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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-02 · 9 (2.3.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Vlocd's Mocvenscvrm. Seite 131 Ar. 9 Es ist nicht beabsichtigt und es gehört nicht zur Aufgabe dieser Zeilen, auf den reichen Inhalt dieser Gespräche, welche seit je in Kreisen aller christlichen Konfessionen Entsetzen erregt haben, andeutungsweise einzugehen. Nur die auf die Marannen bezüglichen Stellen sollen notiert werden.*) Octavius, der weite Reisen gemacht, der Länder und Völker viele gesehen, ihre Sitten mit feinem Auge beobachtet, erzählt davon mit ebensoviel Phantasie als Eleganz und weiß die religiösen Eigentümlichkeiten der einzelnen Länder mit vielem Geschick zu malen. Auf einer Seereise, bei welcher er eine egyptische Mumie mitführte, hat ein rasender Orkan das Schiff bedroht, die gesamte Schiffsgesellschaft in die schwerste Gefahr gebracht und wiewohl die Mitreisenden ihre letzten Gebete verrichteten, hat der Orkan erst nachgelassen, als die Mumie ins Wasser geworfen war. Die Erzählung findet sich bald im ersten Kapitel und der Erzähler führt uns jeden einzelnen Mitreisenden auf und die Art seines Gebetes in dem Momente der höchsten Not vor. Da rief ein Florentiner die heilige Katharina von Siena, ein anderer die Dame von Loretto, die Meisten St. Nikolas, andere den heiligen Klemens an; einige sangen traurig ein Ave maria stella, die Juden stimmten ihr „Schma" mehrmals an. Und die Alexandrinischen Türken ihr: Eliaohe nabuda: veiache nostinu: alla, alla, alla, illallah ressulala. Ein venetianischer Priester zog ein rundes Reliquienglas mit einer geweihten Hostie aus seinem Busen und kniete davor hin. „Ein Kaufmann aus Marseille" betete: L’ esprit de Dien le mande, souffle tempetueux, Et senile en la mer grande le flot impetueux: Mais si a tel besoing crians ä Dieu lamentent, Subit 11 les met loing des maux qui les tourmentent, Faict au vent de tempeste la fureur apaiser Faict que la mer s’ arreste, fait les oudess cesser. (Ps. 107.) Dieser Kaufmann aus Marseille, der weder nach der Art der Christen betet, noch mit den Mohammedanern Allah anrief und nicht mit den Juden das Schma rezitierte, sondern einen biblischen Psalm in französischer Sprache, kann offenbar nur als einer der jüdischen Marannen gedacht sein. Psalmen zu beten, war unverdächtig und auch in ihrer Heimat für sie ohne Gefahr. So gewöhnten sich allmählich die Nachkommen der Marannen, die prononzierten und charakteristischen Stücke der jüdischen Liturgie durch Psalmen zu ersetzen, die sie auch als Scheinchristen ohne besondere Gefahr öffentlich beten durften. Der Verfasser legt diese Erzählung Octavius in den Mund, der, ein geborener Christ, in Gefangenschaft der Mohammedaner ihr Bekenntnis zum Schein angenommen, um schließlich damit ernst zu machen und seinen neuen Glauben sehr unchristlich zu verteidigen. Im fünften Buche werden die Menschen nach ihrem Verhalten zur Religion in zehn Klassen geteilt. In erster Reihe stehen diejenigen, welche ohne Rücksicht auf jede Gefahr für Gut, Ehre und Leben den einzigen Gott öffentlich und überall bekennen. Zur zweiten Klasse zählen die, welche den ewigen Gott im Stillen anbeten, seinen Dienst im Geheimen verrichten, öffentlich aber eines jeden Kultus sich enthalten. Die dritte Klasse bilden die, welche in Gefangenschaft der Feinde aus Furcht vor Todesstrafe die öffentlichen Kultusstätten der Idole und deren Tempel besuchen, nichts destoweniger aber in dem innersten ihrer Seele den ewigen Gott zum Zeugen anrufen, daß sie ihren Geist von allen Götzendienst fern und rein gehalten haben, harrend eines glücklichen Zufalles der ihnen die Rettung durch die Flucht ermöglicht. Als vierte Gattung werden jene aufgeführt, welche Gelegenheit haben, der Gewalt der Feinde und *) In einem Kreise Wlener jüdischer Intellektueller waren an einem Abend der vorigen Woche die Marannen und ihr Anteil an der Förderung der Kultur und des Fortschrittes Gegenstand eines gelehrten geistreichen Vortrages und einer interessanten Unterhaltung. Als im Laufe des Abends ein Redner auf Jean B o d i n hinwies, den man wohl auch zu ihnen zäblen müßte, erhob ein Jurist durch einen energischen nachdrücklichen Zuruf einen Einspruch. Vorstehend ist das Material zur Beantwortung dieser Frage zusammengestellt. der Lebensgefahr in der Heimat durch Auswanderung sich zu entziehen, aber aus äußerlichen weltlichen Gründen im Lande verbleiben, den öffentlichen Kultus mitmachen; im stillen Gebete aber verehren sie den ewigen Gott und, vor den Statuen hinsinkend, rufen sie ihn zum Zeugen ihrer Reinheit an und bitten den unsterblichen Gott, daß ihnen diese Gewalt nicht als Betrug gerechnet würde. Hier haben wir offenbar eine Klassifikation der verschiedenen Schichten innerhalb der Gesellschaft der Marannen. Von B o d i n erfahren wir auch wichtige Aufschlüsse über die Gedankengänge der Marannen, in welcher Art sie das beunruhigte Gewiffen beschwichtigten und den Zwiespalt lösten zwischen der inneren Gesinnung und dem äußeren Verhalten. Meines Erinnerns ist Bodin der einzige Schriftsteller, der uns diese Aufschlüsse bietet, der Einzige, bei welchem man förmlich eine theologische Rechtfertigung der Marannen und ihres Verhaltens liest. In der Einleitung des fünften Kapitels wird die Frage zur Diskussion gestellt, ob es von rechtschaffenen Menschen zu billigen ist, daß sie öffentlich einer anderen Religion angehören, als zu der sie sich heimlich bekennen? Diese Frage wird eingehend erörtert und es ist begreiflich, daß die christlichen Mitglieder der Gesellschaft, sowohl der Katholik, wie der Lutheraner und der Anhänger Zwingli's, für sie bloß Worte des Tadels und der Verurteilung haben, der Jude Salomo aber, welcher in diesem Kreise eine imponierende und autoritäre Stellung einnimmt und stets das richtige Wort zur Verfügung hat, jeder Aeußerung sich enthält. Offenbar kann er das Verhalten der Marannen nicht einwandfrei finden*), er will aber auch nicht Steine werfen auf die, welche ohne jene Seelengröße und den heroischen Opfermut, um Heimat und Vaterland, die soziale Stellung, alle Güter, die das Leben behaglich und wert machen, alle liebgewordenen Erinnerungen gegen Freiheit und Religion einzutauschen, der sicheren Not die Zwitterstellung vorgezogen, in den tiefen, geheimen Schachten ihres Gemütes aber, dahin das spähende Auge der Häscher der Inquisition nicht dringen konnte, das Vermächtnis der Väter als ein teures Gut bewahrten. Die Verteidigung der Marannen überträgt Bodin dem Octavius aus begreiflichen Gründen; als ihr Wortführer rechtfertigt er ihr Verhalten mit schlagenden Argumenten. Seine Argumente indeß holt er nicht aus dem Koran, welches sein Glaubensbuch ist, auch nicht aus der klassischen Literatur der Griechen und Römer, sondern ausschließlich aus den Quellen der Bibel. Wir haben hier zweifellos die Argumentation, welche in den Kreisen der Marannen landläufig und traditionell war. „Hältst Du, Curtius, Gott für strenger, als irdische Richter?" „Es fällt gewiß einem klugen und religiösen Menschen schwer, vor nichtigen Bildern niederzufallen, sie zu küssen, ihnen Geschenke und Gelübde zu bringen, wenn der Geist des Betenden auch mit dem ewigen Gotte verbunden ist"; allein „nicht jeder kann Weib und Kind, Familienangehörige mit sich nehmen, weite Strecken durchwandern, wie Du e i n V o l k mit wahrer Religion das tun siehst", ut populum vera religione utentem seperias.“ Er beruft sich auf Baruch 4, 6, wo die Exulanten in Babylon ermahnt werden, beim Niederknien vor Götzenbildern im Herzen zu denken: Herr, Du bist es, den man anbeten muß. Auf II. Könige, 5, 18, L, wo der syrische Feldherr Naman, ein Proselyt, vor dem Propheten sich entschuldigt, daß er oft in Begleitung seines Königs genötigt ist, im Rimontempel zu odorieren. Es stand dem Feldherrn frei, Syrien zu verlaßen, in Palästina sich anzuficdeln; dennoch tadelte ihn der Prophet nicht und rief ihm zu: Zieh in Frieden! *) Das Hamburger Gemeindebuch der Portugiesen verfügt, daß „jeder, der als Jude nach Spanien oder Portugal reist und wiederkehrt, zwei Jahre lang nicht zur Sepher Tbora gerufen und auch keiner „Misvo" teilhaftig werden soll". Gleichzeitig wird verordnet, daß in den Synagogen außer für Eltern für keinen im A nslaud Verstorbenen „Kadis" gesagt werden soll. M. Grunwald, Portugiesengräber auf deutscher Erde, 1902, S. 7.

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