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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-23 · 8 (23.2.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 124 Dr aßiocb ö Mlocbenscvrttr. Nr. 8 jüdischen Gesetzgebung, die bestrebt war, einen kräftigen jüdischen Bauernstand zu schaffen, die Verarmung kleiner Grundbesitzer zu verhüten und der Anhäufung großer Bodenbesitztümer in einer Hand zu steuern. Der lange und harte Widerstand, den die Juden der großen römischen Armee entgegensetzten, erklärt sich, abgesehen vom religiösen Momente, aus den gesunden volkswirtschaftlichen Verhältnissen, in denen sie lebten. Reichlicher Beifall lohnte die trefflichen Ausführungen des Vortragenden. — Am 12. d. M. hielt der Verein seine Generalversammlung ab. Dem Jahresberichte entnehmen wir, daß im Laufe des verflossenen Jahres 8 Vorträge gehalten wurden. Der Verein zählt 120 Mitglieder und besitzt eine Bibliothek, die jährlich vergrößert wird. Berlin. Wie der „Generalanzeiger" mitteilt, fand am 31. Jänner in Ostende eine Besprechung statt, an der u. a. die Herren Dr. Mandelstamm-Kiew, Rechtsanwalt Jasinowski- Warschau, Dr. Klee-Berlin, Rechtsanwalt Salaman-London teilnahmen und in welcher Zangwill über seine politische Tätigkeit berichtete. GlogNU. Dr. Lucas, welcher hier seit 6 Jahren amtiert, ist zum Rabbiner der Synagogengemeinde in Magdeburg durch einstimmigen Beschluß der dortigen Vertretungs-Körperschaften berufen worden. Warschau. Am 27. Februar findet vor dem Warschauer Kreisgericht der Prozeß gegen Nachum Sokolow, den bekannten Herausgeber der hebräischen Tageszeitung „Hazefirah", statt. Sokolow wird angeklagt, „das rote Lachen" von Leon Andrejew ins hebräische übersetzt und in seinem Blatte veröffentlicht zu haben. Feuilleton. Der Kafta«. Aus dem Ungarischen von S. S i l e n s k i. Bis Jablon gings prächtig. Die Sonne schien wunderbar. Die Pferde trabten erträglich. Die Passagiere, die sich im engen Wagen zusammendrängten, hatten Pelze an und rauchten. Die Gesellschaft war gut gelaunt, es wurden Anekdoten erzählt und gelacht. Den Löwenanteil an der Unterhaltung hatte ein kleiner, spitzbärtiger Mann, der durch seine etwas auffallende Kleidung meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war in einen großen Pelz aus Schaffellen gehüllt, die Füße stacken in roten glänzenden Stiefeln, und auf dem Kopfe saß stutzermäßig ein grauer Hut. Er redete mich, ich weiß nicht die Ursache, als Kollege an, denn seine gesellschaftliche Stellung war mir unklar. Ich war zu dieser Zeit fünfzehn Jahre alt und ging in Warschau in die Schule. Dies waren meine ersten Ferien und ich reiste jetzt zum erstenmale allein, ohne jegliche Begleitung. Der Gedanke, daß ich in einigen Stunden meine Eltern, meine Geschwister, die bekannten Straßen und Wege meines Heimatsortes sehen werde, erfaßte mich fieberartig. Es ftor mich nicht, trotzdem mein alleiniger Schutz gegen die Kälte ein leichter Mantel, ein Wolltuch und Gummischuhe waren. Ich hätte dieselbe Reise in einen prächtigen Pelz gehüllt machen können, allein einen Tag später. Ein Opfer, das ich nicht imstande war, meiner jugendlichen Ungeduld zu bringen. Und deshalb ging ich zu dem jüdischen Besitzer eines Gesellschaftswagens, um mit ihm die Reisebedingungen zu besprechen. Ich wurde mit Josl bald Handeleins, trotzdem mir der enge, schmutzige Wagen, die vielen Gepäcksstücke, ja selbst die Mitreisenden eine Art Grauen einflößten. Ich gestehe, daß es mich Ueberwindung kostete, meinen Sitz im Wagen einzunehmen. Alle meine vornehmen Neigungen, meine Lebensgewohnheiten standen im Widerspruch mit dieser meiner Handlungsweise. Es war für mich, dem ästhetischen Jüngling, der für schöne Formen, für äußere Effekte schwärmte, ein schwerer Kampf. Doch am peinlichsten wurde mir der Anblick des Kutschers, der dem Stamme angehörte, dem ich meine vollste Verachtung entgegenbrachte. Der struppige Kopf Josls, sein fettglänzender, schmutziger Kaftan sprachen allen Gesetzen der Aesthetik Hohn. Von Warschau bis Jablon legten wir den Weg ohne Störung zurück. Die Kälte war sehr groß, allein die Pelze, deren Anblick ich hatte, wirkten auch auf mich einigermaßen erwärmend. In Jablon wurde Rast gemacht. Ich saß, mit meinem Geschick nun ausgesöhnt, im warmen Wirtszimmer, als die Tür langsam geöffnet wurde und Josls Gestalt sichtbar wurde. Demütig blieb er bei der Türe stehen, immer wieder murmelnd: „Kalt ists, bitter kalt". Mit scheuer Zurückhaltung blickte er von einem zum andern, und in seinen Mienen war das Begehren nach einem warmen Trünke. Doch keiner von meinen Mitreisenden, die sich selbst gütlich taten, verstanden seine stumme Bitte. Ich selbst wandte mich zum Fenster, um ihn nur nicht sehen zu müssen. Der Wirt, der ihn erst später gewahr wurde, wies ihn barsch hinaus, da er „für Juden keinen Platz habe". Nach einer einstündigen Rast saß ich wieder im Wagen. Der Wind, der uns bisher in den Rücken blies, griff uns jetzt von der Seite an. Im Sommer begrüßen wir einen solchen Wind mit Freuden und nennen ihn Zephyros. Doch in dieser fürchterlichen Kälte war die Berührung dieses Zephyros wie glühendes Eisen. Meine Reisegefährten zogen die Köpfe in ihre Pelze. Der Kragen meines dünnen Mantels reichte kaum so weit, daß ich ihn bis zu den Ohren ziehen konnte. Auch war es im Wagen nicht mehr so warm wie zuvor. Ein Teil der Reisenden war abgestiegen und so entstanden Lücken. Die Sonne war im Niedersteigen, die Kälte nahm immer mehr zu, der Wagen wurde von den müden Pferden kaum weitergezogen. — Endlich gelangten wir nach Zegovitcz, wo wieder Halt gemacht wurde. Ich ließ mir dort ein Glas warmes Wasser geben, das den Namen Tee hatte und nach Heu roch. Die Wirtsstube war so dumpf, daß ich vorzog, ins Freie zu gehen, doch bald kehrte ich dorthin zurück, denn Josl erschreckte mich durch ein: „Herrchen, Josl möchte ein Glas Branntwein." „Ich bitte die Herrschaften einzusteigen", hörten wir ihn alsbald rufen. . . Bei jeder Haltestelle verringerte sich die Anzahl der Passagiere, so daß wir jetzt nur mehr vier Personen im Wagen saßen. Wir kamen über eine Brücke, dort nahm Josl zwei Juden zu sich auf den Bock. Mein Nachbar, der mich beharrlich mit „Kollege" ansprach, begann die still dasitzenden Juden zu schmähen, allein diese schienen an derartige Dinge gewöhnt zu sein, oder sie waren empfindungslos. Allmälig wurde es ganz finster. Mit kaltem Schein sahen die Sterne auf die festgeftorene Erde. Und das Ziel meiner Reise war noch weit. In Siroerk gingen wir wieder in das nächstgelegene Wirtshaus, dessen Inhaber mich von früher her kannte und der erstaunt war, mich, das verwöhnte Muttersöhnchen, unter solchen Umständen reisen zu sehen. Hier ging es stiller zu. Meine Mitreisenden hatten mich, bis auf einen dicken Pächter, verlassen, der sichs auf zusammengerückten Stühlen bequem gemacht hatte und schlief. Auch ich war eingeschlummert und ich träumte, ich liege in meinem Bette, weich, warm. Das laute Knarren der Türe, der scharfe Luftzug, der durch dieselbe hereindrang, erweckte mich. Unser Kutscher erschien, der uns zur Weiterfahrt aufforderte. Eine unendliche Traurigkeit überkam mich. Eine Mutlosigkeit, eine bange Furcht machte mein Herz erbeben. O wie gerne hätte ich Josl und dem Pächter, der schon erwacht war, zugerufen: „Nehmt mir alles, was ich besitze, nur schlafen will ich, dort draußen ists kalt, finster, und ich gehe nicht mit euch". Allein dieser Protest meiner abgespannten Nerven machte sich nur in einem lauten Gähnen kund, und nach einigen Minuten saß ich schon wieder im Wagen. Es mochte ungefähr drei oder vier Uhr morgens sein. Die Sterne hatten ihren Schein verloren, doch wurde es heller, denn der Mond stieg auf.

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