Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 ' Dr. Dlocb's Mocbenscvrttt, Seite 85 der Juden im Verbände der jüdischen Gemeinden in Amerika. Das ist eine ebenso wichtige, wie ehrenvolle Stellung. Aber er ist noch darüber hinausgewachsen und zum anerkannten Advokaten des Judentums überhaupt, auch außerhalb Amerikas, geworden. Man könnte ihn den jüdischen Gesandten in Washington nennen — nur daß ihm das Offiziöse fehlt. In Kischinew werden Juden massakriert, in Rumänien werden Juden unterdrückt — allemal begibt sich der jüdische Gesandte spornstreichs zum Präsidenten in Washington und ersucht um sein Einschreiten. Und bereitwilligst bombardierte der Präsident Rußland und Rumänien mit Noten oder drohte damit (?). Ein verblüffendes, seltsames Schauspiel — dieser jüdische Gesandte ohne Beglaubigung, ohne Verantwortung, der die Regierung in Washington jederzeit willig findet, zugunsten seiner Rasse in fremden Ländern einzuschreiten. Es ist an sich eine politische und diplomatische Unmöglichkeit, in Amerika allein zur Möglichkeit geworden. Man kann daraus bemessen, welchen Einfluß das amerikanische Judentum in Amerika hat. Die Anzahl der amerikanischen Juden wird heute auf etwa l,500.000 geschätzt, davon über 700.000 in New-Iork allein. Ihre Dollarkönige (Schiff. Loeb, Thalman. Wormser, Speyer, StrauS) stehen wie ein Mann hinter Simon Wolf. Dies Bewußtsein hat wohl Wolf zu dem Wunsch veranlaßt, sein Grabstein möchte dereinst als stolzeste Inschrift die Worte enthalten: »Ile was a Jew and proud of it!« (Er war ein Jude und stolz darauf.) _ „Greis" — „Mephistopheles". Fehlerhafte Stellen in hebräischen Manuskripten schloß man in einen Kreis (dialekt. „Greis") ein, vergleiche unsere Null (0) und unsere Klammern ( )*). Daher wurde Greis — Fehler. Als ein solcher „Greis", als ein „eireulus vitiosus“ stellt sich auch zumeist der Versuch dar, dem Mephistopheles mit Erklärungen auf den Leib zu rücken. Sie hinken, wie ihr Gegenstand. In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. September 1902 habe ich (Nachträge zu „Goethe und die Juden") auf Beziehungen zwischen Faust-Mephisto und David- Achitofel hingewiesen und unter Berufung aus Goethe's eigene Worte, für die Ableitung von Christofel plaidiert**). Wie der biblische Meribaal („der für Baal streitet") sich in einen Mephiboschet (etwa: „der auf den Balg pfeift") verwandelt, so bietet die Antithese Chri—stophel und Mephi—stophel folgendes schwäbische Sprüchlein: Ich mach scho' in der dritte Wuch All Tag iatz en Christofel spruch Und hoff heut' Nacht bey'r Kreutzstrauff duß A Hilf vom Mephi stofilus. Auch über die echt deutsche Endung „eles" habe ich dort gesprochen. Goethe selbst wollte ja, der Teufel solle ein deutscher Teufel sein. Im Uebrigen ist auch damit nicht viel geholfen. „Den Teufel spürt das Völkchen nie". vr. LI. 6r. * * * Sehr geehrter Herr Doktor! Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, mir einige Worte zu der Zuschrift des Herrn Dr. Grünfeld in der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes bezüglich der Etymologie von „Mephistopheles" und „Greis" zu gestatten. 1. Der Erklärungsversuche für „Mephistopheles" gibt es eine Legion; ihre größere oder geringere Wahrscheinlichkeit hängt von dem Vertrauen ab, welches man zu der einen oder anderen Quelle hat. da die Schreibart des Wortes in den alten Volksbüchern und in der Literatur (Shakespeare in den „Weibern von Windsor", Marlowe, Goethe u. s. w.) sehr schwankend ist. Herrn Dr. Grünfelds Erklärung scheint mir an einer großen Unwahrscheinlichkeit zu kranken, man müßte nämlich den Schöpfer des Namens (der spätestens im XVI., wahrscheinlich schon im XV. Jahrhundert gelebt!) für so belesen in zwei sehr heterogenen Literaturen (hebräisch und lateinisch) sich denken, daß er aus nicht sehr häufig vorkommenden Elementen beider *) Auch um die Kraft dämonischer Mächte unwirksam zu machen, zog man z. B. in jüdischen Wochenstuben und beim Geisterzitieren nach christlichem Vorbild (vgl. Grimm, Mythologie, XC, Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde 1905; Lammert, Volksaberglaube 204; Auerbach, Schatzkästlein 98) mit einem rostigen Degen oder Kohle einen Kreis oder, wie man noch heute in Hessen sagt, einen „Gräs", woraus sich der „Greis" entpuppte. **) Der taciteische „stinkende" Teufel (in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift") wäre als Pleonasmus kein Unikum. Pleonastisch ist ja auch der „hinkende" Teufel. Nur ist dieser Titel von Gil Blas wohl darum gewählt, um zu betonen, wie da, wo der Eheteufel herrscht, wirklich einer überflüssig (pleonastisch) ist. Sprachen („Mephitis" ist übrigens auch im Lateinischen nur ein Lehnwort, es gab eine Göttin dieses Namens bei den Griechen) einen Namen komponieren könnte. Entweder keiner der Komponenten, oder beide Komponenten sind hebräisch. Herr Dr. G. scheint ebenfalls dieses Postulat geahnt zu haben, weshalb er den Llepül-bosebsl in die Sache hineingebracht hat, was jedoch, statt die Entstehung zu vereinfachen. sie noch wesentlich komplizierter gestaltete. Ich halte beide Teile für hebräisch, bin aber der Meinung, daß der Urheber des Namens nicht direkt aus dieser Sprache, sondern aus dem sogenannten „jüdischen Jargon" geschöpft hat. In diesem gab es und gibt es eine ähnlich klingende Wendung, welche „trügerische Prophezeiungen" (vgl. Klaget. II. 14) bedeutet. Bei der flüchtigen Aussprache der deutsch-polnischen Juden kann es uns nicht wundern, wenn der nichtjüdische Autor mephi statt newi gehört hat; so hätten wir dann Mephis-tophel. wozu noch der Verfasser eine häufig gebräuchliche Endung anbrachte, so daß der Name einen schönen Klang, wie Aristoteles, erhielt. Mephistopheles heißt also „der Mann der falschen Reden oder Versprechungen". 2. Das Wort „Greis" (der polnische Jude sagt: „Gras", genau so wie er „Tach" für das deutsche Wort „Teich" sagt) bedeutet nicht im Allgemeinen so viel wie Fehler, sondern es wird vielmehr ausschließlich auf Schreib- und Lese-Jrrtümer angewendet. Diese Umstände charakterisieren es als das metaphorisch gebrauchte eben deutsche Wort „Greis" ---- Alt. In der drillen losen Zeit, in welcher dieser übertragene Sinn des Wortes entstanden ist, haben sich gerade beim Lesen und Schreiben die Gebrechen des Alters noch häufiger als heutzutage gezeigt. Wie man etwa im Deutschen sagt: „Eine Schwalbe macht keinen Sommer", obwohl doch auch viele Vögel keinen Sommer machen und nur als etwas Gleichzeitiges zu betrachten sind, — so sagte der Jude, wenn ein junger Mann falsch gelesen oder geschrieben, er macht „Greise", d. h. man merkt gleichsam an ihm die Gebrechen des Alters. Hoch achtend A. Mittelmann. „Gin Kanadier, der Enropens . . Ein russischer Auswanderer in Kanada schreibt an das Berliner Komitee der „Alliance Jsraolite Universelle" : „Ich war seit dem 11. September beim Dreschen, also abwesend von Creelman, Sask. Mein Lohn betrug 2.25 Dollars pro Tag mit Kost und Logis. Vorgestern bin ich nach Creelman zurückgekehrt; in den ganzen 3 Monaten hatte ich nur 50 Arbeitstage, da im Herbst meistens schlechtes Wetter war, so daß man nicht jeden Tag dreschen konnte. An den arbeitslosen Tagen wurde nur Kost und Logis gegeben, aber kein Lohn. Ich habe während dieser Zeit vieles gelernt, ganz besonders, was die kanadische Landwirtschaft anbelangt, da ich vielleicht 75 verschiedene Farmer besucht habe. Bei dieser Arbeit erinnerte ich mich der Worte von Professor Marburg in Berlin, den ich um Rat fragte, bevor ich nach Kanada reiste: „Sie weeden aber in Kanada wie ein Pferd arbeiten müssen." Ich war aber auch mit dieser Arbeit zufrieden und ich hörte manchmal, wie der Eigentümer mich für meine Arbeit lobte. In den Arbeitstagen wurde schon um 5 Uhr gefrühstückt, um 6 Uhr angefangen zu arbeiten. Mittag dauerte nur so lange, daß die Leute fertig essen konnten. Es wird bis 8 Uhr gearbeitet, manchmal auch bis 9 oder 10 Uhr in der Nacht. Ich habe mir aber auch meine 200 Dollars gespart, welche ich einer Bank zur Verwahrung geben werde. Für den Winter habe ich hier im Hotel eine Stellung mit 15 Dollars monatlich, mit voller Kost und Logis. Meine Arbeit ist, zu heizen, die Pferde zu füttern und die Kühe zu melken. Das Exemplar der Zeitung (gemeint ist Nr. 6 des Korrspondenzblattes 1905 mit Abdruck seines Briefes) habe ich erhalten. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir jeden Monat ein Exemplar zuschicken könnten, da diese Zeitung für mich sehr interessant ist. Wegen meiner Schwester ist es so, daß ich ihr nicht zu helfen weiß. Sie möchte wohl nach Kanada kommen, da ich ihr auch eine Schiffskarte schicken möchte und sie könnte auch hier in Creelman 15 Dollars den Monat bekommen mit Kost und Logis für sehr leichte Arbeit; sie ist aber so religiös erzogen, daß ich sicher bin, daß sie es hier gar nicht aushalten kann, denn es wäre ihr hier nicht möglich, sich jüdisch zu führen. Jetzt habe ich Ihnen etwas Neues mitzuteilen, nämlich daß ich seit dem 1. Oktober auch schon eine Heimstätte auf-