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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Dr. Dlocv s Mocdens-.orrn. Seite 83 daß ihm Wachteln und Brot vom Himmel regnen müssen, damit es auf der Flucht aus Egypten nicht verhungere? Warum betet denn die satte zarische Heilsarmee nicht nach ihren Taten, warum hielt sie in Berliner Synagogen Trauergottesdieuste für ihre in Rußland massakrierten Glaubensgenossen ab und nicht Dankgottesdienste für gebesserte Russenkurse? Wie die zarischen Menschenschlächter verdächtige Russen nach Waffen durchsuchen, so sollten christliche Gegner der antisemitischen Religions- und Rassenschlachtlust Nachfragen bei Berliner Juden, die der zarischen Heilsarme verdächtig sind, ob sie vielleicht noch die Originalpapierchen der folgenden Zeitungsweckrufe haben, damit letztere aus ihren russischen Gefühlen heraus in die russische Sprache übersetzt werden können: 5. Jänner 1905. „In einzelnen Blättern wird die Beteiligung an der neuen russischen Anleihe gewissermaßen als ein Verrat an der Sache des Liberalismus und der Humanität bezeichnet. Aber das sind Bedenken idealer Art, denen das Kapital niemals gehorchen wird, da es die selbstsüchtige Tendenz verfolgt, sich eine Anlage zu suchen, die eine möglichst große Sicherheit mit einem möglichst hohen Zinsgenuß verbindet". 5. Dezember 1905. „Das Privatpublikum neigt sich der wohlbegründeten Ansicht zu, daß russische Effekten bei der jetzigen Bewertung als aussichtsreiche Kapitalsanlage zu betrachten seien". 9. Jänner 1905. Im Börsenbericht über die Einführung der 4'/2"/gigen russischen Staatsanleihe in Deutschland: „Die Entscheidung ist in diesem Falle sehr Vertrauenssache des Publikums zu seinem Bankier". Dasselbe Blatt am 28. August 1905 im politischen Teil: „Gegen neue Anleihen Rußlands ist die Warnung erneut am Platz, die wir an dieser Stelle gegenüber dem bettelnden Absolutismus stets gegeben haben: Haltet die Taschen zu!" Nach der Rechts- und Linkstendenz dieses Zeitungsgeschäfts mit doppelter Buchführung öffnet das „Publikum" gern seine Geldtaschen als Vertrauenssache; es borgt seinem gnädigen Herrn Bankier noch immer ohne Unterpfand und wagt bei einem so riesengroßen^Vertrauen nichts; denn Verpfändungen wären hier keinen Judaslohn wert. Was nützte die Verpfändung des reichsten zarischen Kulturguts, des Branntweinmonopols! Die zarische Heilsarmee könnte die Revolutionäre ja doch nicht daran hindern, die betrübendste Brandstiftung zu begehen, nämlich in den Schnapsbrennereien den flüssigen Krondiamanten Rußlands, den Fusel, anzuzünden. Und schließlich haut nicht nur der Säbel den längsten Kurszettel durch, sondern auch ein bewaffneter Generalstreik. So möchte die Heilsarmee der Russenkurse aus Sündern mal zu Büßern werden. „Sünde ist eine pathetische Bezeichnung für schlechte Geschäfte", erklärt Wedekinds „Marquis von Keith". Das wollen freilich die Heilssoldaten der Russenkurse aus reiner Ethik nicht zugeben; denn sie schenken ja von ihren guten Geschäften, von ihrem russischen Hausse- oder Baisseverdienst bedeutende Mitleidsschanden an die Judenopfer des Zarismus fort. Unberufen, unbeschrieen! heißt bei.Juden der abergläubische Wortschutz gegen das Böse, dem dadurch eine gute Eigenschaft angelobt wird, so daß es die schlechten vermeintlich nicht mehr betätigen kann. Unberufen, unbeschrieen scheint der Zarenabsolutismus ein Jahrhundert zum Sterben zu brauchen, weil ihm das gelbe Metall der Juden immer neues Leben anlobt. Gelb waren im Mittelalter die Abzeichen der Juden und der Dirnen; als Spott für sie wurde das Neidgelb ihre gemeinsame Standesfarbe. In der Neuzeit trieb der getötete Großfürst Sergius die gelbe Gemeinschaft noch enger zusammen, in Moskau ließ er Jüdinnen nur als Prostituierte zu und sie ausweisen, sobald sie arbeiteten. Die Zuhältertat des „erhabenen Opfers" Sergius (unter diesem Ehrennamen betrauert vom Reichstagspräsidenten Graf Ballestrem am 25. Mai 1905) erzählt Alexander Ular in seinem bekannten Buch „Die russische Revolution". Längst haben die großen Vermögen unter den westeuropäischen Juden an den gelben Wollring vergeffen, den ihre Voreltern als Brandmal am Rock tragen mußten; sie loben heute die Ringparabel, welche Leffing für ihre Menschenrechte ersann und — das Dreiklassenwahlrecht. „Es wird geschehen, daß du auch ein Herr wirst und sein Joch von deinem^ Halse reißt." Diese Worte aus dem ersten Buch Mose sollte das Judentum statt seiner Rentengelder nach Rußland tragen. Geldbesitzende deutsche Juden, überlaßt nicht nur den Geistbefitzern ohne Goldwage das Verständnis dafür, daß ihr nicht auf dem Geldmarkt deutsche Staatsbürger wurdet, verlängert nicht durch die Finanzierung des in Absolutismus erstarrten Zaren die Qualen der von ihm Geknechteten, bleibt mit eurem Geld nicht die Bundesgenossen der Finsterlinge wider deren Gegenwehr, wider die Lichtfreude, die die Kulturnacht des Absolutismus bekämpfen! Sonst bleibt ihr verantwortlich vor dem sittlichen Willen der deutschen Nation, die euch nicht deshalb zu gleichberechtigten Bürgern gemacht hat, zu politisch selbstbewußten Menschen, damit ihr mithelfen sollt, daß die Freiheit, welche ihr selbst empfingt, an der deutschen Grenze Halt mache. Das goldene Kalb, das ihr im Zarismus anbetet, hat die zerfleischenden Tatzen des Tigers; nur der Zynismus des Geldes schuf sich die Heilsarmee der Russenkurse. „Das Blaubuch" Nr 4. vom Zabrmarkt des Lebens. Die Brüsseler Konferenz. Ueber den Verlauf der Brüffeler Konferenz wird gemeldet: Brüssel, den 29. Jänner 1906. In das Präsidium der Konferenz wurden die Herren David Wolffsohn als Präsident, Dr. Paul Nathan. Tr. Hirsch Hildesheimer, beide Berlin, Mr. Kisch, London, Professor S i m o n s e n-Kopenhagen, Profeffor Dr. Mandel st am m, Kiew, und Dr. K o h a n-B e r n st e i n, Charkow, gewählt. Die Eröffnungsrede des Präsidenten wurde mit großem Beifall ausgenommen. Auch die Referate fanden lebhaftes Interesse. Dr. M a n d e l st a m m-Kiew entwarf in glänzenden Worten ein Bild der russisch-jüdischen Verhältniffe. Die Lösung der Judenfrage, so führte er aus, innerhalb Rußlands ist eine Unmöglichkeit. Wollte man die ruffischen Juden auf die innerpolitische Entwicklung Rußlands verweisen, so hieße das von ihnen verlangen, sie sollten sich erst abschlachten lassen, um dann russische Vollbürger zu werden. Es bleibt nur ein Mittel: Auswanderung in ein freies Land. Traurig ist die unendliche Zerklüftung unter den Juden selbst und ihre politische Unreife. Noch immer gibt es Leute, welche teils als gemäßigte Liberale, teils als radikale Revolutionäre alles Heil von der ruffischen Freiheit erwarten. Neben ihnen kämpft der „Bund", der zwar nach dem Muster der deutschen Sozialdemokratie organisiert ist, der aber aus politisch vollständig ungeschulten jungen Leuten besteht, wahren Makkabäern mit Jakobinermützen. In ihrer vollständigen Verkennung der russischen Verhältnisse werden sie nur eins erreichen: die weitere Verelendung der jüdischen Massen. Der Redner schloß mit der Erklärung: Die russische Konstitution wird uns keine Freiheit, bestenfalls eine rumänische bringen. Die Aufgabe, Rußland die Zivilisation zu bringen, ist für uns zu schwer. Wir find nicht die Herkuleffe, die den russischen Augiasstall reinigen können. Auswanderung in ein freies Land — dieses Ziel ist zwar schwierig, aber es kann erreicht werden und wir müffen es erstreben, da wir keine andere Wahl haben. Nachdem sodann Dr. Nossig unter Bezugnahme auf die vom Bureau für Statistik der Juden im Aufträge deS Aktionskomitees herausgegebene Broschüre einen kurzen Bericht über die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland gegeben hatte, sprach M o tz k i n-Kikw über die Ursachen und Wirkungen der Pogrome. Er stellt zahlenmäßig und urkundlich die Anteilnahme der Behörden, auch der höheren, an der Vorbereitung der Judenhetzen, die geringe Hilfe, die die Juden von den Liberalen und Revolutionären erfahren haben, fest und hob anderer- ' seits den großen Wert der Selbstwehr, insbesondere an Orten ohne Militär hervor. Die Selbstwehr hat an vielen Orten die ■j Entwicklung größerer Pogrome verhindert, in anderen durch ihre £ Tätigkeit das Selbstgefühl der Juden ausrechterhalten. Die Wir-

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