Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 7 Dr. Dlocb's MlocbenscbrLN< Seite 101 Vom Jahrmarkt des Lehens. „Greis"—„Mephistopheles". Zur Erklärung des ersten Wortes schreibt Herr Rabbiner A. A n s ch l o w i tz aus Jägerndorf in einem Briefe an Herrn Professor Dr. Grünfeld: „Dieses Wort stammt aus Polen, wo ein Fehler „Gras" genannt und hierzulande irrtümlich in Greis verdeutscht wurde. Unter Gras versteht man aber nicht einen hochbetagten Mann, sondern das hebräische nina von JH3 welches wohl richtig „Fehler", „Mangel" bedeutet. Das Wort ist gebildet nach dem Muster rw-L von Die gleiche Meinung wird in verschiedenen Zuschriften an die Redaktion vertreten und sie dürfte auch das Richtige getroffen haben. Zur Einsendung des Herrn A. Mittelmann erhalten wir von Herrn Prof. Dr. G r ü n f e l d folgende Zuschrfft: „Gerade was Herr Mittelmann als Unwahrscheinlichkeit" bezeichnet, spricht für die Erklärung des Wortes, wie ich sie zu geben versuchte, ohne andere Erklärungen abzuweisen. Es ist allgemein bekannt, wie verbreitet das Studium des Hebräischen und Lateinischen im 15. und 16. Jahrhundert war (Zeitalter der Renaissance, man lese nur z. B. den historischen Roman von Georg Ebers „Im blauen Hecht"). Solche Verbindungen heterogener Sprachelemente kamen und kommen sehr häufig vor. (Vergleiche Automobil.) Schließlich kommt ja Herr Mittelmann teilweise auf meine Erklärung zurück. Daß Jemand statt newi — mephi hört — das ist unwahrscheinlich. Was die Erklärung des Wortes „Greis" durch Herrn Mittelmann anbelangt, so hat sie weder mich, noch, ich wage es auch zu behaupten, jemand anderen befriedigt. Damit erkläre ich für meinen Teil diesen Streit um Worte für beendigt. Hochachtend •'v;Ui' •* Dr. Grünfeld. Herr Oberrabbiner?r. Ernst aus Warasdin schreibt uns in Bezug auf das Wort „Greis"—„Fehler": Ich glaube die Bedeutung dieses Wortes liegt sehr nahe. In der Logik wird unter den fehlerhaften Schlüssen auch der sogenannte eirenius vitiosus, der verhaßte Zirkel, auch petitio prineipii, aufgezählt. Dieser fehlerhafte Schluß wird auch einfach Zirkel oder Kreis genannt, und hört man einen solchen Schluß, so sagt man, um seine Fehlerhaftigkeit zu bezeichnen, das sei ein „Kreis"-Fehler. Die Juden haben sich seit Maimonides vielfach und zumeist mit aristotelischer Philosophie befaßt und ihn, den Stageriten, den „Vater der Logik" auch fleißig gelesen. Was Wunder also, wenn die Juden Kenntnis von dem oireuius vitiosus hatten und schließlich jeden Fehler im Denken als „Kreis" bezeichneten. Daß das „k" in „g" sich abschwächte, kommt auch sonst im Jargon vor. Somit ist Greis^Kreis—Fehler. Habe ich in dieser Erklärung einen „Greis" gemacht, so lasse ich mich gerne belehren. Warasdin. Dr. Jg. E r n st, Oberrabbiner. Damit betrachten wir diese sprachkritische Diskuffion für unser Blatt für geschlossen. Die jüdische Katakombe an der Bia Portuensis. In der „Münchner Allgem. Ztg." schreibt Herr M.: In der „Röm. Quartalschrift für christliche Altertumskunde usw.", 1905, S. 3, findet sich eine ausführliche Schilderung der jüdischen Katakombe an den Hügeln von Monteverde, nahe bei der Eisenbahnstation Trastevere, durch Montesignore de Waal; die Begräbnisstätte hat zweifellos auch für das Urchristentum Bedeutung, da die Judenchristen der apostolischen Zeit in den jüdischen Coemeterien begraben wurden. Die wiederentdeckte Katakombe an der Via Portuensis ist in einem solchen Zustand des Verfalles, daß nur durch sehr kostspielige Bauten eine Wiederherstellung und Erhaltung möglich gewesen wäre. Da die reichen Juden Roms kein Geld dafür zur Verfügung gestellt haben, so ist durch die päpstliche archäologische Kommission nur eine provisorische Untersuchung gemacht worden. Der Berliner Professor Andreas Müller, der die Mischen Grabschriften Italiens herausgibt, wird in Berlin Versuche machen, um in den beteiligten Kreisen Beträge zu erhalten, welche systematische Untersuchung und Erhaltung dieser Katakombe ermöglichen. Wir zweifeln nicht, daß die deutschen Juden hier willig einspringen werden, die doch auch als Hauptkontribuenten für die Arbeiten der Orient-Gesellschaft ihre Opferwilligkeit für wissenschaftliche Zwecke gezeigt haben und noch zeigen. Wie schon Bofio gesehen hatte, fehlten in dieser Katakombe Malereien gänzlich; doch trugen fast alle Gräber den fiebenarmigen Leuchter aufgemalt oder eingeritzt. Die Inschriften darauf waren alle griechisch. Bofio hatte keine einzige Marmortafel mit Inschrift gefunden. Doch hat man deren in der jetzigen Ausgrabung eine ziemliche Anzahl gesammelt, die später im christlichen Museum des Lateran in der eigenen Abteilung jüdischer Inschriften eingemauert werden sollen. Einige derselben, wie die eines Archi- Synagogen, haben einen besonderen Wert. Bofio war zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf einen zum größten Teil erbrochenen und ausgeraubten Teil des jüdischen Coemeterium gestoßen — und zwar den ältesten, wie es scheint — wo wahrscheinlich das ärmste Volk der jüdischen Transtiberinischen Kolonie begraben war (s. Martial. XII. 57 ad sporsum, nicht wie de Waal zitiert „XII. 46 ad 8partum"). Ueber 300 Lampen wurden in diesem Frühjahr in der Katakombe, die an anderer Stelle als damals von Bofio betreten wurde, gesunden; sie trugen allerlei Tierzeichen, eine den fiebenarmigen Leuchter, eine auch ein Chrisma, die ein Jude wohl unbesehen gekauft und verwendet hatte. Ferner wurde eine Fülle von Kleingegenständen aller Art gesammelt, das Bruchstück einer großen Glasschale, Stücke von Elfenbeinschnitzereien, Ringe, Amulette usw., ferner die Picke und Schaufel eines Totengräbers. Die jetzt durchforschte Region weist auf das 3. und 4. nachchristliche Jahrhundert. — Monsignore de Waal hofft, daß eine spätere Durchforschung, für welche die Mittel hoffentlich nicht ausbleiben werden, zu den Anfängen der Katakombe, die in das erste vorchristliche Jahrhundert gehen können, als Pompejus zuerst zahlreiche Juden nach Rom brachte, führen wird. Und da ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß hier einer oder der andere der Namen auftaucht, an die in „der Apostel Taten" 2, 10 gedacht und die im Römerbrief 16, 3—15 namentlich zitiert find. So hat man doch schon im Lateranmuseum eine Ziegelplatte unbekannter Herkunft mit „Urbanus"; in den Katakomben der Priscilla wurde der Grabstein einer gewissen Phoebe gefunden. Dabei möchte man an Paulus' Brief an die Römer 16, 9 resp. 16, 1 und 2 denken. Korrespondenzen. Das Verbrechen gegen Hilsner. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. Februar interpellierten Dr. Straucher und Genoffen den Leiter des Justizministeriums wegen Überprüfung der Strafakten im Strafprozesse gegen Leopold Hilsner und die Anordnung einer Revision dieses Strafprozeffes. In der Interpellation verweisen die Interpellanten auf die Schrift des Berliner Rechtsanwalts Doktor A. Nußbaum über den Polnaer Ritualmordprozeß, welche auf Grund des Quellenmaterials zu dem Schluffe gelangt, daß die am 14. November 1900 vom Schwurgerichte in Pisek erfolgte Schuldigsprechung des Leopold Hilsner wegen Ermordung der Mädchen Agnes Hruza und Marie Klima und deffen Verurteilung zum Tode ein grauenvoller Justizmord, eine furchtbare Verirrung menschlicher Justiz ist, und es als eine unabweisbare Pflicht betrachtet werden muß, diesen Justizirrtum zu sühnen. Die Interpellation erwähnt sodann das aus der Feder des deutschen Straftechtslehrers v. Liszt stammende Vorwort zu dieser Schrift und fährt fort, daß es auf Grund des akten-