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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 84 Dr. Blocb’s MlocvenscvrtN. Nr. 6 kungen der Pogrome sind trotz aller Gegenmaßregeln entsetzliche. Viele Tausende sind an den Bettelstab gebracht, Hunderttausende haben jedeS Selbstgefühl, jeden inneren Halt verloren. Gerade die psychologische Wirkung der Pogrome ist eine entsetzliche. Demgegenüber können alle Hilfsaktionen nur wenig leisten. Trotz der gesammelten Millionen haben die vollkommen ausgeplünderten Handwerker in Kiew pro Person nur 37 Rubel, in Odessa sogar nur 25 Rubel erhalten können. Ein wirklich wirksames Mittel ist nur die Hinausführung der jüdischen Masse nach Palästina. Der nächste Referent Dr. Leo K o h a n-Kischenew wandte sich den Einzelfragen der Emigration zu. Er kommt zu folgenden Forderungen: Einheitliches Zusammenwirken aller Organisationen zur Hilfeleistung, Regulierung der Emigration und Erforschung deS nahen Orients, inbesondere Kleinasiens und Egyptens als de§ geeignetsten Kolonisationsgebietes für auswandernde Judenmassen. Die Diskussion eröffnete Dr. N a t h a n-Berlin. Die Judenfrage sei keine Geldfrage. Darin sei er mit jedem Zionisten einig. Im einzelnen müßte aber jedem seine Ansicht über das Endziel gelassen werden. Alle können aber eine Strecke Wegs zusammengehen, um der ärgsten Not zu steuern. Es handelt sich nur darum, die praktische Lösung für diese gemeinsame Tätigkeit zu finden. Praktische Maßregeln find es, die ergriffen werden müffen. Im Anschluß hieran schlug Professor Dr. Otto Marburg die Einsetzung einer Kommission zur Erforschung des Orients als eines für russische Juden geeigneten Kolonisationsgebietes vor, in der alle auf der Konferenz vertretenen Organisationen vertreten sind und die auch berechtigt ist, vorbereitende Maßregeln zu treffen. Es sprachen ferner Dr. Alexander Marmorek, Dr. Franz Oppenheimer, Dr. Klee. Letzterer schlägt die Ausgestaltung des Jnformationswesens für Auswanderer durch ein Zusammenarbeiten der zionistischen Organisationen aller Länder mit dem Jnformationsbureau des Hilfsvereines Deutscher Juden vor. Auch will er die Unterbringung russisch-jüdischer Kinder außerhalb Rußlands zu einer ständigen Einrichtung machen und schlägt die Einsetzung einer Kommiffion zum Studium dieses Vorschlages vor. Andererseits möchte er, daß die Konferenz vor der Auswanderung unbemittelter Elemente warnt. Nachmittagssitzung. Die Diskussion wurde von den Herren I a s i n o w s k i- Warschau, Friedeberger-London, Dr. Hildesheimer, Dr. Ludwig Werne r-Wien, Jochelmann, Grone mann, U s s i s ch k i n u. a. weitergeführt. Die Redner wünschen insbesondere eine internationale Organisation, die ständig die Hilfsaktion überwacht. Viele warnen auch vor einem Eingriff in innerpolitische Verhältnisse Rußlands. Die dreistündige Diskuffion endete mit der Einsetzung einer neungliedrigen Kommission, der sämtliche Anträge zur weiteren Vorbereitung übergeben wurden. Abendsitzung. Nach endgiltiger Feststellung der Präsenzliste und kurzer Verlesung der Eingänge erhielt Herr B e r g e l-Berlin, der Vorsitzende der am Nachmittag eingesetzten Kommiffion, das Wort zur Berichterstattung. Von den verschiedenen vorgeschlagenen Anregungen für die Einsetzung eines allgemeinen jüdischen Komitees habe die Kommission keine akzeptieren können, da sie alle zu weit gingen und praktisch undurchführbar seien. Die Kommiffion selbst schlage nach Rücksprache mit dem Präsidenten der Konferenz und den Vertretern der erschienenen Organisationen folgende Resolution vor: In Anbetracht, daß die augenblickliche ungeheuere Notlage der ruffischen Juden die Mitarbeit aller jüdischen Korporationen erfordert, in Anbetracht, daß diese Notlage ein Problem darstellt, das das gesamte Judentum in erster Reihe angchen muß, erklärt die Brüsseler Konferenz sür unentbehrlich, daß eine ständige Kooperation aller jüdischen Organisationen stattfinde, und setzt zur Herbeiführung derselben ein vorbereitendes Komitee ein, das aus den Herren Greenberg und Spielmann besteht. Diese bedeutsame Resolution wurde, nachdem sie in das Englische und Französische übersetzt worden war, unter großem Beifall einstimmig angenommen. Auch die von Professor Marburg vorgeschlagene, von der Kommission akzeptierte Resolution: Die auf der Brüsseler Konferenz anwesenden Vertreter der jüdischen Organisationen drücken den Wunsch aus, daß die verschiedenen Organisationen sich an der Bildung einer Kommission beteiligen, welche die verschiedenen Länder, insbesondere den Orient, in Bezug auf Jmmigrations- und Kolonisationsmöglichkeiten für die russischen Juden studieren soll. Diese Kommission, für welche die Mittel von den beteiligten Organisationen aufzubringen sind, soll auch berechtigt sein, vorbereitende Maßregeln selbständig in Angriff zu nehmen, wurde gegen die Stimmen einiger Territorialisten von der Konferenz angenommen. Schließlich wurde folgende Erklärung zur Kenntnis genommen: Die Konferenz hat die Erklärung der jüdischen Hilfsorganisationen zur Kenntnis genommen, wonach eine Emigration Mittelloser gegenwärtig von ihnen nicht gefordert werden kann, weil erstens die erforderlichen materiellen Mittel fehlen, zweitens zur Zeit für diese Kategorie von Auswanderern die Emigrationsländer nicht zur Verfügung stehen. Die Konferenz erklärt es für nötig, daß diese Erklärung zur Kenntnis der russischen Judenheit gebracht wird. Nach einer ziemlich langwierigen Debatte über zwei weitere Resolutionen schloß Präsident W o l f f s o h n um 2 Uhr nachts die Konferenz. Er dankt den Erschienenen für ihre Teilnahme, insbesondere den nichtzionistischen Organisationen, und schloß mit der Feststellung der Tatsache, daß die Konferenz den Erwartungen, die man verständigerweise auf sie setzen ckonnte, voll entsprochen hat. Die Herren Berget und Jasinowski dankten dem Präsidium für seine aufopfernde Tätigkeit. Simon Wolf in Washington. Ueber unseren Glaubensgenossen Simon Wolf in Washington äußert sich in einer der letzten Nummern des hiesigen „Tag" Henry F. Urban in folgender bemerkenswerter Weise: „In Washington, der Bundeshauptstadt, lebt ein überaus interessanter Mann. Simon Wolf heißt er. Deulsch-jüdischer Amerikaner. Man höre seinen ungewöhnlichen Lebenslauf: Am 28. Oktober 1836 wurde er in Hinzweiler in der Rheinpfalz geboren. Als zwölfjähriges Jüngelchen zog er mit den Großeltern nach Dollarika. und zwar nach dem Städtchen Ullrichsville (offenbar eine deutsche Siedlung) im Staate Ohio, allwo zwei Onkel von Simon einen Laden für Alles hatten. Da mußte er wacker arbeiten. Aber er strebte nach Höherem. So begann er mit 23 Jahren die Rechtswissenschaft zu studiereu. Mit 28 Jahren ließ er sich in Washington als Advokat nieder. Advokatur und Politik gehören in Amerika zusammen. Bald schwamm er vergnügt im politischen Strome als überzeugter Republikaner. Zu General Grant unterhielt er freundschaftliche Beziehungen; 1881 ging er als amerikanischer Minister nach Egypten. Aber mehr als das wiegt die unermüdliche Tätigkeit, die er zugunsten seiner Glaubensgenossen und seiner deutschen Heimatsgenossen entwickelte. Das ist das Außerordentliche an diesem Charakter — das, was ihm das Gepräge gibt. Wenn ein Israelit aus Deutschland in Amerika seinen Glaubensgenossen hilfreiche Haud bietet, so ist das alltäglich. Aber wenn ein Israelit, der als Zwölfjähriger, als Kind sozusagen, von Deutschland nach Amerika wanderte, ein guter Deutscher bleibt — dann vermögen wir Christen uns vor Erstaunen nicht zu fassen. Denn wir wissen ja, wie schwer es einem früh aus der Heimat fortgezogenen christlichen Deutschen wird, in Amerika deutsch zu bleiben. Man denke — dieser Simon Wolf war 14 Jahre lang Präsident des Washingtoner Schützenvereines, ist Ehrenmitglied des Sängerbundes und einer der Gründer des Deutschen Waisenasyls ebendort, veranlaßte während des deutsch-französischen Krieges, daß die Bundesregierung dem Verkauf von Schußwaffen nach Frankreich ein Ende machte, schrieb ein Buch über den „Einfluß der deutschen Einwanderung auf die Entwicklung und Größe der Vereinigten Staaten". Alle Achtung vor solchem Mann! Und ebenso getreu war er als Rassemensch, als Jude. In dem großen Geheimorden B'nei B'ritb bekleidete er das Amt eines Präsidenten. In Atlanta, im Staate Georgia, gründete er ein Heim für jüdische Waisen. Und seit 25 Jahren ist er der Vorsitzende des Delegaten-Ausschusses für bürgerliche und religiöse Rechte

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