Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Um mich war vollkommene Stille. Mein Nachbar, der Pächter, verhielt sich ganz ruhig. Ich wußte nicht, ob er wache oder schlafe. Josl saß schweigend auf seinem mit Stroh aufgestopften Sacke, er rauchte nicht, dudelte nicht, ja nicht einmal die Pferde trieb er an. Nur das Knarren der Wagenräder war hörbar. Und mir war so kalt, so furchtbar kalt. Die Pelze des dicken Pächters zogen mich mit magischer Gewalt an. Ich biß die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Ich wäre imstande gewesen, ihm das weiche Bärenfell vom Leibe zu reißen, doch dazu fehlte mir der Mut, hatte ich zu viel ästhetisches Gefühl. Im nächsten Dorfe stieg der Pächter aus und mit ihm entzog sich mir der Anblick der Kostbarkeiten, der Gegenstand meines Neides. Als der Pächter meinem Gesichtskreis bereits entschwunden war, gereute es mich, ihn nicht um einen seiner Pelze gebeten zu haben, vielleicht, daß er mir gegen Sicherstellung einen geliehen hätte. Zum erstenmale seit meiner Abreise dachte ich daran, daß meine abenteuerliche Fahrt mit einem Unglücksfalle enden könne. Meine Furcht wuchs und nahm eine tragische Gestalt an. Eine kindische Wut erfaßte mich gegen die Herzlosigkeit der Natur. — Ich wurde ganz starr vor Kälte. Die Luft stach wie Nadeln. Unter dem Eindruck dieser Stiche verloren meine Füße die Empfindlichkeit. Vergebens vergrub ich sie ins Stroh, dies gewährte keinen Schutz. Ich litt unsäglich viel. Es war mir, als würden mich eine Reihe scharfer Zähne beißen. Und dazu hatte ich das beklemmende Gefühl des Verlassenseins. Allein mit diesem jüdischen Kutscher, der zusammengekauert und stumm auf seinem Platze saß. Er empfand wahrscheinlich auch den Grimm der Zeit, denn über seine Mütze hatte er noch einen Lappen gebunden und gewickelt. Die apathisch dasitzende Gestalt mit dem sonderbaren Kopfputz stach in scharfen Konturen vom Himmelszelt ab, sie erschien mir fremd, phantastisch und erschreckend. In meiner Herzensangst begann ich die Minuten zu zählen, doch ich irrte mich und ich begann zu träumen. Um jedoch meine Gedanken wach zu erhalten, sagte ich mir Verse von der Aeneis halblaut vor. Doch Traum und Wirklichkeit stoßen so ineinander, daß ich unfähig wurde, etwas zu unterscheiden. Und ich schlief ein. — — Ich sehe nichts, höre nichts, empfinde nichts, — — Ich erwache. — — — — — — — — Ohne Uebergang, in einem Augenblicke erwachte ich, und doch glaubte ich zu träumen, zu schlafen. Die Wirklichkeit war so süß, so angenehm. Ich glaubte, es umgaukeln mich holde Träume. Ich frierte nicht mehr, eine wohlige Wärme durchströmte meinen Körper. Ich hatte das Gefühl eines Menschen, der nach einem tobenden Sturm am Meere endlich festen Boden unter seinen Füßen fühlt. Welch ein Wunder bewirkte dies alles? Neugierig blickte ich um mich. Es war so hell, daß ich alle Gegenstände genau unterscheiden konnte. Der Mond mit seinem Silberlichte übergoß die Erde. Der Wagen rollte noch immer weiter. Josl saß nicht mehr auf dem Bocke. Er lief neben dem Wagen einher. Seine nägelbeschlagenen Stiefel klopften auf dem festgefrornen Boden. Er bewegte fortwährend seine Arme, von Zeit zu Zeit sich in die Hände blasend. Josl hatte jetzt nur einen kurzen Rock auf dem Leibe. Wohin war sein langer, warmer Kaftan (aus besten Risten das Hasenfell durchblickte) geraten? Endlich wandte ich meine Aufmerksamkeit meiner eigenen Person zu. Ich saß nicht mehr in der Ecke des Wagens, sondern lag ganz gemächlich auf einem Bund Stroh. Eine warme, weiche Decke lag über mich gebreitet. Ich hätte gerne gejauchzt, gejubelt, die Freude am Leben, alle Wonnen des wiedergefundenen Lebens erfüllten mich. Mit offenen Augen träumte ich, von Sternen, die nie erlöschen, von Welten, die voll Licht, ohne Schatten find, von Sette 125 dem Hohelied der Freundschaft, der Verbrüderung, der allumfassenden Menschenliebe. Die ausgehende Sonne übergoß die Erde mit ihrem Purpurschein und ich hörte den Wiederhall der Pflastersteine unter den Rädern. Ich war zu Hause. Flink, munter erhob ich mich und da fiel sie von mir die schützende Decke, es war der zerrissene, der schmutzige Kaftan Josls. Schir Mo«. Gesänge für den israelitischen Gottesdienst von Salomon Sulzer» revidiert und neu herausgegeben von Joseph Sulzer. Besprochen von Oberkantor Profeffor Adolf Lazarus. Das kostbare Vermächtnis des unvergeßlichen Meistersangers und Reformators unserer Synagogalmusik ist in neuer, sorgfältig redigierter Ausgabe erschienen. Zur innigen Freude, die wir beim Anblick der vornehm ausgestatteten neuen Edition empfanden, gesellte sich das leise Bedenken, der Herausgeber hätte möglicherweise der Verlockung nicht widerstehen können, an den herrlichen Gesängen Salomon S u l z e r s modernisierende Veränderungen vorzunehmen. Bei genauer, vergleichender Durchsicht des Werkes gewannen wir jedoch die beruhigende Ueberzeugung, daß die unvergänglichen Schöpfungen des Altmeisters auch in der neuen Ausgabe in ihrer ursprünglichen, erhabenen Schönheit prangen. Es wäre aber auch seltsam, wenn Joseph Sulzer als hervorragendes Mitglied weltberühmter musikalischer Korporationen. (Hofopernorchester, Philharmoniker, Quartett Hcllmesberger), welche die Unantastbarkeit der Meisterwerke als wichtigstes künstlerisches Gebot betrachten, letzteres gerade dem geliebten und bewunderten Vater gegenüber außeracht hätte lassen können Und diese liebende Bewunderung für den verewigten Vater — wie rührend gelangt sie in der Vorrede zum Ausdruck! Der betreffende Passus lautet: „Ich nehme nun Abschied von einer vieljährigen Arbeit, die mir überaus genußreiche, aber auch wehmütige Stunden bereitet hat, in denen ich den unvergeßlichen Vater mir nahe fühlte und aus jeder der tausenden von Noten den unbeschreiblichen Wohllaut seiner Stimme und seine nnvergleichliche, berückende Vortragskunst zu vernehmen glaubte." Eine weitere Stelle im Vorworte enthält folgende, ebenfalls die pietätvolle Gesinnung des Herausgebers kennzeichnende Aeußerung: „Ich bin mir bewußt, die neue Ausgabe des Werkes Schir Zion, voll und ganz den mir unantastbaren Absichten meines unvergeßlichen Vaters entsprechend, bewerkstelligt zu haben; nur in einer Hinsicht glaubte ich ein wenig eigenmächtig sein zu dürfen. Der Meister versah nämlich gleich einem Forstmanne, der die zu fällenden Bäume durch Einschnitte markiert, eine Anzahl von Gesängen, namentlich aus dem I. Teil, mit der Bleistiftnotiz „Weg!" und ordnete an, daß dieselben in der neuen Ausgabe nicht veröffentlicht werden sollen Ich habe mir jedoch, und zwar aus historischen Gründen, erlaubt, dieser Anordnung, welche der meinem Vater in seltenem Maße eigen gewesenen strengen Selbstkritik entsprang, nur teilweise zu entsprechen und gleichwohl einen großen Teil der zum Ausscheiden bestimmt gewesenen Kompositionen der neuen Ausgabe in einem Anhänge beizugeben." Selbstverständlich ist die neue Edition kein unveränderter Abdruck der alten. Sie wäre ja gegenstandslos, wenn sie nicht jene Verbesserungen enthalten würde, welche Salomon Sulzer auf Grund seiner musikalisch-theoretischen Vervollkommnung, die er, wie dies ja auch beim größten Meister der Fall ist, zeitlebens erstrebte, hie und da vorzunehmen für gut fand. Ueber den Umfang dieser redigierenden Maßnahmen gibt die Vorrede folgenden Aufschluß: „In erster Linie wurden die beiden Teile des Werkes, zwischen deren Veröffentlichung ein Zeitraum von 27 Jahren lag, den Intentionen meines verewigten Vaters gemäß zu einem Ganzen vereinigt, wodurch das unbequeme Zurückgreifen vom II. nach dem I. Teile entfällt. Zu diesem Behufe mußten die im I. Teile notierten alten Schlüssel durch die neuen ersetzt werden, was auch das Studium des Werkes wesentlich erleichtert. Ferner wurde bei einer Reihe von Gesängen des I. Teiles zugunsten der richtigeren Betonung der hebräischen Textsilben manches verbeffert, wobei mündliche Anweisung des Meisters, sowie dessen Werke Schir Zion U. Teil, und „Dudoi m" als Richtschnur dienten. Auch wurde einer Anzahl von Rezitativen und Gesängen eine Orgelbegleitung beigefügt, um Gemeinden, in welchen die Orgel eingeführt ist, zu entsprechen und außerdem ein Hilfsmittel beim Studium zu bieten. Einige Kompositionen, ursprünglich dreistimmig gesetzt, um den II. Kantor, der bei der damaligen dürftigen Besetzung des Chores zugleich als Tenorist fungieren mußte, Ruhepausen zu gönnen, wurden mit einer vierten Stimme versehen, manchen Festgesängen mit Rücksicht auf die diesbezügliche Einführung in den Wiener Synagogen eine Harfenbegleitung beigegeben. Auch wurden die Trauerpsalmen. ursprünglich für gemischten Chor gesetzt, für Männerchor bearbeitet, nachdem die Sängerknaben (infolge der Schulpflicht) bei Begräbniffen seit Jahren nicht mehr in Aktion treten können. Ferner Dr. Dlocb's TKlocbenscbrtTt