Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021662--15155-3039905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Str 5 Dr. Blarh's Wochenschrift. Seite 79 Der Vater: „Ja, das ist eine alte Geschichte, die einst passier'e. Als ich klein war, erzählte sie mir mein Vater, dessen Bild hier in unserem Speisezimmer hängt/' Dabei zeigt er auf das Porträt eines Mannes mit abgehärmten Zügen und etwas vorgebeugtem Rücken. „Ich kann mich an meine Jugendzeit erinnern", fetzt der Vater fort, „draußen schneite es, ein kalter Wind fegte durch die Gasse, und der Vater zündete Lichtlein an. Nußschalen waren mit Oel gefüllt nnd mit Dochten versehen worden, und sie schimmerten so hell die Lichtlein, und der Vater sang dazu und wir alle sangen mit, es war wirklich schön" . . . Wie traumverloren sitzt der Vater da. Die Mutter (etwas unangenehm berührt): „Wozu diese alten Geschichten, wir leben doch in einer anderen Zeit. Hugerl, dem Hans, deinem Nachbarn in der Schule, sage, daß vielleicht andere auswandern wollen, wir aber haben es, Gott sei Dank, nicht nötig. Und, wenn er dich wieder Jud' schimpft, zeige es dem Herrn Professor an, schimpfen lassen wir uns nicht. Du gibst für arme Kinder zur „Weihnachtsbekleidung eben so viel, wenn nicht mehr, als er." Hugo: „Und nicht wahr Mama, wir i: erden auch einen Christbaum haben, und die Lichtlein werden leuchten, wie Papas Lichtlein, von denen er uns erzählt hat. Und wir werden singen und fröhlich sein. Das wird noch schöner werden, wie in Papas Jugendzeit, als es schneite und der kalte Wind durch die Gasse ging. Und wir werden ins Theater gehen zum Weihnachtsspiel, ah!, das wird herrlich sein. Und dann gibts keine Schule, kein Latein, keine Geographie und Mathematik und Religion und keine Makka . . . Makkab. . . ach, ist das ein schweres Wort . . ." Der Vater studiert längst seine Zeitung und raucht eine Trabuko dazu. Klein-Hugo und Klein-Elsa führen ein etwas lärmendes Freudcntänzchen auf. Die Mutter probiert das neueste Hutmodell. Das Dienstmädchen räumt den Tisch ab. — So gestalten sich hier Lehre und Leben. _ Chajim. Kriefkaflerr. I. in P. Rembrandt nahm bei seinen biblischen Figuren die Tracht der holländischen Juden seiner Zeit und seines Wohnortes Amsterdam zuni Anhalt und Vorbild, weil er so der historischen Wahrheit näher zu kommen glaubte. Er übersetzte die Bibel nach seiner Art für schlichte, einfache Leute und ließ die jüdischen Schriftsteller holländisch reden. Frage. In London gibt es eine „Gesellschaft der Makkabäer", die hauptsächlich, wenn nicht ganz, aus Juden verschiedener Berufe besteht. Dieser Verein hat jüngst eine wissenschaftliche Sitzung abge. halten, deren Verlauf beweist, wie wenig Boden der Antisemitismus in England gefunden hat. Professor Meldola hielt als Vorsitzender eine Ansprache, worin er die Leistungen der jüdischen Rasse für den Fortschritt der Philosophie und Naturwissenschaft hervorhob. Es sei diese Rasse gewesen, die der Philosophie einen Maimonides und Spinoza, der Astronomie die Familie Herschel, der Botanik einen Ferdinand Cohn, der Chemie die Mayers, Brühl und viele andere, der Physik einen Lippmann und Heinrich Hertz gegeben habe. Prof. Meldola toastete auf die Wissenschaft und auf die Namen derer, die als Vertreter der verschiedenen wissenschaftlichen Institute der Einladung gefolgt waren. Unter diesen befanden sich die klangvollsten Namen der englischen Wissenschaft, so von der Royal Society der Präsident Huggins und der Geologe Archibald Geikie, für die Royal Institution der Herzog von Northumberland, ferner der Altmeister der Chemie Henry Roscoe und sein jüngerer, aber nicht weniger weltberühmter Fachgenosse Milliam Ramsay u. a. Haus. Vergant scheint tatsächlich mit allen Mördern Oesterreichs einen Geheimvertrag abgeschlossen zu haben, damit sie wenigstens die antisemitische Moral beim Verbrechen beachten und alle Anzeichen eines Ritualmordes hinterlassen. So hat es wenigstens ein Bürschchen aus der Redaktion, der als Spezialberichterstatter über den Mord ins Raxental entsendet wurde, gefunden. Der findige Junge hat an einem Tag mehr und natürlich anderes herausgebracht, als die Polizei. Offenbar haben ihn die Lorbeeren und die damit verbundene Gehaltserhöhung des ehrenwerten Kollegen Hans Arnold Schwer nicht schlafen lassen und so entdeckt er — hört! hört! — daß eine der beiden Täterinnen, die irgend jemand extra gut angeschaut hat, eine „stark gebogene Nase" hatte, und daß die dreifach gewickelte Schnur am Halse des Opfers Zweifel darüber lasse, ob zuerst die Strangulierung und dann der „Schnitt" ausgeführt wurde. Die gerichtliche Obduktion hat zwar ergeben, daß nur der Strick einen leichten Einschnitt gemacht habe, aber der Spezialberichterstatter, resp. Erfinder sah einen Schnitt bis auf die Wirbelsäule. So gesperrt gedruckt im Volksblatt- Äbendblatt vom Montag. Dann aber hat das Bürschchen der Mut verlassen und er ließ es beim hoffnungsvollen Anfang bewenden. Das erstemal, daß ein Antisemit seinen Blödsinn einsieht und aufgibt. Hans Arnold, die Zeiten deiner Tapferkeit sind vorüber. Andere Zeiten, andere Justizminister! Deine Epigonen fürchten, daß man nicht nur Berichte sperren, sondern auch Berichterstatter einsperren lassen könnte. Moral. Jaluzot, der wegen schwerer betrügerischer Krida jüngst in Paris zu einem Jahre Kerker verurteilt wurde, war ein Günstling und eifriger Förderer der französischen Antisemiten, denen er seinen ganzen Reichtum zu danken hatte. In Frankreich ebensowie in Oesterreich ist der Antisemitismus ein Deckmantel für mehr oder weniger reinliche Geschäfte. Unter dem Schlagwort: Kauft nur bei Christen! entstanden Banken, die verkrachten, Geschäfts- und Warenhäuser alUr Art, und es ist bekannt, daß die dortigen Klöster nichts anderes als Fabriken waren, in denen eine fürchterliche Ausbeutung herrschte. Jaluzot, der den Juden wohl oft genug Krämergeist vorgeworfen haben dürfte, war ursprünglich Kommis in einem Warenhaus, heiratete echt moralisch als junger Mann die alte Besitzerin und wurde Inhaber des Geschäftes, das als „christlich" von den Nationalisten und Klerikalen stark unterstützt wurde. Merkwürdig ist übrigens, daß die französischen Antlsennten die Errichtung von Warenhäusern stark begünstigen, obwohl doch dieser „jüdische Schwindel" nach dem Parteidogma streng verpönt sein sollte und in Wien komödienhafte Wutausbrüche interpellierender Stadtoäter zeitigt. Wahrscheinlich paßt ihnen das so in den Kram und darauf, nicht auf Logik, nicht auf Recht, nicht auf Treue gibt allein etwas die korrupteste Partei der Welt, die antisemitische. I. R. Mit dieser Anspielung ist eine Sängerin der Hofoper gemeint, die in vergangenen Zeiten sogar am Tempelchor mitwirkte, heute aber fürstliche Gagen bezieht. Diese Dame wurde eingeladen, bei einem Konzert zugunsten der russischen Juden mitzuwirken. Sie versprach das auch bereitwilligst, wenn ihr das Komitee einen Urlaub von der Direktion erwirke. Das wurde durchgesetzt und die Künstlerin ließ ihre herrlichen Arien an diesem Abend — bei einem Gastspiel in der Provinz ertönen, was ihr natürlich mehr eintrug, als das Auftreten zu humanitärem Zwecke. Ja, wenn man schon Gold in der Kehle hat, muß man es auch zu münzen verstehen. Wenn Sie ihr aber Unmoral vorwerfen, so werden Sie auf Ehrenbeleidigung verklagt und sicher verurteilt. Rabbiner Sohr, Budapest. Ihre Anregung, den Vortrag des sei. Max Fleischer „Ueber Wasserbesorgung im alten Jerusalem" (unter Vorlage von Plänen), gehalten den 10. Februar 1898 iu der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien", zum Abdruck zu bringen, werden wir gelegentlich ausführen. — m. Unsere Antwort finden Sie in unserem heutigen Blatte unter Homel. Boris. In Wien dürften sich jetzt ungefähr 150 mittellose jüdische Auswanderer aus Rußland aufhalten. Hinzugekommen sind noch 20 Rumänen, welche erzählen, daß die Plackereien der Behörden nach längerer Pause bei ihnen nun wieder beginnen. Die israelitische Kultusgemeinde in Raudnitz a. E besetzt mit 15. September die Stelle eines Rabbiners. Derselbe soll beider Landessprachen vollkommen mächtig, graduiert und nicht über 40 Jahre alt sein. Mit der Stelle ist ein Gehalt von 2800 Kronen nebst freier Wohnung verbunden. Reisekosten werden bloss dem Akzeptierten vergütet. Anträge mit Zeugnisse sind an den gefertigten Vorstand zu richten. Dar Vorstand der isrelitischen KultHsgemeinde Raudnitz a. k. Aufruf! Die Brigittenau wird mit Recht der Sammelpunkt der armen jüdischen Bevölkerung Wiens genannt. Groß, unermeßlich groß ist die Not unter der Judenschaft dieses Bezirkes. — Alle unsere Bemühungen, nur teilweise das Los unserer armen Glaubensgenossen zu mildern, scheitern aber an der Unzulänglichkeit der uns zu Gebote stehenden Mittel. Wir bitten daher unsere besser situierten Glaubensgenoffen, ihr Augenmerk dem ärmsten aller Wiener Bezirke zuzuwenden und uns durch Spenden in die angenehme Lage zu versetzen, den zahlreich an uns gestellten Anforderungen gerecht werden zu können. Für den Brigittenauer israel. Unterftützungsverein: Hermann Ellbogen m. p. Josef Wünsch m. p. Kultusvorsteher. Armenrat. Adolf Schreiber w. p. Obmann XX., Klosterneuburgerstraße 19. Gütige Spenden wolle man gefälligst an Herrn Adolf Schreiber» XX., Klosterneuburgerstraße 19 richten und werden dieselben in den Wiener jüdischen Blättern ausgewiesen werden.