihres Grundherrn erzeugten Produkte gut zu verwerten, es gab unter ihnen auch damals schon solche Köpfe, in deren Gehirn Unternehmungspläne von landesumfaffender Wichtigkeit entsprangen. Die engen Ghettomauern schränkten wohl die praktische Gedankenwelt der Juden auf einen kleinen Kreis ein, doch kaum ließ die komprimierende Kraft dieser Einschließung nur ein wenig nach, so dehnte sich der Jdeenkreis der nun etwas freier Aufatmenden mit expansiver Wirkung aus, und von ihrem praktischen Gefühl angeeifert, wagten sie es, mit solchen Projekten aufzutreten, in denen wir schon die Keime erst später realisierter großangelegter Unternehmungen entdecken, oder eine solche Idee erblicken, deren Ver-

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