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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 78 Dr Dlocv s Mocbenscbmu Nr. L der dritte Sohn, namens Josef Wallner. die Geschäfte der Bahnrestauration weiterführen wird. Das Begräbnis, an dem sich sämtliche dienstfreien Bahn-, Zoll- und Postbeamten beteiligt hatten, wurde durch eine ergreifende Trauerrede Seiner Ehrwürden Herrn Doktor Norden aus Myslowitz eingeleitet. Er gedachte vor allem der Feldzüge, die der Verblichene während seiner 12jährigen aktiven Dienstzeit beim Militär mitgemacht hatte. Dann pries er den Toten als Muster seiner charakteristischen Eigenschaften. Er war seiner Frau ein seelenguter Mann und seinen Kindern ein seltener Vater. Die Beamtenschaft der dortigen Zement- und Sodafabrik, wie auch viele Freunde, Verwandte und Bekannte gaben dem Verblichenen das Geleite bis nach Oswiecim, wo die Beerdigung stattfand. Trotz seiner 12jährigen Militärzeit war der Gottselige, der ein Alter von 73 Jahren erreichte, ein streng religiöser Jude dis an sein Lebensende. Viele arme Durchreisende wurden beschenkt ohne Unterschied der Konfession. Wahrend des russisch-japanischen Krieges und wahrend der Unruhen in Rußland hat der Verstorbene für die jüdischen Flüchtlinge Hervorragendes geleistet. Feuilleton. Kehre und Federt. i. Im Kaffeehause: Zwei ältere Herren. A. : Haben Sie gehört, der Dr. P. ist nun auch mit seiner Frau übertreten. Sie erwarten ein freudiges Ereignis und das Neugeborene soll schon in die „Alleinseligmachende" ausgenommen werden". B. : „Für mich ist dies keine Neuigkeit, der Chef des Doktors, der Gerichtspräsident, soll ihm gesagt haben, daß er ohne „Wasserkur" nicht avancieren könne". A. : „Davon habe ich nichts vernommen; mir wurde wieder erzählt, die Verwandtschaft habe auf diese religiöse Umwandlung Einfluß genommen." B. : „Religiöse Umwandlung", Metamorphose — heißt doch das fremde Wort — ist gut. Aber was haben alle die Verwandlungen. Uebertritte, Taufen, mit der Religion zu tun? Könnte man nicht eher von „unreligiösen Metamorphosen" sprechen? Wo ist die Religion dieser Leute? Der P. hat es doch nicht notwendig, sein Avancement durch ein solches Opfer des Intellekts - so kann man eS doch nennen — herbeizuführen. Er lebt in glänzenden materiellen Verhältnissen, — Vater und Schwiegervater haben dafür Sorge getragen — ist geachtet und geschätzt überall, und der Staat wird seinetwegen die Avancementsverhältniffe auch nicht ändern. Mode, lieber Freund, ist's und Nachahmungstrieb. Was Hunderte andere tun, läßt Herrn Dottor P. nicht ruhen. Eine schreckliche Zeit! A. : „Da Sie von seinem Vater sprechen, möchte ich Sie an den Großvater des Doktor P. erinnern. Ich habe ihn noch gekannt den alten Reb Elia. Hatte schon damals ein großes Vermögen er-, worben durch Woll- und Produktenhandel, war fleißig und tätig. Ter Doktor P., der jüngste Anhänger des Katholizismus, verzehrt nun das Vermögen, um das sich der Großvater geplagt. Er hat aber auch, der alle Reb Elia, wenn ihm die Geschäfte dazu Zeit ließen, gelernt wie ein wahrer Lamdon. Früh ist er aufgestanden, hat Thillim gesagt und mtt Rabbenu Tams Tefillin gebetet. Und nun sein Enkel? Der sorgt schon für die Carriere seiner Kinder, ehe sie noch geboren sind. Das ist der Gegensatz zwischen der Lehre der Alten und dem Leben der Jungen. Wie sagten Sie, Herr B.? Eine schreckliche Zeit? Ich antworte ihnen darauf, eine charakterlose Zeit und ein schwaches Geschlecht. Stärke war nur bei den Alten zu finden, und diese junge Generation zeigt eine greisenhafte Degeneration" ... B. : Wenn man sich über diese Verhältnisse mit faulen Witzen hinweghelfen könnte! Sie sprachen von Gegensatz zwischen Lehre und Leben. Das ist trefflich gesagt. Die Lehre ist gut, aber was nützt sie, wenn sic nicht in die Tat übersetzt wird. Mehr Charaktere brauchen wir und weniger Doktoren. Das Leben treibt mit uns ein trauriges Spiel" ... Die Beiden setzen das unterbrochene Spiel fort. II. Auf der Straße: Zwei auffallend modern gekleidete Damen. Die erste Dame: „Wohin eilen Sie so geschäftig, teuere Freundm?" Die zweite Dame: „Das können Sie sich wohl denken, Liebste, Einkäufe besorgen für die herannahenden Feiertage. Sie wissen ja, was für Mühe so eine Christbaumausschmückung bereitet. Aber man tut es gerne. Die lieben, süßen Kleinen freuen sich so sehr auf das kommende Fest! Sie haben so viele Wünsche und man möchte sie alle erfüllen. Ich sage Ihnen, diese angenehme Aufregung, in der sich Alles im Hause befindet, von meinem Manne angefangen bis zum Dienstboten herab, läßt uns vergessen, wie viel Wege zu machen sind, um das Fest würdig zu feiern... Doch woher kommen Sie, Teuerste? Die erste Dame (schüchternerrötend): „Denken Sie nur, aus der Synagoge. Freundinnen haben mir von dem neuen Prediger e-zählt, er spreche so süß und einschmeichelnd, er spreche wirklich für Frauen und Mädchen, und er sei so blond und jung. Und da bin ich nun, nach langer Zeit allerdings, wieder in die Synagoge gegangen. Er hat wirklich schön geredet. Von den Idealen und von der Zufriedenheit, und wir mögen uns alle lieben, das hat er so schmelzend gesagt, daß alle Frauen mit den Taschentüchern sich die Augen trockneten. Er ist ein angenehmer Mensch. Die Engelein umschweben uns stets, damit hat er geschlossen, und so möge uns der Engel des Friedens immer begleiten". Die zweite Dame: „Wenn man nur Zeit hätte, auch in die Synagoge zu gehen. Aber unser Gottesdienst dauert wirklich etwas lang, und man hat soviel zu besorgen." Die erste Dame: „Da haben Sie Recht, Teuerste, ein wenig modernisieren könnte man schon den alten Gottesdienst. Für uns Frauen bietet er wenig. Wir werden zum Plauschen allzuviel verleitet. Unser neuer Prediger spricht süß, aber doch etwas zu lang. Nun, Sie werden ihn ja anhören?" Die zweite Darme' (ungeduldig): „Vielleicht nach den Feiertagen, aber verzeihen Sie, liebste Freundin, ich muß nun beim Zuckerbäcker das Weihnachtsgebäck bestellen, die lieben Kleinen freuen sich darauf allzusehr. Adieu, Teuerste. Lassen Sie sich bald bei uns sehen, auch möchte ich Ihnen (etwas malitiös) den Smaragdschmnck zeigen, mit dem mich mein guter Gatte zu Weihnachten überrascht hat. Die Ueberraschung hat aber schon vor dem Feste stattgefunden. Denn mein lieber Mann nimmt auf meinen Geschmack Rücksicht, und wie Sie wissen, ist dieser ein etwas — wie soll ich sagen — sezessionistischer..." Die e r st e Dame: „Adieu also, auf Wiedersehen, auch ich habe es eilig, denn auch bei mir geht alles vor dem Feste drunter und drüber. Ich eile zur Stickerin wegen der Zigarrentasche, mit der ich mein liebes Männchen an dem Feste erfreuen möchte. Adieu, Teuerste." — Wer gedenkt der Lehre, wenn das Leben sich so stürmisch gestaltet. Und doch wird die Lehre „süß" vorgetragen. III. ZuHause. Am M i t t a g s t i s ch e, an dem die F a m i l i e v e r s a m m c l t i st. Vater: „Also Hugo, was gab's heut Neues in der Schule?" Hugo (der 11jährige Gymnasiast): „Die lateinische Schularbeit fiel gut aus, ich werde wenigstens die Note „befriedigend" bekommen. Der Mathematikprofessor war etwas grantig. Er meinte, mit den gemeinen Brüchen gehe es schlecht und die Kongruenz der Dreiecke sei nicht unsere starke Seite. Vielleicht komme ich aus der Mathematik (stockend) in die Konferenz. Die Geographie ist schwer. Wir haben uns viele chinesische und indische Namen zu merken und der Sonnenlauf ist auch kein leichtes Stückchen. Die Religion war wieder sehr fad." Mutter: „Die Kinder werden aber auch zu viel mit Latein, Mathematik und Geographie geplagt. Dann kommt noch die Religion. Hugerl sieht auch ganz bleich aus. Und er ißt so wenig . . ." Hugo (der soeben ein Stück Torte rasch hat verschwinden lassen): „Ja, wir haben viel zu lernen, und der Religionslehrer verlangt von uns, daß wir die Chanukkageschichte hebräisch lernen sollen. Das ist zu viel . . ." Die kleine Elsa (neun Jahre alt): „Auch uns hat der Religionslehrer etwas erzählt... von die Makka . . . Wie heißt es doch, Papa?" Der Vater (längere Zeit nachsinnend und verlegen in das neben seinem Teller ausgebreitete Kursblatt blickend): „Wie meinst Du. Elscken?" Die Mutter: „Wozu sollen auch die schweren hebräischen Namen? Jetzt muß sich Hugerl das Japanische und Chinesische merken und nun auch das Hebräische dazu. Hugo, wann kommt heute die Französin?" Hugo: „Ich glaube um 4 Uhr. Der Religionslehrer hat aber gesagt, wir sollen Lichtlein anzünden, weil die Makkab—, ist das aber ein schweres Wort — über den König Antioches Epiphanus, ja so heißt er, gesiegt haben. Und sie haben ein Oelkrüglein gefunden und acht Tage haben sie Lichter angezündet. Das ist geschehen vor vielen vielen Jahren und Gott hat die Juden befreit und wir sollen uns freuen, daß wir Juden sind. Der Hans aber, mein Nachbar in der Schule, schimpft mich immer Jud und sagt mir, wir spllen alle nach Palästina gehen, dort sollen wir einen Tempel bauen. In Wien braucht man uns nicht. Papa, ist es wahr, was der Hans sagt? Ist es in Wien nicht schöner, wie in Palästina? Und hier haben wir ja auch einen Tempel, aber ich gehe nicht hin, letzten Samstag habe ich wieder den Gottesdienst geschwänzt. Der Religionslehrer hat mich ausgezankt, aber ich habe gesagt, ich mußte Klavierstunde nehmen." Die kleine Elsa (lacht). Der Vater: „Freilich müßt ihr jetzt vieles in der Schule lernen, und, was das Schlimmste bei der Sache ist, sie bereitet euch so wenig fürs Leben vor. Lieber Hugo, du mußt trachten, ein tüchtiger Geschäftsmann zu werden, dem Hans aber, deinem Nachbarn in der Schule, sage, daß wir auf keinen Fall nach Palästina auszuwandern gedenken." Hugo: „Und was ist es Papa mit den Makka— Makka—? ein verwünschtes Wort, ich kann es mir nicht merken." Mutter: „Arme Kinder, wie sie geplagt werden". Hugo und Elsa kauen inzwischen tapfer drauf los.

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