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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 Dr. Blöcb’s Mocbenscbrttt. Leite 99 Nacht vom 16. auf den 17. Februar, um '*745 Uhr Morgens seinen unstäten Geist ausgehaucht hatte. Und, wenn man auch nicht auf kirchliche Art seiner gedenkt, wie er so prophetisch vorausgesagt hatte, es wird „gesagt und gesungen" an diesem seinem Todestage, der sich nun zum 50-male jährt. Auch wir Juden gedenken seiner, wenn auch nicht mit einem „Kadosch", wie er in seiner Art fingt. Denn Heine war, wie Karpeles mit Recht bemerkt'), ein Jude, er vergaß dies nicht mitten im Taumel eines bacchantischen Lebens, mitten unter den dem Judentum gehässigsten Einflüssen" .. . Wer hätte auch das Judentum besser gekennzeichnet, als dieser äußerlich abtrünnige und doch im Herzen so treue Sohn unseres Volkes? Wie sagt doch der Rabbi von Bacharach zur schönen Sara: „Sieh — wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine. Tore von außen, und drinnen find seine Hüter Narrheit und Furcht". Kann jemand leugnen, daß diese Worte des Dichters, der hier zum Seher wird, auch heute noch gelten? Es war im Jahre 1819. Damals gründete der spätere Professor der Jurisprudenz, Eduard Gans, mit mehreren anderen geistvollen jungen Männern in Berlin den „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums". Von diesem Vereine wurde „Die Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums" herausgegeben. Die Redaktion dieser Zeitschrift übernahm 1822 Leopold Zunz, und zu ihren Mitarbeitern zählten außer dem genannten Eduard Gans der Kantianer Lazarus Ben-David, Immanuel Wohlwill (Wolf), auch der Orientalist Ludwig Marcus, dem Heine so herrliche Gedenkworte widmete. Man lese diese nach, um zu erfahren, was jener Verein bezweckte. Heine meint, er habe eine hochfliegend große, aber unausführbare Idee verfolgt. Geistbegabte und tiefherzige Männer versuchten hier die Rettung einer läng st verlorenen Sache und es gelang ihnen höchstens, auf den Wahlstätten der Vergangenheit die Gebeine der älteren Kämpfer aufzufinden"?) Und doch war auch Heine ein solcher Kämpfer geblieben, so wenig er es zugestehen mochte, wenn er auch mit anderen Mitgliedern, wie Eduard Gans, dem Judentum den Rücken, kehrte. Mit welcher Pietät spricht er in diesen Denkworten von Moses Moser, der auch ein Gründer des Vereines gewesen. Ihm hatte Heine, als dem intimsten Freunde, den Beinamen „Marquis Posa" gegeben. Auf alle mögliche Art hatte dieser Posa seinen Carlos gefördert und auf ihn bedeutenden Einfluß ausgeübt. Zunz, Gans, Moser verstanden es, Heine für die Interessen ihrer Glaubensgenossen zu begeistern. Am 4. August 1822 wurde Heine Mitglied des Vereines, er wohnte dessen Sitzungen mit Eifer bei, nahm eifrig an den Beratungen über die Abfassung eines Religionsbuches für die jüdische Jugend teil, er wollte auch einen Beitrag für die „Zeitschrift" liefern, aber diese war schon nach dem Erscheinen des dritten Heftes eingegangen. Wenn auch jetzt viele, unter ihnen Eduard Gans, die alte Fahne verließen, Heine hielt damals noch nicht, wie später (1844) das Judentum für „eine verlorene Sach e", und war er, der Hegelianer, auch längst nicht mehr religiös, sein Stammesbewußtsein war noch rege und seine Gegnerschaft wandte sich gegen die feigen Abtrünnigen und gegen diejenigen, die da meinten, durch flache Predigten und deutsche Lieder, durch Chorgesang und Orgelklang, durch eine aufgepfropfte protestantische, sogenannte Reform das arg gefährdete Judentum retten zu können?) Feurigen Ausdruck gibt Heine, diesen Renegaten und Verrätern gegenüber, all dem, was sein Herz bewegte, in der Tragödie „A l m a n s o r". Welch' mächtige Wandlung aber war mit. dem Dichter drei Jahre später vorgegangen! In der Zeit, da er seine Studien zum „Rabbi von B a ch a r a ch" betrieb, wurde er in einem Städtchen bei Göttingen Protestant. Damals schrieb er an *) Biographie Heines, Werke B. 1, S. 260. ') Ludwig Marcus, Denkworte, geschrieben zu Paris 22. April 1844. Heine Ges. Werke, 12 B., S. 96, ff. ' 3) Karpeles, Biographie, 1. c. S. 261. Moser: „Vielleicht schicke ich Dir heute noch ein Gedicht aus dem „Rabbi" ... Ein junger spanischer Jude, von Herzen ein Jude, der sich aber aus Luxusübermut (!) taufen läßt, korrespondiert mit dem jungen Gehuda Abarbanel . . . Vielleicht scheut er es doch, eine nicht sehr noble Handlung dem Freunde unumwunden zu schreiben .. . ."') Unter solchen Geistes- und Herzenskämpfen ist der „Rabbi von Bacharach" entstanden, gewiß die herrlichste Frucht, mit der Heines Genius die deutsche und jüdische Literatur beschenkte. Hier wird der „Judenschmerz" in ergreifender Weise geschildert, wie er schon im „Al man so r" so mächtig hervortritt. Er harte zu dem Roman, den er schreiben wollte, eingehende geschichtliche Studien betrieben. Was hätte ihn mehr anziehen können, als die Glanzepoche der jüdischen Geschichte, die der Juden in Spanien? Freilich, der Roman selbst, der, wie wir aufrichtig sagen müfien, leider ein Torso geblieben ist — aber wie herrlich in seiner Schöne ist doch dieses Bruchstück —, spielt auf deutschem Boden. Die spanisch-jüdische Geschichte, die Verbannung der Juden aus Spanien, die Zwangstaufen bilden aber gleichsam die Basis derDichtung. Heine hat durch dieses Fragment mächtig gewirkt. Vor allem war es Phöbus Philippson, der durch den „Rabbi" zu seiner Novelle „Die Marannen" angeregt wurde?) Dieses Werk, das zuerst in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1837) erschien, ist heute wohl nur wenigen bekannt, wurde aber viel gelesen, in mehrere Sprachen und nicht weniger als dreimal, in die hebräische übertragen. Wenn auch nicht unmittelbar, so doch unverkennbar hat Heine auch auf Berthold Auerbach gewirkt, der in seinen ersten Romanen „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann" Bilder aus dem jüdischen Leben in Amsterdam und aus der Zeit Mendelssohns lieferte, indem er zu dem Helden des letzteren Werkes den unglücklichen Epigrammendichter Moses Ephraim Kuh wählte. So ganz „unabhängig von Hein e", wie angenommen wird^), ist Auerbach nicht in diesen seinen ersten Werken. Die Schilderung jüdischer Sitten lehnt sich vielmehr stark an die im „R a b b i von Bacharach" an. Dieses Fragment wurde aber auch der Ausgangspunkt einer ganzen Gallerte von jüdischen Erzählungen, gleichsam der Anfang jener Ghettoliteratur, die, wenn auch nicht stets in klastischen Bildern, so doch oft in sehr lebhaften Schilderungen uns eine Darstellung jüdischen Lebens in den mannigfachsten Ländern bietet. Ihr bedeutendster Vertreter in Oesterreich ist der jetzt leider auch fast vergessene vortreffliche Leopold Kompert. Kehren wir nun noch ein wenig zum „Rabbi von Bacharach" zurück. Stammt er auch teilweise aus des Dichters Jugendzeit, so zeigt sich doch hier Heines Prosa in der glänzendsten Form. Und wer fühlte fich nicht gleichsam von dem Hauche der süßen Jugendzeit angeweht, wenn er diese meisterhafte Schilderung liest. Wie lebhaft tritt der Sederabend vor unser geistiges Auge! Wie dramatisch die Synagogenszene! Man fieht, Heine hat hier nach dem Leben geschildert. Seine Freunde, Zunz und Moser, haben ihn gewiß auch in seinen Studien gefördert. Einen um so drolligeren Eindruck macht es, wenn Heine schreibt: „Auf der erwähnten Bühne" (er meint den Almemor) „zog man von dem heiligen Buche das sammtene Mäntelchen, sowie auch die mit bunten Buchstaben beschriebenem Windeln, womit es umwickelt war und aus der geöffneten Pergamentrolle, in jenem singenden Tone, der am Pessachfeste noch gar besonders moduliert wird, las der. Vorsänger die erbauliche Geschichte von der Versuchung Abrahams." Wer dies wohl dem Dichter zugetragen haben mag? Jedesfalls haben wir hier eine nicht sehr „erbauliche" Verwechslung des Peffach- und Rosch-haschanahfestes. Doch was verzeiht man nicht alles dem' Dichter' . War doch auch Goethes Egmont nicht der schwärmerische junge Mann, wie ihn der Dichter uns darstellt, sondern, nach der erbarmungslosen Geschichte, Vater von 9 lebendigen Kindern! ' 4) Karpeles 1. c. S. 286. 5) Kayserling: Die jüdische Literatur von Mendelssohn bis ans die Gegenwart. Winter-Wünsche 3. B. S. 888. 6) Karpeles, Gesch. d. jiid. Literatur, II. B., S. '1134.

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