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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 62 Dr. Dlocb's Mocdenscvrrrr Nr. 4 deutsche Verhältnisse sehr bezeichnend, daß dieses von der Glut des echtesten Patriotismus erfüllte Stück erst 1875 gleichzeitig in Berlin und München,und zwar in einer Bearbeitung von Rudolf Genäe,auf derBühne erscheinen konnte. Wir haben eine Aufführung des Dramas in Wien, auf dem zu so trauriger Berühmtheit gelangten Ringtheater gesehen, cs waren die „Meininger" unter Chronegks Leitung, die es hier zur Darstellung brachten. Getreu unserem Grundsätze, klassische Werke immer und immer wieder zu lesen und zu K l e i st, durch den nicht gerade reinlichen Streit über die Ursachen seines Selbstmordes wieder zurückgeföhrt, haben wir uns auch mit seiner „Hermannsschlacht" beschäftigt; wie wunderten wir uns nun, als wir den 4. Auftritt des V. Aktes lasen, und hier Worte fanden, die uns gar sehr anheimelten, erinnerten sie uns doch an Fragen, welche die Mischna aufwirft, und zwar im Traktat A b o t h, III. Abschnitt, § 1.: Akabja, Sobn des Mahallel sprach: „Betrachte drei Dinge und Du wirst nie in Sünde verfallen. Bedenke, woher Du gekommen bist und wohin Du gehst, und vor wem Du wirst dereinst Rechenschaft zu geben haben!" Und nun die Szene bei Kleist. V a r u s rückt in den Teutoburger Wald ein, die Schlacht, die gewaltige, steht bevor, der römische Feldherr soll sein Leben und des Augustus Legionen verlieren, da tritt eine Alraune, (eine weise Frau) auf, mit Krücke und Laterne, und Varus, der Siegesgewiffe, spricht sie an: „Auf diesem Weg, den ich im Irrtum griff, Stammütterchen Cheruskas, sag' mir an. Wo komm' ich her? wo bin ich? wohin w andr' ich?" Man merke Wohl, Varus stellt diese Fragen im eigentlichen Sinne des Wortes, er will Auskunft haben über seinen Marsch, aber ganz anders faßt sie die weise Frau auf, sie sagt: Die Alraune: «Varus, o Feldherr Roms, das sind drei Fragen,° Auf mehr nicht kann mein Mund Dir Rede stehn! Varus: Sind Deine Worte so geprägt, Daß Du wie Stücken Goldes sie berechnest? Wohlan es sei, ich bin damit zufrieden! W o k o m m' i ch h e r?" Die Alraune: „Aus nichts, Quintilius Varus!" Und nun vergleiche man die Antwort, welche die Mischna auf die erste Frage gibt. Wir können sie hier in ihrer ganzen materialistischen Schärfe nicht wiedergeben, wir umschreiben sie also und sagen: „Aus einem gemeinen Keime, aus einem widrigen Stoffe". Varus versteht die Antwort der Alraune offenbar nicht ganz oder will sie nicht verstehen. Er sagt also: Varus: „Aus nichts! Ich komm' aus Arkon heut. Die römische Sibylle, seh' ich wohl, Und jene Wunderfrau von Endor bist Du nicht" Man beachte hier die ähnliche Lage, in der sich Saul I. Sam. 26, 7. ff. und Varus befanden. Doch lassen wir Varus weitersprechen. Varus: „Laß' sehn, wie Du die andern Punkt' erledigst! Wenn Du nicht weißt, woher des Wegs ich wandre: Wo geh' ich hin?" Die Alraune: Ins Nichts, Quintilius Varus". Betrachten wir die Antwort, welche die Mischna auf die zweite Frage gibt und die wir schon wörtlicher wiederzugeben vermögen, so lautet sie: „An einen Ort des Staubes, des Moders und der Motte". Und nun kehren wir wieder zu Varus zurück. Auf die Antwort der Alraune sagt er: Varus: Ins Nichts? Du singst ja wie ein Rabe! Von wannen kommt Dir diese Wissenschaft? Eh' ich in Charons düstern Nachen steige, Denk' ich, als Sieger zweimal noch Rom mit der heiteren Quadriga zu durchschreiten! Das hat ein Priester Jovis mir vertraut. Triff' bitt ich Dich, der dritten Frage Die Du vergönnt mir, besser auf die Stirn! Wo geh' ich her? Wo geh' ich hin? Und wenn Du das nicht weißt, wohlan: ' In welcher Gegend hier befind' ich mich?" Die Alraune: Zwei Schritt vom Grab, Quintilius Varus, Hart zwischen Nichts und Nichts! Man wird in diesem Zwiegespräch den Doppelsinn wohl erkennen, anders sind die Fragen gestellt, und im anderen Sinne beantwortet; Varus ist der Erdenmensch, der an Rom denkt und seinen Sieg, die Alraune stellt das ewige Schicksal dar, das Fatum, dem kein Mensch entgeht. Wie vermählt sich doch hier arischer, oder sagen wir hellenistischer Geist mit semitischem, Erde mit dem Himmel. Unwillkürlich denken wir an eine ähnliche Szene im „Macbeth". Aber es schwebt uns auch jene Unterredung vor, die der König Ahab pflog, ehe er in die Schlacht zog gegen Ben-Hadad und in der er Sieg und Leben verlor. (I. Kön. 22.). Die Alraune war ihm Michajah, Sohn des Jemla, der ihm das unabwendbare Geschick verkündete, das wir in die Worte der Mischna kleiden können, die da lauten: „Wir alle, Schwache und Starke, werden Rechenschaft ablegen müssen vor dem König der Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er". (Aboth III, 1.) Ahnungslos ist Varus, gleich jenem Ahab, diesem Geschicke, das die semitische Weltanschauung kündete, verfallen. Hellenismus und Semitismus aber wohnen in demselben Zelte. (I. Mos. 9. 27.) Dr. Max Grünfeld. Neue Bücher. A. M. Lunez, Jerusalem. „Jerusalem" Jahrbuch zur Beförderung einer wissenschaftlich genauen Kenntnis des jetzigen und des alten Palästinas. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachmännern. Erscheint in 4 Heften, Band VII. Heft 1 und 2. Verlag der Verfassers. Jerusalem 1905. Rabbiner Dr. I. Taglicht. Zwei Denkreden auf den Präsidenten des Tempelvereines für Mariahilf und Neubau M a x F l e i s ch e r, k. k. Baurat. Verlag von M. Waizner und Sohn, IX., Kolingasse 11, Wien, 1906. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben von Leo Win z. Verlag O st und West, G. m. b. H., Berlin, NW. 23, Altonaerstraße 36. V. Jahrg. Nr. 12. Dezember 1905. Inhalt: Fabins Schach, Karlsruhe: Arische und semitische Weltanschauung. Dr. G. Kutna, Berlin: Josef Jsrael's „Jüdische Hochzeit" (mit 1 Illustration). —m.—g.—: Die Tausseuche in Wien (Schluß). Dr. Isidor Singer, New-Zjork: Eine Vogelschau über die Entwicklung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren (Schluß, mit 9 Illustrationen). Jlja Günzburg, Petersburg: Jüdische Nationalkunst (Gedanken eines gelehrten russischen Kritikers), Schluß. Dr. M. Steif, R a u d n i tz : Bileams Eselin. (Eine glaubwürdige Geschichte, mit 4 Illustrationen.) Zadoc Kahn, Grand - Rabbin de France. B. S a m u e l: Helene von Mises (mit 4 Illustrationen.) Dr. B. Hahn: Die russischen Judenverfolgungen und die deutschen Juden in früheren Zeiten. Richard Huldschi n e r : Das Schwert des Juda Makkabi. S i e g b e r t Salter, Berlin: Das Glück des Hauses Loebenthal (mit 2 Illustrationen). Miscellen, Bücherschau. Dr. Franz Schaub: „Der Kampf gegen den Zinswucher, ungerechten Preis undunlauteren Handel im Mittelalter". Von Karl dem Großen bis Papst Alexander III. Eine moralhistorische Untersuchung. Herdersche Verlagsbuchhandlung, F r e i b u r g im Breisgau, 1905. Briefkasten. Dr. G. Präsident der jüdischen Gemeinde in Basel ist derzeit Herr Jules D r e y f u s-B r o d s k i. . K. Adolf Münzer, von dem das prächtige Plakat der Münchener Künstlervereinigung „Die Scholle" stammt und dessen Werke in der Ausstellung der Scholle im Gebäude der Sezession Aufsehen erregen, ist Jude. Er lebte bis jetzt meist in Paris. B. E. in P. Gegen die Behauptung, den Juden fehle die dichterische Fähigkeit für das Drama, sind doch schon genug und glänzende Gegenbeweise geführt worden. Schnitzler und Hoffmannsthal sind Ihnen doch Manns genug. Der Witz des Budapester Kritikers lautet übrigens: Die Juden könnten kein Drama machen; da müßten sie nämlich andere reden lassen. Lassen wir ihn reden! Konferenz. Die marokkanischen Juden leben noch im Ghetto genau so wie im Mittelalter. Sie müssen sich durch die Kleidung von den Muselmanns unterscheiden und dürfen die Judenstadt bei Nacht nicht verlassen. Außerdem müssen sie besondere Steuern zahlen und werden Bei jedem der zahlreichen Aufstände von Freund und Feind gebrondschatzt. Wie verlautet, wurde dem Doyen der diplomatischen Vertretung, dem früheren Ministerpräsidenten und Bevollmächtigten Italiens, Marguis Visconti Venosta, von jüdischer Seite nahegelegt, für die marokkanischen Juden bei der Konferenz zu intervenieren. —elisch. Das Bedürfnis nach gut übersetzten deutschen Gebetbüchern für diejenigen, welche des Hebräischen unkundig sind, wird als dringend anerkannt Demnächst wird ein Buch erscheinen, welches dem Mangel abhelfen wird.

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