Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021663--15171-3039922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 84 Dr. Llocv's Mocvenscvnrl. Nr. 6 Petschau bei Karlsbad. Hier ist vor längerer Zeit der Tempel niedergebrannt und seine Wiederaufrichtung ist umso schwerer, als der Judenhaß in der Gegend die Erwerbsverhältnifse stark schmälert. Ueber Intervention des Herrn Rabbiners I. H. Koerper im benachbarten Theusing, hat der Kaiser der jüdischen Gemeinde 200 Kronen huldvoll gespendet. Um weitere Spenden wird gebeten. Borträge über Toleranz. Auf Anregung des auch in Deutschland sehr wohlbekannten Professors an der Berner Universität Dr. Ludwig Stein wird in Bern zu Gunsten der ruffischen Juden ein Zyklus von Vorträgen über Toleranz statlfinden. Professor Stein selbst wird einen Vortrag halten über die Toleranz als philosophisches Problem. Ferner werden Vorträge halten Prof. Hitty über die Toleranz in der Rechtsgeschichte, Prof. Marti über die Toleranz in der religiösen Geschichte, Prof. Molker über die Toleranz in der allgemeinen Geschichte. Ein Komitee von 15 Damen, darunter zwei Ministergattinnen, hatte sich gebildet, die Einlaßkarten unterzubringen; binnen 24 Stunden waren alle Billets bis auf das letzte vergriffen. Feuilleton. Der Iargonbichter Morris Rosenfeld. Vortrag, gehalten in der zionistischen Ortsgruppe zu Hamburg am 1. Februar 1906 von Frau Lisa T a r l a u. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es eine einem jeden Halbgebildeten geläufige Phrase, daß die Juden ein durchaus unkünstlerisches Volk seien. Zweierlei sprach man ihnen ab, erstens das Vermögen, künstlerische Werte zu schaffen, zweitens das Verständnis, solche Werte zu beurteilen und zu schätzen. Der schöpferische Geist des jüdischen Volkes, der nicht nur eine einzigartige und grundlegende Religion, sondern auch eine soziale Gesetzgebung von noch heute nicht übertroffener Mustergiltigkeit fast aus einem Nichts hervorzuzaubern vermochte, vor der Kunst sollte er versagen, der kritische Geist des jüdischen Volkes, welcher die schwer gerüstete Philosophie aller Völker mit seinen glänzenden Waffen bekämpfte und besiegte— vor der leichten und anmutigen Göttin der Kunst sollten seine Schwerter stumpf und wertlos werden; ein zweites Paradies, das Paradies der Kunst, sollte dem Juden auf ewige Zeiten verschloffen bleiben und auch dies darum, weil er zu viel vom Baume der Erkenntnis genossen. Der Engel aber, der vor diesem Garten Eden den Eintritt wehrte, war nichts als eine jener Scheinwahrheitcn, die umso fester im Gedächtnisse der Menschen haften, je älter sie sind und je weniger sie auf ihren wahren Wert geprüft werden. So war es noch vor einigen Jahrzehnten, heute ist das anders. Heute haben wir jenes Vorurteil glänzend widerlegt, heute ist jene Phrase so tot, daß ein Wiederaufleben unmöglich ist. Wenn ich sage „wir", so meine ich damit die Gesamtheit des jüdischen Volkes, „wir" als Teil dieser Gesamtheit, „wir" im Sinne von westeuropäischen, gebildeten kultivierten Juden kann ich nicht meinen, denn wir gebildeten und kultivierten Juden, wir haben jene lächerliche Phrase selbst nachgesprochen, wir haben dort, wo sich je ein jüdischer Künstler zeigte, ihn als Künstler trotz seiner Abstammung bezeichnet und gefeiert, wir haben an den künstlerischen Idealen anderer Völker unser Herz erwärmt, haben gewissermaßen mitschmarozt an dem, was der Traum nach Schönheit andere Völker schaffen ließ. Und wenn es uns gar gelang, die Lieder der anderen so nachzusingen, daß man keinen Unterschied merken konnte, die Dichtungen der anderen so nachzudichten, daß man sie als „echt deutsch" z. B. bezeichnen durfte, dann waren wir sehr stolz und fühlten uns im siebenten Himmel der Kultur. Wie immer haben wir westeuropäische Juden uns ziemlich schmählich benommen; nicht uns ist die Veränderung in der künstlerischen Wertschätzung des jüdischen Volkes zu danken. Auch diesmal hieß es: 6X Orients!ux, aus dem Osten kam das Licht. Im Osten, dort wo die Juden Kaftan und Peies tragen und unter dem zwiefachen Drucke der Armut und des Judentums leben, dort ist die jüdische Kunst geboren worden. Nicht heute und nicht gestern. Wie eine kleine Herdflamme glimmte sie stets in all diesen winkeligen, kleinen, düsteren und zerfallenden Ghettohäusern, erwärmte das bischen armselige Alltagsleben und warf einen milden, verschönenden Schein auf die rührenden Feste. Jüdische Kunst war in dem eintönigen und schmerzlichen Gesang des Hausierers, der durch Schnee und Kälte spät in der Nacht oder im feuchten Frühnebel der ersten Morgenstunden seinen Packen schleppte und in seiner Einsamkeit nur ein paar Liedtöne hatte, in denen er all seinen Schmerz, seine Sorgen, seinen Kummer und seine Sehnsucht ausklingen ließ. Jüdische Kunst lebte in den Phantasien der Chassidim, wenn sie sich aus dem gedrückten und niederen Leben des Tages in die Wunder und Seligkeiten der messianischen Zeit hineinträumten, wenn sie alles Glück, das sie erwarteten, bestimmt und sicher trotz aller Enttäuschungen erwarteten, wenn sie dieses Glück in halb wehmütigen, halb jubelnden Liedern schilderten und rührend flehten: „Der liebe Gott soll geben, wir soll'n schon dos erleben". Jüdische Kunst wohnte in den Herzen der Frauen, die den Sabbathtisch deckten und die Laubhütte schmückten, die ihre kleine Kinder die ersten uralten Gebetworte stammeln lehrten und die am Sedertische neben ihren Gatten saßen, als Fürstin neben dem Fürsten, „heute noch in Knechtschaft, das nächste Jahr im fteien Land, heute noch hier, das nächste Jahr in Jerusalem." Eine Herdflamme, sagte ich, war diese jüdische Kunst und als der Sturmwind des Zionismus kam und in diese Flamme fuhr, da wurde sie zu einem hellen, strahlenden Feuer, .das in stolzer Schönheit zum Himmel stieg und vor dessen Pracht alle Neider und Schmäher scheu und stumm wurden. „Jüdische Renaissance" hat man dieses Aufflammen der jüdischen Kunst genannt, aber ich glaube, der Ausdruck ist nicht richtig gewählt. Wiedergeboren kann nur werden, was erstorben war, aber die jüdische Kunst war nie erstorben; sie hat immer gelebt und das ist die beste Gewähr dafür, daß sie auch immer leben wird. Einer der hervorragendsten Künstler aus dieser Zeit des Aufflammens der jüdischen Kunst ist Morris Roseufeld. Vielen von Ihnen dürfte der Name des Dichters nicht mehr fremd sein, vielen von Ihnen wird er und seine Kunst einen lange gekannten und geliebten geistigen Besitz bedeuten. Viele von Ihnen werden Morris Rosenfeld bereits verehren und bewundern und sich in diesen Empfindungen nicht nur mit den Juden Rußlands und Amerikas treffen, unter denen Rosenfelds Gedichte von Mund zu Mund gehen, die seine Verse in kleine 10 Kopeken-Hefte auf elendes Papier drucken und diese Hefte dann mit sich schleppen wie ein Heiligtum, sondern Sie werden mit Ihrer Bewunderung und Begeisterung auch überall da Zustimmung finden, wo überhaupt künstlerisches Empfinden, Sinn für wahre Poesie und Verständnis eines dichterischen Temperamentes vorhanden sind. Bedeutende Dichter der europäischen Literatur haben Rosenfeld einen Platz angewiesen neben den größten Poeten der letzten Jahrzehnte, und am besten wird wohl die allgemeine Würdigung, die unser Dichter gefunden, durch die Tatsache gekennzeichnet, daß Uebersetzungen seiner Gedichte in englischer, polnischer, tschechischer und russischer Sprache teils vorliegen, teils vorbereitet werden. Aber so trefflich diese Uebersetzungen auch sein mögen, die tschechische wurde z. B. von dem bedeutendsten tschechischen Dichter Jaroslav Vrchlicky besorgt, am wundervollsten wirken die Lieder Rosenfeld's doch in der Sprache, in der sie geschrieben wurden, im Jargon. Da manifestiert sich nicht nur seine dichterische Gewalt am deutlichsten und bezwingendsten, da werden wir auch immer von neuem überrascht und gepackt von den Wirkungen, die er seiner Sprache abzugewinnen vermag. Weichheit, Fülle und Innigkeit liegt in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.