Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite G§ Dr. Llocv's Mocbenscbrrn. Nr. 5 Aus Heinrich Heines Jugendzeit 180S—1839. Vortrag, gehalten am 6. November 1905 im Verein zur „Abwehr des Antisemitismus". Von Josef Baron Doblhoff. (Schluß.) Börne hat gesagt: „Der deutsche Geist wohnt auf Alpenhöhen, aber das deutsche Gemüt keucht in feuchten Marschländern.*) Trotz aller Verfolgungen schrieb Heine: „Ich lasse mich nicht neutralisieren; ich werde mit Frankreich in wilder Ehe fortleben." (A. d. Nachlaß.) Das Jahr 1848 regte Heine sehr aus: „Das staatsgefährliche Gedankengesindel" kam; er summte; „Heil Dir im Siegerkranz" und „Üeb' immer Treu und Redlichkeit", aber „vergebens" (so parodierte er selbst seine Stimmung) „der welsche Teufelsgesang überdröhnte alle besseren Laute," klagte er in komischer Pose.**) Die Emotionen aber warfen ihn nieder: Vor dem Bilde der Venus von Milo im Louvre brach der Dichter, der Sänger der Liebe und Schönheit, zusammen, kaum 49 Jahre alt, und fiel in die „Matratzengruft". Die acht langen Jahre des Martyriums wurden ihm nur durch Freundschaft erleichtert,***) vor Allem durch Meißner und „die Mouche", von der Meißner in seinen Erinnerungen erzählte, die sich bald so, bald so nannte, eigentlich eine Böhmin war, welche ihre Abkunft und ihren Lebenswandel vor allen verbarg (1847 hieß sie „Margot" und lernte Meißner im Waggon kennen, 1849 stand sie ihm sehr nahe, 1850 ignorierte sie ihn vornehm und fuhr in einer Equipage). Bei Heine saß sie hunderte von Stunden; sie besaß eine Kassette mit Briefen, Versen und Zetteln von Heines Hand noch aus dem Jahre 1856, das letzte Billet vier Wochen vor dem Tode. Zuletzt hatte die Dichterhand die Feder fallen gelassen. Selten brach mehr die poetische Ader durch, am schönsten noch im „Lazarus" (einem Rückblicke auf seine Leiden) und in dem Gedichte: „Wo?" „Wo d" „W o wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden, unter Linden an dem Rhein? Werd' ich wo in einer Wüste eingescharrt von fremder Hand? Oder ruh' ich an der Küste eines Meeres in dem Sand? Immerhin! Mich wird umgeben Gotteshimmel dort wie hier, Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir. Er duldete und versöhnte sich mit dem W o! Der Mont Martre, sein Leidensberg, blieb sein „Quartie r des morts“ und am 17. Februar 18 5 6 gab er Antwort auf das W o? A m 20. Februar war das Leichenbegängnis. Wenige folgten dem Sarge. Dumas blieb treu bis zum Grabe: Selbst angesehene deutsche Blätter schwiegen von dem Tode des Dichters, der einer ganzen Literaturepoche den Stempel eines Genius auf ged rückt, von dem man sagen könnte, wie Byron von Sheridan: „Die Natur zerbrach die Form, nachdem sie ihn geschaffen!" *) Börne „der ewige Jude". **) Aus „Gedanken undEinfälle". Nachlaß p. 185 u-ff. ***) Am Nachlaße fanden sich noch köstliche Stellen, so in »Herakles Musaaetes", einer Schrift gegen die Teutonen; „das Duell zwischen Ochs und Esel in den „Ratten", Fabel in der Zopfzeit, im „SinrplWNmus", „König Langohr", in „Bimini" oder wenn die Eule fragt.: „Wo liegt Canoffa?" und die Raben antworten: „Das alte ist längst untergegangen. Wir möchten ein neues bauen, aber es fehll dazu das Beste, „Die Marmorblöcke und die Quadern und die gekrönten Gäste". In„De utsch l.a n ds ein W i n t er m ä r ch e n" kam Hamburg wieder daran, nach 1844 in den „Neuen Gedichten" und im „Romanzero" hat er sein B e st e s aus dem E x i l e gesandt. D'rum noch ein Wort von der N a ch w e l t zum Schlüsse. Nachtreter hatte Heine, aber keinen Jünger seiner Ideen, seiner Sprache. Die Nachwelt stellte Wohl Verehrer, aber wenig Freunde! So oft ich mich erinnere an die Stunde, in der ich (vor fast 39 Jahren) auf das Grab Heines, (das schwer auffindbar, wenig besucht, ohne Schmuck, nicht einmal mit Namen bekritzelt, dalag,) einen Kranz legte und der Führer zu mir sagte : „On d i t, qne c’ e t a i t nn grandpoete; s’il etait Parisien, ilaurait d 6pui 8 longtemps son monument“ (wie Alfred de Muffet), da muß ich stets der Worte Strodtmanns gedenken, mit denen er die „Lobredner der Gegenwart" geißelt, die da sagen: „Was haben wir noch zu schaffen mit dem stillen Schläfer am Kirchhofgrund, dessen Zeit vorüber ist und der seinen dornendurchflochtenen Lorbeer mit in das Grab hinunternahm? So vergessen sie des Dankes, den sie den „Männern der Idee schuldig sind"! Ist seine Zeit wirklich vorüber? Herrschen wirklich wieder seine Feinde von Einst, der Zopf, die Reaktion, die Bevormundung? Vielleicht hatte Berlioz recht, als er sagte: „Noch durch das Fenster seines Grabes verspottet Heine die Welt." O, wir könnten ihn brauchen; wenn er wieder aufstünde, einen Heine redivivus! Längst gebührt ihm ein Denkmal, aber die Menschen denken zu wenig groß: Weil er den Mut der Ueberzeugung hatte, weil er oft im Zynismus die richtige Schärfe fand für seine Mitwelt, weil er den Großvätern die Wahrheit ins Gesicht sagte, boykottieren ihn die Enkel! ..... Freilich nicht alle; besonders nicht die Frauen. Die Geschichte des Heine-Denkmals*) belehrt. uns., darüber: Im Jahre 1876 wurde wieder in Deutschland f ü r ein Denkmal plaidiert; 1888 ließ die Kaiserin von Oesterreich von E. H e r t e r in Berlin einen Entwurf machen, ein Komitee wurde gebildet. Ja die Welt verspottet sich selbst, indem sie in Heines Geburtsstadt noch kein Monument hat, Deutschland ließ sich von Wien, von New - Iork den Rang ablaufen, von Paris beschämen! . Die Hetze der Ultramontanen genügte, trotz der Entrüstung über die Broschüren, um dem Bürgermeister von Düsseldorf eine ministerielle „Nase" zu verleihen; dieser trat zurück; man intervenierte in Wien und beeinflußte die Kaiserin, welche die Idee damals fallen ließ. Jetzt ging das Komitee von Stadt zu Stadt hausieren! Das Wort Herweghs: „Des Deutschen Volkes Niedertracht" gefällt mir zwar nicht, aber da paßt es: Obwohl Dichter und Gelehrte die Idee des Monumentes priesen, obwohl Paul Heyse schrieb: „Einst halt' ich ein schönes Vaterland, 's ist nur ein Traum gewesen." Das Denkmal mußte, wie der Dichter, dem es galt, ins Exil gehen und am 8. Juli 1899 wurde endlich der „Loreleybrunnen" in einem Parke bei New-Iork von Deutschen 'enthüllt. Der Festredner mußte sagen: „Die amerikanische Metropole zahlt die Schuld ab, zu der Deutschland, wie die übrige Welt dem unvergleichlichen Genius H. Heines verp flicht et ist." Privat bestellte die Kaiserin bei H asselrii s 1893 das Denkmal Heines für das Achilleion in Corfu; die Büste *) Auf einem Denk m a ls-Entwurfe für Friedrich Wilhelm IV. brachte ein Künstler einen Heine am Sockel an. Verworfen von derJ u rh! hieß es. Moriz Hart mann wollte die Deutschen zu Paris zu einem Denkmal bewegen. Maler H e i l b u t h aus Altona plante ein Denkmal auf dem Grabe. Gustav Heine wollte (nach Karpeles) ein Marmorbild auf das Grab stiften, aber Mathilde Heine opponierte. Warum das alles? Warum?