Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Llocd's MlocbenscbrM. Seite ü9 für das Grab war schon 1891 vollendet. Sie bestellte diese auch. So fühlte sich Wien, das liberale Wien verpflichtet, den Wunsch der dahingegangenen Kaiserin zu erfüllen, sammelte und stellte 1902 das Grabmonument in der Rotunde aus. Nun aber zu den Düsseldorfer Epigonen: Vor vier Jahren suchte ich das Haus, wo Heine geboren. An Stelle des alten Hauses steht ein neues, wohl mit einer Erinnerungstafel. Vom alten hatte Heine noch geschrieben: „Wenn ich sage, nach Hause gehen, so meine ich die Volker st raße und das Haus, worin ich geboren bin; er warnte die Hausfrau, es zu verkaufen, denn „das Trinkgeld der grünverschleiertenEngländerinnen würde ein st" mehr tragen, al's das H aus w ert ist." Leider kam das nicht so. Als ich 1901 (im August) nach dem „H e i n e h a u s" fragte, kannten weder der Kutscher, noch ein Diener der Akademie der bildenden Künste (noch einige Passanten) den N a m e n H e i n e; erst mein Baedeker belehrte sie, daß es einH e i n e h a u s in der V o l k e r st r a ß e 35 gibt. Heine war übertönt vom Kanonendonner, vergessen im Siegestaumel 1870—71 —, daß er Deutschland 1832 die Leviten gelesen und noch später, daß er die „p o t s d ä m m i s ch e Junkersprache" nicht auf den Boulevards „schnarren" hören wollte, das nimmt ihm seine deutsche Dichterseele nicht! Chauvinismus verweigerte ihm, was Berlin dem Freidenker Lessing, dem Barrikadenflüchtling RichardWagner gab. Wer durfte ihn verurteilen, wenn selbst sein Biograph Strödtmann zweifelt, ob es ihm gelungen sei, die „inneren Bezüge des Dichters zu seiner Zeit überall ins rechte Licht zu stellen?" Heine, eine Existenz von außerordentlicher Tragweite, hat als Poet, Denker und Kritiker ein großes neues Blatt beschrieben.*) Man kann sich alle Dichter seit 1825 wegdenken, nur Heine würde eine Lücke zurücklassen. Er wirkte auf alle Strömungen „unseres Dichtens und Denkens bedeutend ein, fühlbar bis auf dem heutigen Tag". Und rührend ist Friedrich Hebbel, der am 16. September 1843 **) schrieb: „Daß Heine Dichter ist, tiefer, wahrerDichter, ein solcher, der sich nicht bloß auf gut Glück ins Meer hinunter taucht, um einige Perlen zu stehlen, sondern der unter Feen und Nixen wohnt und über ihren Reichtum gebietet, das tritt aus seiner Gestalt und aus seiner Rede hervor!" Anno 1900 mußten wir noch die Komödie erleben, daß der Wiener Männer-Gesang-Verein aus zarter Rücksicht für herrschende Strömungen keinen Kranz auf Heines Grab legte. Als die Schweizer Blätter über diesen Vorgang zürnten, schrieb ich ein Ein gesendet aus Jnterlaken an den „Bund", wo zu lesen ist: „Die jetzigenVäter derStadt lesen überhaupt nicht Heine und können vermöge ihrer Gemütsbildung nicht als Vertreter von Literatur undKunst angesehenwerden. Jeder wahrhaftgebildeteOesterreicher wird andem Grabe Heines Huldigung darbringen, unbekümmert um die fragliche Größe derjenigen, welcheglauben, man könne dieUnsterblichkeit vergewaltigen." Die beste Antwort aber war die Heine-Feier am 17. März 1902 im Großen Musik-Vereins-Saale mit einem Prologe Max Kalbecks, gesprochen von *) Jul. Schnndt. **) S. Dr. Bi ach (Brüx). Sonnenthal, einer Rede des Abgeordneten Noske und Liedern mit Heine-Texte, sowie Deklamation von Gedichten, erhebend und beglückend. 1904 ging die Nachricht von der Gründung eines Heine-Museums in der Volker st raße (Heine-Haus) durch die Blätter. Eine Heine-Bibliothek soll aus Wien geschenkt werden. In diesem Jahre endlich hörten wir von einem neuen Heine-Denkmal-Komitee: Am 14. März 1905 wurde in der „Neuen Freien Presse": „Ultramontane Verbohrtheit" als Grund angegeben, warum kein Denkmal zustande kam seit 17 Jahren. Vielleicht hat man doch endlich in Deutschland die K r a f t, nicht den Lyriker Heine wegen des Politikers und Freidenkers zu boykottieren? Ein wahrer Streik der Geister ists zu nennen, wie seit 50 Jahren gegen Heine losgezogen wurde. Man setze dem jungen Dichter in seiner Geburtsstadt endlich ein Denkmal. Wir beneiden die Deutschen um Heine; sie wissen nicht einmal, w e n sie vor sich haben; sie fürchten noch den toten Heine!! Die Enkel! W i r hätten eben wieder einen Heine II nötig für die „Veredlung des deutschen Geistes" bei Teutonen und Christlich-Sozialen, einen Geißler der Brutalität und ihrer Pflanz-Schulen, einen Geißler der Bücklinge vor dem Jesuitismus, die den geblühten F e st r e d e n vor dem Standbild des Dichters der „Götter Griechenlands" für eine Stunde wichen, einen Geißler der Wahldisziplin und Rassen- Ausfälle, die eines zweiten Heine Pfeil bespickte Zielscheibe würden. Drüben rief der Patriot Heine: „O möcht' in meinem Vaterlande die Freiheit friedlich blühn." Die Antwort lautet: Er war kein Patriot! Wohl, weil er kein schwarz-weißes Papier beschrieb und weil ihnen die Striemen seiner Peitsche noch weh tun. Die gebildete Welt, die Intelligenz will auch für den Patrioten Heine, nicht bloß für den Lyriker, den liebenswürdigen Sänger, das Monument: Ein Monument auf den Ruinen der alten Romantik für die Poesie der Zukunft, für den denkenden D i ch t e r der „lachenden Tränen", für Heine, den P h i l o s o p h e n, der selbst gesagt hat: „Witz ist nur erträglich, wenn er aus ernstem Grunde ruht.*) Wie hätte ein solches Genie achtlos an den Ereignissen vorübergehen können? Vor den erbärmlichen deutschen Bundesakten? Darum schäme dich Düsseldorf, aber auch du Hamb u r g und Lüneburg, alle deutschen Städte, die ganze Rheinprovinz, vor Allem Berlin mit der Sieges- Allee und dem Tiergarten, wo bald mehr Monumente als Bäume stehen, nur noch kein Heine-Denkmal neben Goethe, wo sein Platz wäre. 100 Heine-Monumente sollte Deutschland schon längst haben, in jeder Stadt, die er besang und besprach**). Das Volk, das seineGrößen ehrt, ehrt sich s e l b st, das Volk, das es nicht tut, ist bemitleidenswert. Hoffentlich ist es mir gelungen, durch diese Studie Sie wieder der Heine-Denkmals-Frage näher gebracht und Jene gekennzeichnet zu haben, welche Haß und Verachtung ausgesäet gegen das Andenken des Dichters, gleich den Biedermeiern von Hamburg anno 1819—1831, die ihn a u s d e r H e i m a t getrieben, alle Freude in ihm vergiftet haben in der schönen *) Brief an Moser. **) Nachschrift: Im Dezember 1905 wurde in Wien ein „Heine-Bund"gegründet, welcher ein „H ein e - D en kmal" für Wien anstrebt. — Im Jänner 1906 veröffentlichte der Krrtikex Alfred K e r r einen Aufruf für ein „H e i n e - D e n k m a l" in Berlin. (S. „Neue Freie Preffe" vom 30. und 31. Jänner 1906.)