Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021664--15186-3039938
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 108 Dr. Dlocb's MocbenscvrLN. Nr. 7 Es schmerzt ihm das Herzchen, entzwei bricht es schier. Er schaut auf die Früchte und schaut dann zu mir. Mein Kindel, ich weiß, was Du willst, was Dir fehlt. Doch nein! Nicht für uns sind die Fruchte der Welt. So gehen wir weiter, mein Züngele klein Sieht wieder ein Fenster, das voll Spielerein. Mit Kinder-Begehren steht er vor dem Tand, Blickt fragend dann zu mir, ob ich ihn verstand. Er plaudert, er plappert, er weint und er lacht Und bat mich ganz sachte ans Fenster gebracht. Ein Stück um das andre erregt ihm das Herz, Ich stehe daneben in bitterstem Schmerz Und seh auf mein Kindel, das härmt sich und quält. — Doch nein' Nicht für uns sind die Spiele der Welt. Jetzt Hab' ich aus meinem Kummer heraus Geschworen: ich geh mit dem Kind nicht mehr aus! Er bittet und jammert und will mit mir sein. Es bricht mir das Herz, doch ich sage ihm nein. Ich sage ihm nein, und ich fühl', ich vergeh. Ein Kindchen, das leidet, kein schlimmeres Weh. Und gar erst mein Jüngel, wie tut es mir an, Wenn 's jammert und weint und ich 's trösten nicht kann. Und doch, muß die Stimme erstickt von Gewein, Ich sage ihm: schweige und sage ihm: nein. — So durchaus subjektiv Rosenfeld in diesen Gedichten erscheint, aus jedem einzelnen Stücke klingt es wie ein Chorus Derer, die Aehnliches gefühlt und erduldet haben. Dieses echt jüdische Solidaritätsgefühl spricht sich noch viel stärker aus in den eigentlichen Ghetto-Liedern, in der brennenden Ausmalung der Leiden Verbannter, in der Fremde umherirrender, ruhelos von Ort zu Ort getriebener Juden. In dem Gedichte „Die Landstreicher" erhält man solch ein farbiges Gemälde. Unverschuldetes, menschliches Unglück steht auf der einen Seite des Bildes, bewußte, unmenschliche Grausamkeit hüllt sich auf der anderen Seite in den Mantel des geschriebenen Rechtes; im Namen der Gerechtigkeit trennt der Richter Eltern und Kinder, und wenngleich ein Mutterherz darob bricht; das Gesetz der Unmenschlichkeit siegt! Zu imposanter Krastentfaltung aber rafft der Dichter sich empor, wenn er im „Sturm" die Majestät der Elemente schildert. Ein Schiff mit Auswanderern, die das freie und humane Amerika nach Europa zurücksendet — „Wir sind ja nur Juden und haben kein Geld" — wird unterwegs vom Sturme überrascht. An Schiller muß man denken, wenn Morris Rosenfeld beginnt: Der höllische Sturm rast über's Meer. Hoibo! Wie er nach Beute lechzt! Ein Schiff! Drauf los! Doch das setzt sich zur Wehr, Es biegt sich und bäumt sich und stöhnt und ächzt. Es krachen die Masten, wild flattern die Segel. -Jetzt fliegt es vorbei an dem tätlichen Riff — — Sie kämpfen und streiten und rauf.n und ringen Ans Leben und Tod, der Sturm und das Schiff. Jetzt muß es sich ducken, jetzt muß es sich stellen, Jetzt treibt es zurück, jetzt treibt es voraus, Jetzt ist es nur noch ein Spielzeug der Wellen, Die Wasser verschlingcn's und speien es ans. Es braust die See. auffliegen die Woge», Es dampft und kocht und siedet der Grund, Blut will der höllische Sturm, der Mörder, Ein grausiger Abgrund reißt auf seinen Schlund. Und da sitzen im Zwischendeck zwei Männer, ruhig und stumm, sie schauen dem Tode furchtlos ins Auge. Für sie hat die Erde kein Fleckchen mehr frei. Amerika treibt sie nach Rußland zurück. „Mag's stürmen und stürzen um uns her. Wir sind verlorene, verlassene Juden. Unsere brennende Wunde löscht nur das Meer." Und nach diesen düsteren Gesängen noch eine letzte Probe, die zwar nicht auf einen fröhlicheren aber auf einen stolzeren Ton gestimmt ist, einen Ton, der in Ihren Herzen und in dem Herzen eines Jeden, der zum jüdischen Volke sich zählt, tiefen Wiederhall wecken muß. Dieses Gedicht, das mit zu den schönsten Rosenfelds gehört, heißt: Juda. Nein, nein, ich mag kein Gnadenleben Mir feig erbetteln im fremden Land. Noch schlingt um mich und meine Heimat Sich wunderstark der Liebe Band. Noch leuchten auf die müden Augen. Denk' ich des Glücks vergang'ner Zeit: Aus jeder Scholle sog ich Frieden, Ich wußte nichts von Haß und Neid. Ich kannte nicht das grause Elend, Nicht hat die Not nach mi.r gezielt, — Am sonnigen, lachenden Jordansufer Hab' ich gesungen, gejauchzt, gespielt. Ich hütete friedlich meine Schafe, — — Viel Träume zogen durchs fromme Gemüt- Jeruschalajims schönste Blume Hat lieblich neben mir geblüht. Noch schlägt mein Herz in stolzen Schlägen. Denk' ich des Glücks vergang'ner Zeit: Mir ist, ich hör' die Toten reden Von ferne her, so weit, so weit .... Vertraute Stimmen hör' ich wieder Und hör' sie rufen: Komm zurück!- Da glimmt, da flammt empor im Herzen Die Hoffnung auf ein neues Glück: Sieh! Saron blüht, es grünt der Karmel, Vom Libanon grüßt junger Schnee; Durch weiche Lüfte ziehen Lieder Und alles lebt, so. schön wie je. So träum' ich ... . Träumet Nein ich schwör' es: So lang mein Arm sich rühren kann, Nehm' ich von dem, der mich verachtet, Auch nicht das kleinste Plätzchen an. Nein, nein, ich mag kein Gnadenleben Mir feig erbetteln im fremden Land; Noch schlingt um mich und meine Heimat Sich wunderstark der Liebe Band. Was an den Liedern Rosenfelds am schönsten und bezwingendsten ist, das ist der rauschende schmerzgetragene Rhythmus,'- das düstere königliche Pathos der Verse neben einer oft rührend kindlichen Unbeholfenheit des Ausdrucks. Die Uebersetzung konnte das natürlich nur unvollkommen wiedergeben, im Original selbst ist manches viel einfacher und größer und die Wirkung noch intensiver, aber auch so empfängt man viel und genug des Schönen. Die Lieder des Ghetto zerfallen in drei große Teile: die Lieder der Arbeit, die Lieder des Volkes und die Lieder des Lebens. In dieser Einteilung liegt eine wunderschöne starke Tapferkeit und eine stolze Zuversicht, die den düsteren Ton all der Lieder fast vergessen macht. Von seinem eigensten persönlichen Leid singt der Dichter zuerst; von der trostlosen quälenden Sklaverei an der Maschine, von dem lichtlosen Dasein des Proletariers, von der unentrinnbaren Sorge, von dem tiefsten Elend dessen, der nichts kennt vom Leben als Hunger, Entbehrung und Haß. Dann wird ihm der Schmerz seines Volkes zum Lied und er erzählt von den Millionen unsagbar Gemarterter, die, in tiefster Erniedrigung lebend, ein Gefängnis, das Ghetto, ihre unsichere Heimat nennend doch im trostlosen Dunkel an das verheißene Licht nicht vergessen wollen. Und nach diesen Liedern ertönen die Lieder des Lebens, Lieder der Hoffnung, in denen der Traum von Frieden und Freiheit, von Stolz und Kraft lebendig wird, Lieder, die noch vor fünfzig, ja noch vor dreißig Jahren hätten nicht geschrieben werden können und die wie Sturmvögel dem bedrückten Volke voraus eilen in eine ferne und schöne Zukunft. Und fragt man sich, was Rosenfeld zu diesem bezwingenden Dichter gemacht hat, so ist die Antwort: erstens sein Judentum; sein Judentum, das seinen Dichtungen Tiefe, Weichheit, Timbre, kurz: Resonanz gibt, sie aus rein lyrischen, persönlichen Bekenntnissen zur epischen Bedeutung eines Volks- Schmerzenschreies erhebt und zweitens die Not. Die strenge, harte und unerbittliche Not. Ueber sein Leben will ich Ihnen nur einige kurze Daten mitteilen. Er ist am 25. Dezember 1862 in dem kleinen Städtchen Bokscha in Russisch-Polen geboren worden. Als er noch ein Kind war, mußten seine Eltern nach Warschau ziehen. Dort wurde er in den Cheder geschickt, lernte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.