Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Blocb’s Mocbenscbrtn. Seite 75 machte Schlotz mit seinen Ausführungen auf den Gerichtshof keinerlei Eindruck. Seine Berufung wurde verworfen und er selbst mit der Mahnung entlassen, sich an der angeblichen Hexe ja nicht zu vergreifen. Mit den Worten, er glaube, was er wolle, verabschiedete er sich. Ein neuer Kurs im preußischen Justizministerium? Ein jüdischer Rechtsanwalt ist zum Mitglied der preußischen Justizprüfungskommission ernannt worden, noch dazu einer, der im Kampfe gegen den Antisemitismus eine hervorragende Rolle gespielt hat. Dr. Eugen F u ch s ist Vorsitzender des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gewesen, dessen Vorstand er noch angehört. Und dennoch hat er Mitglied derjenigen Körperschaft werden können, vor der jeder Jurist aus dem ganzen Staate erscheinen muß, um seine Befähigung für das Richteramt nachzuweisen. An der Spitze der Justizprüfungskommission haben seit langer Zeit Männer ersten Ranges gestanden. Auch zu Mitgliedern dieser Behörde werden nur die tüchtigsten Fachmänner berufen, zumeist Mitglieder der höchsten Gerichtshöfe und Vortragende Räte aus dem Justizministerium. Wenn einmal ein Rechtsanwalt in die Kommission berufen wurde, galt seine Ernennung allenthalben als eine außerordentliche Auszeichnung. Diese Auszeichnung ist jetzt einem Juden erwiesen worden, freilich einem, dem kein Jurist die hervorragende Eignung für das Amt bestreiten wird. Der Justizminister heißt eben nicht mehr Schönstedt, sondern Beseler. Wie Herr Schönstedt die Juden in der Justiz behandelte, das ist oft genug in der Presse und in der Volksvertretung erörtert worden. Er ließ jüdische Assessoren so viele Jahre auf ein Richteramt warten, bis die meisten sich notgedrungen einer anderen Laufbahn zuwandten. Es gibt nicht einen einzigen jüdischen Landgerichtsdirektor in Preußen. Unter den Oberlandesgerichtsräten gab es eine Zeitlang zwei Juden, Mosse und Litten. Aber sie waren nicht von Herrn Schönstedt ernannt worden. Litten ist seither in den Ruhestand getreten. Wenn sich die besten Richter jüdischer Konfession um ein höheres Amt bewarben, wurde ihnen im Justizministerium ganz unverblümt gesagt: „Sie kennen ja das Hindernis; weshalb beseitigen Sie es nicht, weshalb lassen Sie sich nicht taufen?" Vor einiger Zeit ist eine Enquete über die Behandlung der Juden in der Justiz veranstaltet worden; von jüdischer Seite. Ihre Ergebnisse werden ein reiches Material zur Beurteilung des Ministeriums Schönstedt liefern. Hier bekamen jüdische Assessoren überhaupt kein entgeltliches Kommissarium; dort wurden Juden, wenn ihre Ernennung zu Richtern einmal unvermeidlich war, von ganzen Bezirken ausgeschlossen; die Staatsanwaltschaft war ihnen schlechthin verschlossen; zu Vorsitzenden von Kammern für Handelssachen waren Juden gut genug, da brauchten sie nicht zu Direktoren gemacht zu werden; Vorsitzende von Zivil- oder Strafkammern wurden sie nie. Mit bewundernswerter Offenheit verkündete Herr Schönstedt den Grundsatz, daß Juden als Rechtsanwälte nicht so schnell wie Christen das Notariat bekommen dürfen. Der Christ wird in Berlin mit sechs oder acht Dienstjahren Notar, der Jude mit zwanzig oder mehr. Dadurch ist der Justizrat ohne Notariat geschaffen worden; das ist immer der jüdische Justizrat; der Christ ist, wenn er Justizrat wird, längst Notar geworden. Und einer dieser Justizräte ohne Notariat ist das neue Mitglied der Justizprüfungskommission. Justizminister Beseler hat, ohne es zu wollen, eine blutige Satire auf seinen Vorgänger geschrieben. Denn gibt es eine beißendere Kritik, als daß er einen Mann, den Herr Schönstedt noch nicht des Notariats würdig fand, zum Mitglied der höchsten Staatsprüfungskommission beruft? Freilich, Eugen Fuchs ist in seinem Spezialfach die erste deutsche Autorität; sein zweibändiges Werk über das Grundbuchsrecht wird von keinem über dieselbe Materie erreicht, geschweige übertroffen. Er hat auch für andere Arbeiten und für Vorträge in der Juristischen Gesellschaft allgemeine Anerkennung gefunden; er gehört längst dem Vorstand der Anwaltskammer an. Aber Justizrat ist er erst seit wenig Jahren und Notar noch immer nicht, wiewohl er fünfzig Jahre alt ist. Wäre Herr Schönstedt noch am Ruder, niemals wäre die Berufung erfolgt, die heute in allen Juristenkreisen und darüber hinaus Aufsehen erregt. Judenkrawalle in Homel Berlin, 29. Jänner. Der „Lokalanzeiger" meldet aus Moskau: Gleich nach den ersten Zusammenstößen zwischen den Aufständischen und dem Militär brachen in Homel Judenkrawalle aus. Ueberall tauchte der Janhagel auf, der die jüdischen Häuser und Magazine zu zerstören begann. Bauern aus den umliegenden Dörfern zogen nach der Stadt, um an der Plünderung teilzunehmen und bei der Judenmetzelei dabei zu sein. Dieser Pöbel steckte die Stadt in Brand. Jetzt brennt Homel an allen Ecken. Die örtliche Feuerwehr ist ohnmächtig. Aus Mohilew wurden Hilfsmannschaften requiriert. Der Vizegouverneur ist mit Kosaken nach Homel unterwegs. Der dort entstandene Verlust beziffert sich auf Millionen. Das offizielle Telegraf aus Petersburg lügt darüber, wie folgt: Die Unruhen in Homel haben schon am Freitag begonnen Ein Polizeioffizier wurde von revolutionären Juden erschlagen. Hierauf wurden gegen die Juden Truppen beordert, die den Brand legten. Die Juden ihrerseits haben eine Gasse, in der Christen wohnen, angezündet. Die Truppen sollen arge Plünderungen begangen haben. Die bedrohliche Haltung Tausender von Arbeitern der Werkstätten und der Eisenbahnen, die sich für die Juden erklärten, hat den militärischen Ausschreitungen Einhalt getan. Jüdische Parlamentarier im englischen Unterhanse. Während diese Zeilen in den Druck gehen, wird in England die dritte Wahlwoche zu Ende sein. Dieselbe hat das verwirklicht, was die erste und zweite versprochen hat. Die seit 1856 herrschend gewesene konservative Partei liegt zerschmettert zu Boden und eine liberale Partei, so stark und mächtig, wie sie England im Laufe des ganzen neunzehnten Jahrhunderts nicht gegeben hat, ist entstanden. Zu den 31 Wahlkreisen, in denen Juden sich um ein Mandat beworben haben, kam in zwölfter Stunde noch der von den Konservativen vertretene Kreis Kant Ashfort hinzu, indem der liberale B. Harrach den Konservativen das Mandat zu entreißen versuchte. Bis zum 25. Jänner find in 29 Kreisen die Würfel gefallen, mit dem Ergebnis, daß 14 Juden gewählt und 15 unterlegen find. Von den bisher konservativen Abgeordneten ist nur ein einziger, nämlich Mr. H. H. Marks in Tan Tanet mit einer weit größeren Majorität als im Jahre 1904 wiedergewählt worden, während Oberst Lucas und Louis Sinclair in Suffolk respektive Effex eine schwere Niederlage erlitten haben. Von den bisherigen liberalen Abgeordneten kehrt Maurice Levy ins Parlament zurück. Von den jüdischen Kandidaten, die fich um ein konservatives Mandat bewarben, ist Herr E. R. Micholls in Mondmouthbourough gegen eine geringe Majorität unterlegen, während Sir Philipp Magnus an der Londoner Universität nach einem harten Kampfe mit 24 Stimmen über seinen liberalen Vorgänger siegte. Es ist das erstemal, daß ein Jude als Vertreter einer englischen Universität in das Unterhaus einzieht. Die Wahl ist auch insofern merkwürdig, als Sir Philipp Magnus früher Rabbiner war. Mit Ausnahme des Rabbiners Dr. Josef Bloch, der einige Jahre hindurch eine der markantesten Erscheinungen des österreichischen Reichsrates bildete, hat noch kein Parlament auf Erden einen Rabbiner zum Mitglied gehabt. Von den 11 liberalen Kandidaten waren in dieser Woche Herbert H. Raphael in Derby, A. Levy Levery, ein Bruder des Mr. Maurice Levy. in Essex und C. S. Henry in Salon Wellington, Letzterer als liberaler Arbeiter, siegreich. Dagegen find die Herren Herbert S. Leon in Staffshire und Paroy Harrys in Kent unterlegen. Ueberall haben es die liberalen jüdischen Kandidaten verstanden, frühere liberale Minoritäten in zum Teil große Majoritäten zu verwandeln. Gewaltiges Aussehen in ganz England hat die Niederlage des Mr. Louis Sinclair