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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 100 Dr. Llocb s MocvenscvrlN. Nr. 7 Mächtig zog Heine die Glanzepoche der jüdischen Geschichte in Spanien an. In seinen „hebräischen Melodien" hat er ihr den großartigsten Ausdruck gegeben. Schon der „A l m a n s o r" ist ein poetischer Ausruf des Weltschmerzes, d. i. des Judenschmerzes des Dichters. „Donna Clara", diese prächtige Ballade, bringt den Judenhaß zur gewaltigen Darstellung; jene Schöne, die sich dem unbekannten Ritter hingibt, muß erfahren, daß sie, die Juden mit tötlichem Hasse Verfolgende, die Geliebte ist des Lohnes des vielbelobten, großen schristgelehrten Rabbi Israel von Saragossa". Der große Zudenschmerz, „die alte ungestillte, tiefe Klage um Zion", sie sind gleichsam ein Teil des „Weltschmerzes", der da aus dem wehmütigen und grausamen Gefühle des Leids entspringt über die Ungerechtigkeit und Gewalttätigkeit des Lebens?) Ist es nicht merkwürdig, daß der Dichter des Weltschmerzes, Lord Byron, diesem Judenschmerz seine innigsten Lieder in seinen „Hebrew Melodies" geweiht hat? In diesen „hebräischen Melodien" klingt gleichsam der alte Selichahton wieder, wir meinen sie zu hören die Peitanim des Mittelalters, wenn Byron fingt: . „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda nur — die Gruft". Nun hatte Heine einen Blick in die große Leidensgeschichte seines Volkes getan, wie ein gewaltsamer Riß ging es ihm durchs Herz, als er hinging und Jehuda ben Halevy, wie er ihn nennt, Jehuda Halevy, als den wir ihn kennen, besang, den Dichter des schmerzensreichen Zionsgesanges, der, selbst in der Uebersetzung, noch heute jedes Juden Herz gewaltig bewegt. Mit Recht hat man diesen wunderbaren Romanzencyklus als ein „düsteres Märtyrerlied" bezeichnet.' Wie ein Lied „Aus uralten Zeiten", so „schwirren" Heine „unaufhörlich Wort und Weise" aus dem uralten Psalme im Kopfe: „Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, vergaß' ich Jemals dein, Jerusalem — Und in der Tat nirgends zeigt sich der Dichtergenius in so reiner Schönheit, nirgends nimmt er so gewaltigen Flug, wie in den Gedichten „Prinzessin Sabbath" und Jehuda benHalevy. Wir verstehen durch Heine, daß Inda ben Salomo al Charisi (Heine nennt ihn Ab-Charisi) von diesem Jehuda sagen konnte: „Das Lied, das der Levit Jehuda gesungen, — ist als Prachtdiadem um der Gemeinde Haupt geschlungen, — als Perlenschnur hält es chren Hals umrungen. Mit seinen Gebeten reißt er die Herzen hin, sie überwindend — in seinen Liebesliedern mild wie der Tau und wie feurige Kohlen zündend, — und in seinen Klagetönen — läßt er strömen die Wolke der Tränen, — in den Briefen und Schriften, die er verfaßt, — ist alle Poesie eingefaßt." Der Ruhm Jehuda Halevys ist unsterblich und zu dieser Unsterblichkeit haben seine Dichtungen und Heine beigetragen, wenn Jehuda auch nicht „das hebräische Sabbathlied" Lecho Daudi verfaßte, das ihm unser Dichter mit jener göttlichen Ignoranz zuschreibt, die ihn auch dazu verführte, mit besonders modulierter Melodei am Pessachtage die erbauliche Geschichte von der Versuchung Abrahams in der Synagoge vortragen zu lassen. Dieses „hebräische Sabbathlied" (man vergleiche auch das Gedicht „Prinzessin Sabbath" im „Romanzero^, das Salomoh Halewi Alkabag im 15. JahrhuudM verfaßte, hat Heine in vortrefflicher Weise übersetzt. Daß Jehuda Halevy auferstanden, ist nicht so Zunzens, als vielmehr Heines Verdienst, der Dichter erweckte den Dichter. Und nun zu der beißenden Satyre „Disputation'' zwischen Rabbi Juda, dem Navarrer,. und dem Frater Jose, Guardian der Franziskaner! Man weiß cs, wie das Mittelalter die Turniere, aber auch „das geistliche Turnei" liebte. N.:chmanides, Rabbi Josef Albo u. A. haben sich zu solchen Gefechten hergeben müssen; in Barcelona und Tortosa wurde die . Lanze geworfen „das Wort, das scholastisch scharf gespitzet". — „Welches ist der wahre Gott?" — Das war die Frage, um welche „Kapuziner und Rabbiner" wahrlich „nicht galante Paladins, nicht Damendiener" fochten. Und wieder ertönt ein leises Kichern, wenn der Dichter seinen Juda, den Navarrer, sich berufen läßt „auf die Mischna, Kommentare und Traktate"; und wenn er dann sagt: „Bringt auch aus dem Tausves-Jontof Viel beweisende Citate". Aber welche Blasphemie Mußt er von dem Mönche hören! Dieser sprach: Der Tausves-Jontof Möge sich zum Teufel scheren. Der Rabbi braucht nicht „Zeter, Zeter" zu schreien, — denn einen „Tausves-Jontof" gab es damals noch nicht, der gehört erst dem 17. Jahrhundert an und wurde von dem berühmten Jomtob (Lipman) Heller verfaßt, wie wir heute Heine sagen könnten. Seine Gewährsleute scheinen ihm anderes berichtet zu haben. Aber ist die „Disputation" auch ohne die „Tosefot Jomtob" nicht die blutigste Satyre auf jenen scholastischen Geist, an dem die positiven Religionen oft leiden und ihre Bekenner mit ihnen? Niemals ist mit beißenderem Hohne das verlacht worden, was man die leere S ch a l e der Religion nennen kann, während der edle Kern zugrunde geht. Ja, sie haben beide gesündigt, „der Rabbi und der Mönch". Heines Gedichte sind allgemein bekannt, weniger bekannt dürfte es sein, wie er mit diesen auf die jüdische Literatur wirkte. 8 9) Wie der „Rabbi v o n B a ch a r a ch" gleichsam der Ahne einer großen Erzählungsliteratur ist, so haben seine Dichtungen, in denen „der Judenschmerz" zum Ausdrucke gelangt, viele jüdische Dichter begeistert, fteilich reichen sie nicht einmal bis zur Schuhsohle unseres Dichters. Michael Beer, der Bruder Meyerbeers, hat in seinem „Paria", Joel Jacoby in seinen „Klagen eines Juden" dem Schmerze „über den verachteten Genius eines verachteten Volkes Ausdruck gegeben". Wer kennt sie auch heute, jene längst verklungenen Sänge, heißen sie nun „westöstliche Schwalben" oder „Gesänge aus der Verbannung", oder „Ebräische Gesänge" oder „Jordansklänge?" Vor einiger Zeit hielten wir eine Umfrage in der Schule nach den Namen: Ludwig August Frankl und Mosenthal, nach den österreichischen Dichtern des „Primator", „Des letzten Hohepriesters" und der „Deborah". Keiner von den Schülern der obersten Klassen wußte etwas von ihnen zu sagen, so schnell ist man heute vergessen. Heine hat mit Macht gewirkt. Brck, Creizenach, Emil Kuh, Steinheim, Rappoport und wie sie alle heißen, wurden von ihm beeinflußt, aber sie alle schlafen, eingesargt im Schreine der Literaturgeschichte.-Der Baum aber, den unser Dichter gepflanzt, breitet weithin seine Aeste und Zweige aus, und wie viele bergen sich unter seinem Schatten! „Keinen Kadosch wird man sagen", er hat Recht behalten, der Unsterbliche. Kein gekauftes Gedächtnisgebet, kein Spruch, bei dem sich nur die Lippen bewegen und von dem das Herz nichts weiß, wird an seinen „Sterbetagen" gesagt. Anders hat er für seine Unsterblichkeit gesorgt. Sagen wir dies mit den Worten seines „Hymnus":^) „Ich bin das S ch w e r t, ich bin die Flamme, Ich habe euch erleuchtet in der Dunkelheit, und als die Schlacht begann, focht ich voran, in der ersten Reihe . . . . Aufs neue erklingen die Trompeten, es gilt neuen Kampf. Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme". Dr. M. G r ü n f e l d. 8) Karpeles, Geschichte bet jüdischen Literatur, 2. B. 1. c. S 1128. 9) Werke, III, B. S. 146. „Aus dem Nachlaß" (1840-1850). 7) Karpeks, 1. c. S. 1127,

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