Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Dlocb s MocbenscdrM. Seite 117 mitgeteilten Satzungen der Sadduzäer analog war, die auch Gegner der Pharisäer waren, und glaubte er gewiß, wie einige seiner späteren Anhänger in ihrer krassen Unkenntnis der Geschichte, daß diese Schriften auch von Sadduzäern herrühren müßten. Was er daran änderte oder anders begründen wollte, zeigt nur seine unglückliche derbe Hand und offenbart seine Ignoranz. Er wollte vieles in den alten Schriften der Juden des Nordens befindliche, das sie im Laufe der Zeit, den geänderten Bedürfnissen und Verhältnissen Rechnung tragend, größtenteils selbst verlassen hatten, wie sie überhaupt den alten Standpunkt in vielen Hinsichten änderten, wieder reaktivieren und richtete hiebei ein Chaos an; so z. B. bei Reaktivierung des alten Kalenders wollte er ohne Einschaltungen sich an den Stand der Ernte im Frühjahrsanfange halten, und dabei auch dem Islam gerecht werden nach seiner Art den Monatsanfang ohne Rechnungsregeln mit dem Erscheinen des Neumondes zu begehen. Seine Derbheit zeigt er z. B. bei der Begründungsänderung des Coitusverbotes am Samstag. (Vergl. Jubiläen 80, 10 und Jbn-Esra Exodus 34, 21.) Sein Idiotismus tritt besonders zu Tage bei der Auffassung und Mißdeutung der Bibelstelle und Jubiläen 6, 10 ff, 7, 43 f in seiner Behauptung, daß das Blut die Seele bilde *) (Saadia, Emunoth Wedeoth Kap. 6) gleichzeitig aber an einer Metampsychose glaubte. Charakteristisch ist noch für seine Opportunitätshascherei wie für seine Konfusion, daß er auch die Messianiät der Begründer beider herrschenden Religionen, nämlich des Christentums und des Islams, anerkannte (Makrizi. ibid.). Dieses Urteil kann man sich über ihn schon aus Anführungen seiner Ansichten bei verschiedenen Autoren bilden, da von ihm sonst nichts als Bruchstücke eines Gesetzbuches in einem Kauderwälsch-Aramäisch noch vorhanden sind, und läßt sich aus solchen lückenhaft zusammengestellten Zitaten entnehmen, daß er sich bei allem von dem blinden Hasse gegen Talmud und Rabbinismus leiten ließ, viele seiner Aenderungen aber oft nur Verschlechterungen des Bestehenden bedeuten. Nichtsdestoweniger fand er Anhänger in genügender Zahl, die sich wie stets in solchen Fällen aus Unzufriedenen rekrutierten, welche einen enragierten Kampf gegen den Rabbinismus fortsetzten, und dies einzig und allein als ihre Lebensaufgabe betrachteten, bis auch wirklich anfangs des IX. Jahrhunderts ein offenes Schisma eintrat (worüber in den folgenden Artikeln ausführlich). Je mehr dieser Kampf ausartete, wendeten sich die anderen sonst auch für die von altersher bei ihnen vererbte freie Forschung und Denkungsart das Wort führenden besseren Elemente mit Abscheu von den Ananiten ab und gingen ganz im talmudischen Judentum auf; während die Ananiten jedesmal mehr und heftiger gegen dieses auftraten und kämpften, machten sie sich in Ermangelung einer eigenen Literatur über die der Bene Mikre her, um sie als Rüstkammer für ihre Angriffe zu benützen, und da sie im Kampfe in den Mitteln nicht wählerisch waren, fälschten sie solche und legten sich später sogar ihren Namen bei, wodurch sie alles in Mißkredit setzten. Möglich setzte sich ein Teil der Anhänger Anans aus Ueberläufern von den Bene Mikre zusammen und glaubten diese mit Fug und Recht, den Titel „Karaim" oder „Bene Mikre" weiterzuführen, wie auch die Literatur derselben als ihre eigene auszugeben. Die Trübung der wahren Vorgänge ermöglichte ihnen später, sich sogar mit den Bene Mikre zu identifizieren und alle hervorragenden Männer derselben aus früherer Zeit für sich zu reklamieren; ebenso fälschten sie die Geschichte für Fernerstehende, um die Verdienste der Juden des Nordens in Förderung der hebräischen Sprache und aller Wissenszweige, sowie ihr mannhaftes Eintreten stets für die Denkfreiheit und philosophische Erkenntnis auf ihr Konto zu setzen. Die Folge dieses ausartenden Streites war, daß eine reine Scheidung zwischen diesen gährenden, verschiedenen Richtungen angehörenden Elementen sich vollzogen hatte. Der größte Teil der Juden des Nordens hat im IX. und X. Jahrhundert die schwankende Haltung und die teilweise bei jeder Gelegenheit wieder zum Vorschein kommende Opposition gegen vieles im Rabbinismus aufgegebeu und schwenkte ganz in das Lager desselben ab. zu dessen Fahne sich offen und entschieden bekennend, wie wir dies in den nächstfolgenden Artikeln zeigen werden; dagegen hat sich nur ein geringer Teil zu den Ananiten geschlagen. Ein kleiner Teil dieser alteingewanderten Juden im hohen Norden hielt noch später fest an der Bibel, ohne die mündliche Lehre zu kennen, wie dies noch der Reisende Petachia und Maimuni (Ozar Nechmad II, 3 ff.) im XII. Jahrhundert bestätigen, und sind die Ueberreste in der Krim Nachkommen dieser Juden, die sich gewiß durch ananitische Agitatoren und Charlatane später verleiten ließen, anzunehmen und zu glauben, daß ihre Lehre mit der Anans kongruent oder sogar identisch sei, bis mit der Zeit sich die Ueberreste beider Richtungen verquickten. So endete eine heilversprechende Strömung innerhalb des Judentums, die weit über tausend Jahre währte und nicht etwa wie ein stiller Weiler stagnierte, sondern wie ein Strom aus weiter Ferne, einer reinen Quelle entsprungen, in seinem Laufe mehrere Ressourcen i) Zu diesem Irrtum ist er gewiß auf diese Weise gekommen. Die Bene Hadani gebrauchten das Wort „Nefesch" wie in den biblischen Schriften in der Bedeutung als menschlicher Leib, wie ich dies später gelegentlich Nachweisen werde, während ihm dieser Ausdruck aus dem Talmud und späterer Zeit nur für Seele bekannt war, darum entstand bei ihm diese Verwechslung oder Identifizierung, was jedenfalls seine Verworrenheit bezeugt. aufnehmend, sich mächtig entwickelte, in der Geschichte der Juden weite kräftige Welleuringe werfend, deren Spuren unverwischbar sind. Wer weiß, was für wohltätige Folgen und segensreiche Wirkungen diese Strömung noch nach sich gezogen hätte, wenn nicht ein Eharlatan wie Anan und seine pygmäeubaften, aber desto geräuschvoller und marktschreierischer auftretenden Nachfolger, größtenteils nur winore3 geutes, die nichts lernten und nichts kannten, nur mit Kot herumwarfen, sich dieser Strömung bemächtigten, um solche für ihre Zwecke zu mißbrauchen, die sie zugleich mißkreditierten und herabwürdigten. S. Spinner. vom ZAbrmarkrt des Lebens. Heinrich Heine. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie, daß ich den von Herrn Professor Dr. M. G r ü n f e l d in seiner schönen Arbeit „Heinrich Heine und die jüdische Literatur" unter Anderem angeführten Anachronismen und Verwechslungen in Heine's Schriften, einen Fehler anfüge, welcher dem Dichter in seinem Romanzero (Jehuda ben Halevy, Fragment; IV) unterlaufen. Zu dem Tode Simri (Nr. 25, 14) bemerkbar: „Aber mündlich überliefert Hat im Volke sich die Sage, Daß es nicht der Simri war. Den des Piuhas Speer getroffen. Sondern daß der Blinderzürnte, Statt des Sünders, unversehens Einen ganz Unschuldigen traf, Den Schlemihl ben Zwi Schadday." Die Ueberlieferung ist hier falsch wiedergegeben. Nach Talmud Tr. Sanhedrin 82 b war der von Pinchas erschlagene Simri der Träger von 5 Namen, Simri, ben Salu, Schaul, ben Haknanit und Sch'lumiel ben Zwischadaj (nach Bamidbar Rabbah Absch. 21 hatte er nur 3 Namen), demnach waren Simri, Schaul und Schlumiel identisch. Die von der Aggadah hergestellte Identität beruht auf den Umstand, daß Simri und Sch'lumiel Stammessürsten von Simeon waren, während Schaul ben Haknanit Gen. 46,10 und Ex. 6,15 als Sohn Simeons angeführt wird, nach der Ueberlieferung aber (Gen. rabb. Absch. 80 zum Schlüsse) der Sohn seiner von ihm geheirateten Schwester Dinah nur durch die Unmoral gewissermaßen ein Venanite war. Heine stempelt den Schlumiel zum Schlemihl I, weil er einem Justizmorde zum Opfer gefallen, nach der Tradition ist er aber mit Simri identisch. K a n i tz, den 19. Februar 1906. Hochachtend Rabbiner Dr. F l e s ch. Bon den Borfahren der Prinzessin von Battenberg. Von der Braut des Königs von Spanien erzählt das spanische Blatt „El Siglo Futuro", sie zähle unter ihren Vorfahren eine Jüdin niedriger Herkunft. „Im Jahre 1776 befand sich die Laudgräfin Karoline von Hessen am Hofe der Kaiserin Katharina II.; es sollte damals unter ihren Töchtern eine Brautschau für den Zarewitsch stattsinden. Im Gefolge der Laudgräfin befand sich auch eine Elsässerm, die familiär mit dem Namen Kettel bezeichnet wurde und von der sonst kein Name bekannt ist. Diese heiratete einen Offizier namens Hauke, den Sohn eines deutschen Juden. Dieser Hauke war in den Dienst Katharinas getreten, um in Wolhynien den Posten eines Wojewoden zu erhalten und trat zum Lutheranismus über. Eine Enkelin Haukes und Kettels, Julie Therese, heiratete morganatisch den Prinzen Alexander von Hessen, und die dieser morganatischen Ehe entsproffenen Kinder erhielten den Namen Prinzen und Prinzessinuen von Battenberg, nach dem in der Marburger Gegend liegenden Städtchen dieses Namens. Als der Prinz Heinrich von Battenberg die jüngste und Lieblingstochter der Kaiserin Viktoria im Jahre 1885 heiratete, erhielt von englischer Seite der Bräutigam den Titel Königliche Hoheit, der aber außerhalb Englands nicht anerkannt winde." Die Prinzessin Ena hat unter ihren jüngeren Vorfahren einen deutschen Prediger. Wie schon gesagt, war Prinz Heinrich von Battenberg ein Sohn des Prinzen Alexander von Hessen-Darmstadt aus dessen morganatischen Ehe mit der Gräfin Julie von Hauke. Der Vater nun dieser Dame, Graf Moritz v. Hauke, wurde als russischer Keneraladjutant und polnischer Kriegsminister 1830 von den aufrührerischen Truppen ermordet. Er war 1825 in den polnischen Adel ausgenommen